18.10.2021 - 15:03 Uhr
WaldthurnOberpfalz

Landärzte haben Schwierigkeiten Nachfolger zu finden

Eigentlich hatte Dr. Nikolaus Globisch schon einen Kollegen gefunden, der seine Praxis in Waldthurn übernehmen sollte. Doch nun muss der 73-Jährige erneut auf die Suche nach einem Nachfolger gehen. Gut 1800 Patienten dürften mitbangen.

Ein Landarzt auf Hausbesuch: Das wird immer seltener. Denn junge Mediziner zieht es eher in die Metropolen statt in die Landarztpraxen.
von Thorsten Schreiber Kontakt Profil

Ein Allgemeinarzt, der in Weiden wohnt, war der designierte Nachfolger von Dr. Nikolaus Globisch. Seit Juli 2020 hatte er bereits in der Praxis an der Bahnhofstraße 8 im "Haus der Bäuerin" mitgearbeitet. Etwas über ein Jahr später, im August 2021, kam jedoch das Aus. Die Arbeitsauffassungen der beiden Mediziner waren zu unterschiedlich, bedauert Globisch.

Im Sommer heißt es im Bayerischen Ärzteblatt, gerade in ländlichen Regionen haben Hausärzte eine überragende Bedeutung für ihre Patienten. Sie seien hier oftmals die einzigen wohnortnahen Ansprechpartner in medizinischen Fragen. Doch ein großer Teil der Landärzte stünde kurz vor dem Renteneintritt, und Nachwuchsmediziner ziehe es eher in Metropolregionen. Im ländlichen Raum drohe deshalb ein Engpass. Deshalb führte Bayern zum 1. Januar 2020 die Landarztquote ein, wonach bis zu 5,8 Prozent aller Medizinstudienplätze im Freistaat an Studierende vergeben wird, die sich nach Abschluss ihres Studiums bereit erklären, mindestens zehn Jahre als Hausarzt in einer Region zu arbeiten, die medizinisch unterversorgt oder von Unterversorgung bedroht ist. Im Landkreis Tirschenreuth ist das etwa der Fall. Im Landkreis Neustadt herrscht laut Kassenärztlicher Vereinigung Bayern eine Regelversorgung. Noch.

So ist Dr. Globisch 73 und noch immer Arzt mit Leib und Seele: Wenn es sein muss, sei er immer noch fast rund um die Uhr für seine Patienten da, sagt der Mediziner. "Da bin ich vielleicht auch ein bissl selber schuld, ich habe die Leute schon sehr verwöhnt", räumt er ein. Oft ging die Arbeit weiter, auch wenn die Sprechstunden schon vorbei waren. Arbeitszeiten von 7 bis 19 Uhr oder abends auch länger waren früher keine Seltenheit. Auch wenn heutzutage Einrichtungen wie Notarztdienst, ärztlicher Bereitschaftsdienst, Helfer vor Ort und ambulante Pflegedienste bestehen, bleiben in einer Praxis immer noch Hausbesuche, eine immer größer werdende Bürokratie, zum Teil sehr aufwändige schriftliche Arbeiten wie gutachterlichen Stellungnahmen, Reha- und Rentenanträge oder betriebliche Buchführung. Globisch meint, dass junge Kollegen heutzutage mehr kalkulierbare Freizeit haben möchten.

Hoher Aufwand

Genau diese Freizeit ist bei der Führung einer Allgemeinarztpraxis immer noch schwer abschätzbar. Neben der täglichen Arbeit hat ein Arzt Fachliteratur zu bewältigen und Pflichtfortbildungen zu besuchen, heute zunehmend online. Daneben müssen Löhne und Gehälter für das Personal verwaltet, Investitionen in die Praxisausstattung getätigt werden. Dieser hohe Aufwand schreckt wohl junge Ärzte ab, auf dem Land eine Praxis zu übernehmen. Als quasi eigener Chef kann sich ein Doktor Arbeit und Zeit zwar einteilen, dennoch ziehen viele lieber eine Festanstellung in einem Krankenhaus oder einem Ärztehaus mit einem geregelteren Ablauf vor. Zumal ein Klinikjob heutzutage auch finanziell lukrativer ist. Früher dagegen hat ein Landarzt mehr verdient, erinnert sich Globisch, der seit über 40 Jahren in Waldthurn praktiziert und seit 1986 mit seiner Ehefrau im Ortsteil Woppenrieth lebt.

Er kam 1980 aus dem oberbayerischen Grabenstätt im Landkreis Traunstein in die Oberpfalz und hat den Schritt nie bereut, "weil es hier so schön ist". Daher gibt er die Hoffnung nicht auf, einen Nachfolger zu finden, der wie er am liebsten als Haus- und Landarzt arbeiten möchte. Er kann sich aber auch vorstellen, zunächst jemand für ein Praktikumsjahr einzustellen. Für potenzielle Kandidaten gibt es auch Hilfe für angehende Landärzte von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) oder dem Bayerischen Hausärzteverband, sagt Globisch.

Immer weniger Landärzte

Die ursprüngliche Landarzttätigkeit, nämlich eine medizinische Rund-um-Versorgung der Bevölkerung in den einzelnen Orten, hält der Woppenriether für kostengünstiger für das Gemeinwesen als die Zentralisierung eines allgemeinärztlichen und fachärztlichen Angebots in Städten. Doch die Zahl der Ärzte auf dem Land nimmt ab, die Kollegen werden dabei auch immer älter. Globisch kennt einige niedergelassene Ärzte in der Region, die wie er noch mit über 70 Jahren arbeiten und keine Nachfolger haben. "Die Versorgung wird dadurch natürlich nicht besser."

Kompetente Sprechstundenhilfen

Globisch selbst macht seine Tätigkeit nach wie vor großen Spaß und es fällt ihm eigentlich schwer aufzuhören. Er leitet die Gemeinschaftspraxis mit Nina Eckl, die aber in rund drei Jahren in den Ruhestand geht. Deren Nachfolgerin soll Dr. Julia Bayer werden. Globisch kennt die Flosserin von klein auf und denkt, "dass sie es sicher im Sinne einer optimalen Patientenversorgung machen wird". Auf jeden Fall aber braucht es im "Haus der Bäuerin" einen weiteren Arzt oder eine Ärztin, denn allein ist das Pensum mit bis zu 1800 Patienten pro Vierteljahr nicht zu stemmen, betont der 73-Jährige. Dafür steht aber auch ein eingespieltes Team an medizinischen Fachangestellten parat, die neben ihrer Tätigkeit als Sprechstundenhilfen die vielen Aufgaben im Labor, im Schriftverkehr oder bei der Bürokratiebewältigung übernehmen und mit Kompetenz sowie Empathie immer für die Patienten ansprechbar seien.

Die Nachfolge von Dr. Globisch schien bereits geregelt zu sein

Waldthurn
Dr. Nikolaus Globisch braucht für seine Praxis einen Nachfolger, nachdem die Zusammenarbeit mit dem bisherigen Kandidaten doch nicht geklappt hat.
Hintergrund:

Zur Person Dr. Nikolaus Globisch

  • 73 Jahre alt, Facharzt für Allgemeinmedizin
  • eröffnete am 1. Juli 1980 seine Praxis an der Bahnhofstraße 8 in Waldthurn
  • kam aus dem oberbayerischen Grabenstätt (Landkreis Traunstein) in die Oberpfalz
  • sitzt für die CSU seit vielen Jahren im Waldthurner Marktrat

 

 

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