20.03.2020 - 17:03 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Mit Rollstuhl in der "rosa Bloggerwelt": "Weil es nichts schlimmes ist"

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Carolin Treml sitzt im Rollstuhl. Sie leidet an Muskelschwund. Davon lässt sich die junge Frau aber nicht einschränken. Sie reist, bloggt und arbeitet als Grafikdesignerin. Nur einer ihrer Träume bleibt wohl unerfüllt.

Carolin ist auf den Rollstuhl angewiesen. Das hält sie aber nicht ab. Sie reist gerne und bloggt darüber im Internet.
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

"Weil es nichts Schlimmes ist" ist der Titel eines Blog-Eintrags von Carolin Treml. Mit diesem Thema spricht die 22-jährige Waldsassenerin etwas an, das so gar nicht in die "heile rosa Bloggerwelt" passt, wie sie selbst schreibt. Am 22. Mai 2017 berichtet Carolin das erste Mal öffentlich von ihrer Krankheit. Sie sitzt im Rollstuhl, lebt mit Spinaler Muskelatrophie (SMA), einer seltenen und neurologisch bedingten Art des Muskelschwunds. Die Krankheit ist nicht heilbar.Carolin bloggt seit dem Jahr 2011 unter dem Namen "Coralinart" über Bücher, Lifestyle, Kunst, Fotografie und das Reisen - und seit 2017 eben auch über ihre Krankheit. "Ich definiere mich nicht über diese Einschränkung. Es war ein Detail, das in meinen Augen nicht relevant war", heißt es in ihrem Blogpost weiter. Gerade im Internet sei es leicht, zu schweigen - unangenehme Dinge zu ignorieren. Warum sie nun aber von der spinalen Muskelatrophie berichtet? "Weil es sich richtig anfühlt. Weil ich offen sein möchte." Und: "Weil es nichts Schlimmes ist."

Auf Hilfe anderer angewiesen

Carolin kann nicht laufen und ist in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt. Im Alltag ist sie auf die Hilfe anderer angewiesen. "Tja, dumm gelaufen, aber was will man machen?" Mit dieser Devise lebt Carolin auch ihr Leben. Ihr Blog sowie ihr Instagram-Profil strotzen vor Lebensfreude. Fotos von Ausflügen in die Natur, von Büchern, ein Foto von Carolin und Superstar Ed Sheeran und Fotos von Reisen: Mailand, Amsterdam, Wien. Die junge Waldsassenerin lässt sich von ihrer Behinderung nicht unterkriegen.

Hat sie es vor einigen Jahren noch vermieden, Fotos zu posten, auf denen sie komplett zu sehen ist, ist das mittlerweile für sie ganz normal. "Ich habe mich anfangs selbst nicht wohl gefühlt, das alles im Internet von mir preiszugeben", sagt sie im Telefoninterview. "Irgendwann habe ich mir dann aber gedacht: Wer mich kennt und sieht, weiß ja, dass ich im Rollstuhl sitze, warum soll ich das nicht erzählen?" Das Feedback, das Carolin auf ihren Blogbeitrag erhalten hat, war absolut positiv. "Das hat mich selbst ein bisschen gewundert", erzählt sie. "Und es hat mir Mut gemacht."

Carolin leidet unter Muskelschwund, das hält sie aber nicht davon in ihrem Traumjob zu arbeiten.

Selbständige Grafikdesignerin

Im März 2019 folgte für die 22-Jährige dann der nächste große Schritt. Als "Coralinart Studio" hat sich Carolin als Grafikdesignerin selbstständig gemacht. Was eigentlich nur eine Notlösung war, hat sich dann im Nachhinein als richtige Entscheidung herausgestellt. Aber von vorne: "Grafikdesign war schon immer mein Traumjob", erzählt sie. Da sie nach der Schule aber keine reguläre Ausbildung oder ein Studium absolvieren konnte, hatte sie sich für ein Fernstudium entschieden. "Ich bin jetzt staatlich zertifizierte Grafikdesignerin."

Mein Soundtrack: Carolin erzählt von einem Meet and Great mit Ed Sheeran

Waldsassen

Anschließend hätte Carolin aber eigentlich gerne in einer Werbeagentur gearbeitet. Aber die Jobsuche sei sehr schwer gewesen. Sie habe unzählige Bewerbungen geschrieben. "Es ist sehr schwer, jemanden zu finden, der sich darauf einlässt, jemanden einzustellen, der im Home-Office arbeitet", berichtet sie von ihren Erfahrungen. Also beschließt Carolin, ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen. "Ich habe mir gedacht: Wenn mich niemand haben will, muss ich mein Talent selbst umsetzen." Und das war eine gute Entscheidung. "Ich kann mir so meine Arbeit jetzt gut einteilen." Natürlich ist die Selbstständigkeit nicht ganz einfach. "Man muss dranbleiben, auf sich aufmerksam machen, Mundpropaganda betreiben, um Aufträge zu bekommen." Freunde und Familie unterstützen Carolin dabei aber sehr. "Momentan bin ich ganz zufrieden", sagt sie.

Ein großer Traum

Privat hat Carolin aber einen großen Traum: "Ich würde sehr gerne einmal mit dem Flugzeug verreisen." Das sei jedoch quasi unmöglich, weil Carolin nur im Liegen reisen kann. "Das geht nur in einem Privatflugzeug." Von der Gesellschaft wünscht sich Carolin, dass sie anders auf Menschen mit Behinderung blickt. "Wenn man behindert ist, gehen viele automatisch davon aus, dass man nichts machen kann", beschreibt sie ihre Erfahrungen. "Möchte man also etwas erreichen - zum Beispiel in einem Job arbeiten oder eine Ausbildung machen -, muss man sich dreimal so sehr anstrengen wie eine gesunde Person mit der gleichen Qualifikation oder dem gleichen Talent." Und selbst dann werde man oft nur aufgrund seiner Behinderung beurteilt. "Ich würde mir wünschen, dass behinderte Menschen die gleiche Chance erhalten", sagt Carolin, "ernstgenommen und als eine selbstständige Persönlichkeit wahrgenommen werden." Sie sei nicht besonders, weil sie trotz Rollstuhl gerne Konzerte besucht oder arbeiten möchte. "Diese Dinge sollten für jeden jungen Menschen, ob behindert oder nicht, normal sein."

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