05.11.2018 - 18:19 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Vom Sensenmann zum Engel

"Die Langbeinige", "Trojanische Pferde", "die Verwirrte", faule Hunde, liebliche Katzen, und viele andere Figuren beherrschen seit Samstag das Kunsthaus Waldsassen (Kuwa). Irene Schleicher aus Köglitz präsentiert Skulpturen und Gemälde.

von Norbert Grüner Kontakt Profil

Die Künstlerin, die selbst Wurzeln in die Klosterstadt hat, lebte 40 Jahre lang in München. Vor zwei Jahren kehrte sie zurück in die Oberpfalz. Hat sie bis dahin in der Hauptsache gemalt, entdeckte sie für sich ein neues Medium – Ton. Neben den, die Ausstellung beherrschenden Skulpturen aus diesem Werkstoff waren bei der Eröffnung auch Töne im Kuwa zu hören. Für die musikalische Ausgestaltung der Vernissage zeichnete gekonnt der Männergesangverein Waldsassen unter der Leitung von Andreas Sagstetter verantwortlich.

Kuwa-Vorsitzender Wolfgang Horn begrüßte zahlreiche Gäste, darunter viele Freunde der Familie Schleicher, die von weit her angereist waren. Irene Schleicher habe sich seit Jahren mit überregionalen Ausstellungen mit Bildern, Zeichnungen und Kunst am Bau einen hervorragenden Namen gemacht, erklärte Horn.

Die Laudatio auf die Künstlerin hielt Professor Tilman Steiner aus München, der übrigens ein Sohn aus dem Hause „Schnell & Steiner“ in Waldsassen ist. Er sieht in der Kunst vor allem Attraktivität und sagte, dass Attraktivität die Essenz des Lebens, das was die Welt im Innersten zusammenhalte, sei. Attraktivität, sowohl als physische Anziehung wie auch die seelisch empfundene Schönheit, machten unser Sein aus. Sie sei die Grundbedingung unserer Existenz. Aus dem Grund habe die Schönheit auch physische Bedeutung, Freude und Lust seien eingepflanzt in alles Wachstum und Leben als deren Antrieb. Steiner betrachtete dabei, wie sich der Kunstbegriff im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert hat.

Von der Romantik über die Aufklärung bis hin zur Gegenwart habe sie sich immer weiter entwickelt, oft bis zur Unverständlichkeit. So habe Markus Lüpertz, der durchaus sein Handwerk beherrsche, eine Aphrodite geschaffen, die den Augsburger Bürgern ein regelrechter Graus sei. Georg Baselitz, der hoch im Kurs stehe, hänge seine gedrungenen Gesichter kopfüber an den Nagel. Und der in der Szene weit anerkannte Julian Schnabel, schreibe „Shit“ über ein nicht gemaltes Bild, lasse die weiße Farbe von diesem Wort nach unten laufen und bekomme dafür eine halbe Million Dollar.

Irene Schleicher erde den Betrachter wieder und wortwörtlich auch ihr Werk in ihren Terrakotta-Arbeiten. Sie beschreite den Weg zurück nach vorne. Waldsassen, der Ort der Begegnung von Werk und Öffentlichkeit, sei nicht nur ein kulturelles Zentrum der Oberpfalz, sondern auch die mütterliche Heimat der Künstlerin. Das Machen und Gestalten liege in ihren Genen, die sie von Schefflern, Schlossern und Webern ihrer Ahnen als Mitgift erhalten habe.

Lange habe etwas in ihr gearbeitet, habe gegärt, sei gereift und habe auf den Ausbruch gelauert, bis, durchaus dem Urknall gleich, ihre Kunst als Ausdruck der Freude am Leben und als Ode an die Schöpfung Form annahm. Eine Verbindung aus den Elementen Erde und Feuer und Funde aus vergangener Zeit.

Bei Irene Schleicher ginge es nicht um Pathos, sondern um Hintersinn. Statt Schwerter zu Pflugscharen, würden bei ihr eben Sensen zu Engelsflügeln, quasi vom Sensenmann zum Engel. Philosoph Professor Dr. Wilhelm Vossenkuhl formuliert das im Vorwort zum Ausstellungskatalog, den Nomi Baumgartl fotografiert hat, so: „Die Gestalten sind unschwer zu identifizieren, trotzdem weiß man da noch nicht, was man sieht. Das erschließt sich erst nach und nach. Der Sensen-Engel sieht uns an, als wollte er sagen, ihr könnt euch auf mich verlassen, ich stehe zu euch – eine ganz andere Assoziation als die vom Sensenmann als Tod.“

Steiner sagte, dass die Figuren von Irene Schleicher immer eine persönliche Antwort verlangten. Titel wie beim „Trojanischen Pferd“ könnten da nur Steigbügel sein, um unsere Fantasie auf Trab zu bringen. So auch die eisenstarrende Kriegerin als Symbol des Feminismus oder der Würdenträger mit Hohlkreuz, um seine schweren Orden auf der Brust allen entgegenzustrecken.

Dabei sei die visuelle Wahrnehmung untrennbar verbunden mit unserem Wissen über die Welt. Die Empfehlung des Sprechers an die Besucher: „Nicht nur mit den Augen betrachten, sondern mit dem ganzen Körper und den darin gespeicherten persönlichen Erinnerungen wahrnehmen.“

Irene Schleicher erklärte abschließend ihr Arbeitsweise bei der Malerei. „Oft schaue ich mir die Farben an und denke: Was fühlt sich denn heute gut an?“ So fange sie die meisten ihrer Bilder an. Mit dem Kuwa habe die Kunst hier eine echte Chance bekommen. Vor 50 oder 60 Jahren sei es im Kartoffelland Oberpfalz ums reine Überleben gegangen, sei die Kunst ganz weit weg gewesen. Gegenwärtige bewege sich diesbezüglich im Bezirk sehr viel.

Das Kunsthaus als solches bezeichnete sie als ein wunderschönes. Sie dankte Renate Sperber und Regina Zrenner, die ein „Fünf-Sterne“-Büfett für die Vernissage gezaubert hätten und den beiden Kuwa-Vorsitzenden Wolfgang Horn und Markus Braun, die tatkräftig beim Aufbau unterstützt hatten. Der Katalog zur Ausstellung kostet zehn Euro. Den Erlös aus dem Verkauf gibt die Künstlerin als Spende weiter an das Kuwa, die Freunde der Basilika und dem Projekt „Eagle Wings“ von Nomi Baumgartner.

Öffnungszeiten:

Die Ausstellung ist jeweils samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr geöffnet und dauert bis 9. Dezember. Die Künstlerin ist dabei immer vor Ort. An den Weihnachtsmarktwochenenden 1. und 2. sowie 8. und 9. Dezember hat die Künstlerin diverse Aktionen mit Kindern geplant.

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