22.10.2021 - 20:22 Uhr
WaldsassenOberpfalz

"Zwölf Stämme" leben nahe Cheb: Auch hier suchte die Polizei nach der Shalomah (11)

Gleich hinter der Grenze bei Cheb haben sich die "Zwölf Stämme" angesiedelt. Die Sekte war 2013 nach Tschechien abgewandert, nachdem ihr das Jugendamt 40 Kinder wegnahm. Jetzt scheinen sie sich eines dieser Kinder wieder geholt zu haben.

Der Hauptsitz der Zwölf Stämme in Skalna.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Die Polizei Dillingen fahndet seit Sonntag europaweit nach der elfjährigen Shalomah Hennigfeld. Das Mädchen lebte seit acht Jahren bei Pflegeeltern in Schwaben. Den leiblichen Eltern war das Sorgerecht 2013 entzogen worden. Sie gehörten der Sekte „Zwölf Stämme“ an, der Züchtigung minderjähriger Kinder vorgeworfen wurde. Die Glaubensgemeinschaft war daraufhin nach Tschechien abgewandert, wo Schläge als Erziehungsmethode nicht grundsätzlich unter Strafe stehen. Ein Standort ist in Mšecké Žehrovice bei Prag. Der zweite Sitz ist am Ortseingang von Skalná (Wildstein), der Partnergemeinde von Neusorg im Landkreis Tirschenreuth. Es sind keine 15 Minuten vom Straßenübergang Waldsassen-Cheb bis in den 2000-Einwohner-Ort.

Bio-Fenchel und Dinkelbrot

Freitagvormittag in Skalná. Bärtige Männer mit langen Haaren und Frauen mit weiten Kleidern laufen über den Hof. Im Hofladen im Erdgeschoss duftet’s nach frischem Brot. In dieser Nacht mussten alle Sorten im Holzofen gebacken werden, erklärt die Verkäuferin. „Wegen des Sturms war Stromausfall.“ Medienvertreter sieht man hier nicht gern, zu viel ist passiert. Aber ein Glas Zuckerrübensirup darf man gern kaufen. Eine gute Wahl, meint die freundliche Frau: „Damit süßen wir hier unsere Haferflocken. Wir essen gesund.“ Schon steht die nächste Kundin im Laden, eine schicke Tschechin, sie bestellt für nächste Woche vor. „Of course“, sagt die "Schwester". Der Bioladen ist populär. Jeden Mittwoch steht ein Stand von „Farma Ovcárna “ auf dem Bauernmarkt in Cheb.

Ein schönes Idyll unter der Burg Wildstein. Und es passt so gar nicht zur Schimpf und Schande, unter der die „Zwölf Stämme“ Bayern verließen. 2001 hatte sich die Gemeinschaft mit rund 100 Menschen auf Gut Klosterzimmern niedergelassen. Schon kurz darauf gab es Schwierigkeiten, weil sich die Mitglieder weigerten, ihre Kinder auf die staatliche Schule zu schicken. Sie ignorierten Aufforderungen, Bußgelder, Gerichtsurteile, bis die Polizei die Kinder zur Schule brachte. Die unschöne Aktion führte zur zähneknirschenden Genehmigung einer „Privatschule“. Das ging so lange gut, bis sich 2013 ein Reporter von RTL undercover in die Gemeinschaft einschleuste. Er filmte Züchtigungen von kleinen Kindern mit der Rute in einem dunklen Keller.

„Das tut kurz weh“

Es war ausgerechnet Carsten Hennigfeld, der Vater der jetzt vermissten elfjährigen Shalomah, der sich damals in einem Interview mit dem bayerischen Fernsehen mit einem Bibelzitat verteidigte: „Das, was ich im Rahmen der Erziehung praktiziert habe, das tut kurz weh, aber das ist nach einer Minute vorbei.“ Er berief sich auf die Bibel, Vers 13,24: „Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber liebt hat, der züchtigt ihn beizeiten.“

In einem Großeinsatz holten Polizei und Jugendamt 40 minderjährige Kinder aus Gut Klosterzimmern ab. Sie wurden behördlich untergebracht. Mit Erreichen der Volljährigkeit kehrten einige zu ihren Eltern zurück, einige liefen aus ihren Pflegestellen weg. 2017 lebten nach Recherchen der „Süddeutschen Zeitung“ noch sieben Kinder in staatlicher Obhut. Darunter war auch die heute elfjährige Shalomah. Die leiblichen Eltern durften das Mädchen alle sechs Wochen bei einem „begleiteten Umgang“ besuchen.

Letzten Sonntag hatten die Pflegeeltern aus Eppisburg (Landkreis Dillingen) das Mädchen als vermisst gemeldet. Shalomah sei von einer Joggingrunde nicht zurückgekehrt. Pflegevater Günter S. vermutete von Anfang an, dass das Kind freiwillig mit den Eltern mitgegangen sei. Die Sehnsucht sei groß gewesen. So schätzte dies auch eine Mitarbeiterin des Kinderschutzbundes im Gespräch mit der „Augsburger Allgemeinen“ ein. Sie hatte die Besuchstage ehrenamtlich begleitet. Beide – Pflegevater und Ehrenamtliche – schildern das Mädchen als „hin- und hergerissen“ zwischen zwei Familien. Sie fürchten aber auch, dass sich das Kind falsche Vorstellungen mache.

