12.05.2020 - 16:52 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Unterricht im Kinderzimmer

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"Homeschooling" ist das neue Lernen daheim in der Coronakrise. Grundschullehrerin Christina Trenner, die achtjährige Schülerin Sofie Riedl, ihre Schwester Luisa und ihre Mama Stefanie Riedl aus Waldsassen erzählen, wie’s funktioniert.

Die Grundschullehrerin Christina Trenner hat ihren Unterricht in der Krise komplett und sehr flexibel umgekrempelt. Via Internet spricht sie gerade mit ihrer Schülerin Sofie Riedl, die diesmal für den Chat ihre Mama Stefanie Riedl und ihre Schwester Luisa (von links) mitgebracht hat.
von Ulla Britta BaumerProfil

Mittwochmorgen 9 Uhr. Die 31-jährige Grundschullehrerin Christina Trenner startet den Laptop in ihrem Klassenzimmer. Vor ihr gähnende Leere, kein Kind weit und breit. Die 24 Schüler der Klasse 2b dürfen wegen Corona nicht in die Schule.

"Ich hole Sofie jetzt gleich zu mir", sagt Trenner und scrollt kurz über den Bildschirm. "Guten Morgen", ruft Sofie Riedl fröhlich aus dem Bildschirm. Die Achtjährige hat ihre Mama Stefanie Riedl und ihre große Schwester Luisa dabei. Trenner bittet Sofie, die Bastelarbeiten aus dem Kunstunterricht zu zeigen. Sofie ist kurzzeitig weg und hält dann ihre Sachen in den Bildschirm. "Toll, Sofie", lobt die Pädagogin. "Daheim Unterricht macht Spaß", sagt das kleine Mädchen, fügt aber traurig an: "Nur sieht man keine Freundinnen mehr."

Technisch versierte Lehrerinnen

Die 44-jährige Mama Stefanie Riedl erzählt vom neuen Tagesablauf in der Familie. "Das ist ganz anders bei uns geworden." Sofie könne sie gut helfen. Aber bei Luisa, die in die sechste Klasse der Mädchenrealschule geht, sei sie oft überfordert. Die Klassen-Elternsprecherin und Vorsitzende des Elternbeirats an der Markgraf-Diepold-Schule begrüßt es dennoch sehr, dass ihre Töchter weiter über "Homeschooling" lernen können.

Die Grundschule konnte sich dank der technisch versierten Lehrerinnen gut darauf einstellen . "Wir nutzen das Programm Zoom. Das ist leicht verständlich", so Trenner. Die Schule hat Eltern, Lehrer und Schüler entsprechend instruiert und es erstaunlich schnell geschafft, eine virtuelle neue Unterrichtsform bei Einhaltung der erforderlichen Datenschutzbestimmungen aufzubauen.

Lehramtsanwärterin Stephanie Würl führte ihre Kolleginnen in die Details ein. Danach wurden die Eltern technisch geschult. Seither findet Unterricht regelmäßig via Bildschirm statt. Nur zu ungewohnten Zeiten, wie heute um 17 Uhr und sogar sonntags. "Am Sonntag schicken wir den Wochenarbeitsplan per E-Mail an die Eltern", erklärt Trenner. Manche Aufgaben, wie das Basteln eines Spaghetti-Turms, erledigt Sofie gern auch am Wochenende. Ist sie fertig, wird sie von ihrer Mama damit fotografiert, die das Foto in Zoom hochlädt. Schließlich will die Lehrerin die Schülerarbeiten kontrollieren.

Eltern wünschen Fleißaufgaben

Hier kommen die Eltern mehrmals ins Spiel. "Väter und Mütter bringen uns die erledigten Aufgaben zur Schule", so Trenner . Anfangs, sagt sie schmunzelnd, sei manche Schlamperei abgeliefert worden. Sie habe die Kinder mit einer Notiz auf der Arbeit ermahnt, daheim ebenso sorgfältig wie in der Schule zu sein. "Das hat geholfen." Trenner zeigt, was virtuell bei ihr reinkommt. Beim Rezitieren eines Gedichtes gibt es mitunter recht lustige Unterrichtsauffassungen. Eine Schülerin sitzt auf ihrem Pferd, während sie ihre Zeilen aufsagt.

