04.06.2018 - 20:18 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Notfalls Produktion drosseln

Eigentlich könnte die Welt in Ordnung sein bei der Glashütte Lamberts. Die Geschäfte laufen gut dank weltweiter Nachfrage nach Glas. Soll dies so bleiben, braucht das Unternehmen dringend neue Arbeitskräfte.

Mindestens zwei Jahre brauchen Arbeitnehmer in der Glashütte Lamberts, um die Glasmacherkunst zu erlernen
von Siegfried BühnerProfil

Und dieses Problem hat nicht nur der Glashersteller. Der Fachkräftemangel betrifft längst nicht mehr einzelne Tätigkeiten und Branchen, sondern streut laut Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur breit über fast alle Produktions- und Fertigungsberufe. Längst gibt es auch große Schwierigkeiten, neue Arbeitnehmer im Bereich Logistik, Bau, Gesundheits- und Sozialwesen zu finden.

Und in der Glasbranche. Trotzdem herrscht derzeit bei der Glashütte Lamberts in Waldsassen noch Optimismus vor. Der Betrieb ist Weltmarktführer für mundgeblasenes Flachglas. Die Produkte sind weltweit gefragt, vor allem von Architekten und Künstlern und auch von Kirchen im asiatischen Raum. Deswegen wird auch derzeit in einen Ersatzofen investiert. Doch eine dunkle Wolke steht am Firmenhorizont „Rund ein Drittel unserer Belegschaft von derzeit insgesamt 68 Mitarbeitern wird in fünf Jahren im Ruhestand sein“ sagt Personalleiter Dieter Max von der Glashütte Lamberts in Waldsassen.

Dringend werde Ersatz gebraucht – „und dies möglichst rasch“, betont Max. Schließlich könnten die gesuchten Glasmacher nicht einfach vom Arbeitsmarkt her eingestellt werden. Als Ausbildungsberuf gibt es diesen Beruf nicht, denn die Glasproduktion bei Lamberts ist einmalig in Deutschland. Nur über jahrelange Einarbeitung würden Arbeitnehmer in diese Tätigkeit hineinwachsen. Schließlich gilt es auch den hervorragenden internationalen Ruf von Lamberts aufrechtzuerhalten. Nicht umsonst schrieb kürzlich das Wirtschaftsmagazin „brand eins“: „Das wohl schönste Glas auf der Welt kommt aus einer bayerischen Kleinstadt“ und stellte dabei die Glashütte Lamberts in Waldsassen vor. Die Einmaligkeit dieser Produktion soll weltweit noch bekannter werden. „In zwei Jahren wollen wir Unesco-Weltkulturerbe sein“, betont Unternehmenschef Hans Reiner Meindl und berichtet von engen Kontakten mit der Unesco-Kommission.

Das erreichte Niveau soll aufrechterhalten bleiben. Und dafür suchen Meindl und Max Mitarbeiter, die sich für diese Sache begeistern, denn „so gut wie wir kann keiner auf der Welt Glas machen“, ist Meindl überzeugt. Für den Firmenchef ist es keine Allerwelts-Tätigkeit, sondern „ein besonderer Job und komplexe Arbeit“.

Allerdings müsse auch Bereitschaft bestehen, Arbeitszeiten von 4 Uhr bis circa 11 Uhr zu akzeptieren. Ganz offen empfiehlt Meindl eine Tätigkeit in seinem Betrieb mit dem Partner abzusprechen, denn „eine WM am Abend kann man nicht erleben“. Was die Neuen allerdings erwarte, sei die „familiäre Situation im Betrieb“. Nicht umsonst stammen bei Lamberts oftmals auch mehrere Mitarbeiter aus einer einzigen Familie. Erfolge bei der Gewinnung neuer Mitarbeiter hat ein Facebook-Eintrag gebracht. Fünf Arbeitnehmer hatten sich kürzlich gemeldet, darunter auch ein Syrer. Doch der Bedarf ist „viel, viel größer“, sagen übereinstimmend Meindl und Max.

Der Kräftebedarf der Glashütte Lamberts ist keine Ausnahme, auch wenn dort möglicherweise aufgrund der Besonderheit der Produktion und der Altersstruktur ganz besondere Dringlichkeit besteht. Von Jahr zu Jahr erhöht sich im Bezirk der Arbeitsagentur Tirschenreuth die Zahl der bei der Arbeitsverwaltung gemeldeten offenen Stellen.

Im vergangenen Monat waren dies fast 900. Der Vergleich mit der Zahl von rund 24 000 Beschäftigten im Landkreis Tirschenreuth zeigt die Größenordnung dieses Bedarfs. Dabei dürfte die tatsächliche Einstellungsbereitschaft noch höher sein, denn mancher Betrieb hat längst resigniert, seine Nachwuchskräfte über den allgemeinen Arbeitsmarkt zu gewinnen.

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