Schon Bruder lief weg

Die Polizei in Dillingen geht davon aus, dass das Mädchen bei den „Zwölf Stämmen“ ist. Es seien zwei E-Mails bei den Pflegeeltern eingegangen, die verifiziert werden konnten, so Markus Trieb, Sprecher des Polizeipräsidiums Schwaben-Nord. Eines stamme vom Vater, eines von Angehörigen der „Zwölf Stämme“. „Wir gehen davon aus, dass es dem Mädchen gut geht“, so Trieb. „Aber nichtsdestotrotz ermitteln wir in einer Straftat.“ Es liege eine „Entziehung Minderjähriger“ vor. Würde man das Mädchen finden, würde es „in Gewahrsam genommen und rückgeführt“. Dann entscheiden Jugendamt und Amtspfleger. 2016 war schon der Bruder von Shalomah im Alter von zwölf Jahren aus einem Kinderheim verschwunden. Er wollte bei seinen leiblichen Eltern leben und durfte dort schließlich bleiben.

Die tschechische Polizei hat im Auftrag der deutschen Ermittler auch am Hauptsitz in Skalná nach dem vermissten Kind gesucht. Ohne Ergebnis. Die Aktion wurde über das Gemeinsame Zentrum Petrovice-Schwandorf organisiert, bestätigte ein Sprecher gegenüber Oberpfalz-Medien. Die Beamten baten das Polizeipräsidium in Cheb (Eger) um Zusammenarbeit bei der Fahndung.

Die Bürgermeisterin von Skalná, Rita Skalová, wird einsilbig, wenn das Thema auf die Zwölf Stämme kommt. Vor zwei Jahren hatte RTL sie aufgesucht. „Die haben mich sehr unfair behandelt.“ Letzte Woche tauchte ein Reporter der „Bild“ auf. Sie traut keinem mehr.

Die Bürgermeisterin bittet um Verständnis. Man lebe in einem kleinen Ort zusammen. „Wir haben keine Probleme mit den ‚Zwölf Stämmen‘.“ Die Kinder würden „individuell“ unterrichtet. „Als Bürgermeisterin habe ich da keinen Einfluss.“ Die Gemeinschaft betreibe einen sehr beliebten Laden, in dem Gemüse und Obst von der Öko-Farm verkauft würde. Dort werde nicht missioniert. „Die leben ihr Leben.“

In Skalná sei ihr jeder willkommen. „Schreiben Sie was über die Burg. Über uns Bürger. Oder über unsere Partnerschaft mit Neusorg.“ Am Freitag erwartete sie Bürgermeister Peter König zu einem Besuch, um über künftige Projekte zu sprechen.

Der Fahndungsaufruf der Polizei

Bayern
Mit diesem Foto fahndet die Kripo Dillingen europaweit nach der elfjährigen Shalomah Hennigfeld.
Die Zwölf Stämme werben auf ihrer Homepage mit dem "Zusammenleben wie in einer Großfamilie".
Chronologie der Zwölf Stämme:
  • Gründung der Glaubensgemeinschaft „Zwölf Stämme“ Anfang der 1970er Jahre im US-Bundesstaat Tennessee.
  • In den 1990er Jahren Gründung einer Kommune bei Bremen.
  • 2001 kauft die Bremer Gemeinschaft das Gut Klosterzimmern.
  • Es kommt zu Konflikten mit der Schulbehörde, weil die „Zwölf Stämme“ ihre Kinder nicht in staatliche Schulen schicken wollen. Bußgelder werden verhängt, aber nicht bezahlt. 2002 bringen Polizeibeamte die Kinder zur Schule.
  • Der Schulbesuch wird nach wie vor verweigert. 2004 werden sieben Väter in Erzwingungshaft genommen.
  • 2005 erteilt der Freistaat die Genehmigung einer „privaten Ergänzungsschule“, die vom Schulamt kontrolliert werden soll.
  • Die Staatsanwaltschaft Augsburg nimmt Ermittlungen wegen des Verdachts von Misshandlung Schutzbefohlener auf. Aussteiger berichten von „Prügelorgien“ und „Gehirnwäsche“.
  • 2013 räumen Eltern die Züchtigung mit der Rute ein. Das Kultusministerium untersagt den Schulbetrieb.
  • Nach einem RTL-Bericht werden in einer Polizeiaktion 40 Kinder aus Klosterzimmern abgeholt und in Pflegefamilien und Heimen untergebracht. Den Eltern wird das Sorgerecht entzogen.
  • Sechs Teenager dürfen nach Gerichtsentscheidungen zu den Eltern zurück. 2013 und 2014 laufen sechs Kinder aus ihren Pflegestellen weg.
  • 2015 verurteilt das Amtsgericht Nördlingen zwei Mütter wegen Körperverletzung.
  • Die „Zwölf Stämme“ siedeln nach Tschechien über.
  • 2018 entscheidet der Europäische Gerichtshof, dass mit dem Entzug des Sorgerechts keine Menschenrechte verletzt worden sind.
  • Oktober 2021: Aus einer Pflegefamilie in Schwaben verschwindet Shalomah (11). Ihr Vater benachrichtigt den Pflegevater per E-Mail, dass es dem Mädchen gut gehe. Die Polizei leitet eine Fahndung ein. (ca)

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