Lautet die Aufgabe "Singen" schickt Trenner Vorlagen zum Üben zu den Kindern. Wer möchte, darf Sternchenaufgaben erledigen. Diese Fleißaufgaben hätten sich manche Mütter gewünscht, damit die Kinder mehr zu tun haben. Bei den Riedls wird vormittags gelernt. Und geschieht das ernsthaft wie in der Schule? "Ich kann mich besser konzentrieren. Daheim werde ich nicht abgelenkt", versichert Sofie.

Daheim Unterricht macht Spaß. Nur sieht man keine Freundinnen mehr.

Sofie Riedl

Die Achtjährige findet's toll, dazwischen rauslaufen zu können. "In der Schule müssen wir lang sitzen." Dann kriegt ihre Lehrerin ein dickes Lob. Bei der Frage, was Sofie am meisten vermisst, kommt sofort die Antwort: "Frau Trenner." Mutter Riedl vermisst den geregelten Alltag. "Ich bin froh, wenn das endlich aufhört", stöhnt sie. Stefanie Riedl ist berufstätig. Zweimal die Woche nimmt sie Sofie mit zur Arbeit.

Wegen der Ausnahmesituation hat ihr Arbeitgeber bei Hart Keramik ein Kinderzimmer eingerichtet. Geht es um schulische Belange, hält die Elternbeiratsvorsitzende die Eltern per WhatsApp auf dem Laufenden. "Wir sind ständig im Kontakt", kann Schulleiterin Karin Gleißner den Zusammenhalt von Eltern und Lehrern bei diesem "Gewaltakt" nur hervorheben. "Ich bin mit allen Familien gut fünf Mal die Woche im Gespräch", sagt Trenner. "Homeschooling" erfordert einen hohen Arbeitsaufwand fürs Lehrerkollegium. Der sich aber auszahlt, so die Lehrerinnen.

Alle Fächer besetzt

Um 17 Uhr ist virtueller Matheunterricht, das Einmaleins. Sehr zur Freude der Schule können alle Unterrichtsfächer aufrecht erhalten werden. Es wird gepaukt, bis die kleinen Schülerköpfchen auf dem Bildschirm "rauchen". Trenner stellt Fragen, die Kinder können einzeln antworten. Weil nicht immer alle am virtuellen Unterricht teilnehmen können, aus zeitlichen oder technischen Gründen, werden die Aufgaben auch per Post oder zum Abholen bereitgestellt.

Die jungen Lehrerinnen hoffen, virtuelles Lernen nun mehr in den Schulalltag integrieren zu können. Dank "Homeschooling" habe man Vorurteile und technisches Unverständnis weitgehend abbauen können im Kollegium, sehen Würl und Trenner auch Vorteile in der Krise. Was Sofie und Luisa angeht: Die Mädchen finden "Homeschooling" zwar cool, aber viel lieber wollen sie endlich in ihre Schulen zurück.

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München
Die achtjährige Sofie, ihre Mama Stefanie Riedl und ihre Schwester Luisa (von links) finden "Homeschooling" toll. Aber viel lieber wünschen sich alle drei den normalen Schulalltag zurück.
So schaut in der Krise der Unterricht der Klasse 2b aus. Es sind nicht immer alle Schüler dabei, weil dies für die Eltern nicht regelmäßig zeitlich machbar ist. Wer technisch nicht dafür ausgerüstet ist, bekommt die Aufgaben per Post oder die Eltern können sie abholen.
Bei dieser Arbeit von Sofie lautete die Aufgabe, eine Ernährungspyramide zu erstellen. Die Fotos sind in Zoom für die ganze Klasse einsehbar. Aber nur, wenn es die Familie erlaubt. Ansonsten gibt es auch die Variante, dass nur Lehrerin Christina Trenner die Arbeit sieht.
Glückskäfer kann man zu Coronazeiten wirklich gut gebrauchen: Christina Trenners Schülerin Anna Grillmeier zeigt ihre Bastelarbeiten auf einem Foto, das sie in Zoom gestellt hat.
Das ist Sarah Kliebhan aus der Klasse 2b. Sie hat ihrer Lehrerin ein Ostergeschenk gebastelt und es stolz per Foto geschickt.
Sofie und ihre Mama lesen gemeinsam in einem Buch. Auch das war eine Schulaufgabe.
Sofie war wirklich sehr fleißig bei der Aufgabe, aus Eierkartons zu basteln. Lehrerin Christina Trenner sagt, das seien sie alle.
Lehramtsanwärterin Stephanie Würl hat ihren Kolleginnen in die Funktion von Zoom eingeführt.
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