17.11.2020 - 15:07 Uhr
WaldthurnOberpfalz

"Unsittlichkeit nimmt immer mehr überhand"

Dieses Ölgemälde zeigt Kirche und Marktplatz Waldthurn um 1850 und ist im Buch „Im Dienste der Heimat“ des bereits verstorbenen Franz Bergler abgebildet. Das Gemälde gehört der Pfarrei.
von Franz VölklProfil

Einen äußerst interessanten Bericht aus der Mitte des 19. Jahrhunderts hat der Oberbernriether Heimatforscher Georg Schmidbauer im Bischöflichen Zentralarchiv in Regensburg aufgestöbert. Der ehemalige Pädagoge fand einen Bericht über den moralischen Zustand der Pfarrgemeinde Waldthurn von 1856 bis 1861 aus Sicht des damaligen Pfarrers Joseph Mehler.

Allgemein und im Vergleich mit anderen Pfarreien in der Nachbarschaft sei laut Pfarrer Mehler "der moralische Zustand der Pfarrei so mittelmäßig" gewesen. "Die älteren Familien sind im Durchschnitt noch sehr gut und religiös, die jüngeren aber werden leider immer glaubensloser und die Unsittlichkeit nimmt immer mehr überhand."

Und weiter: "Beichtgesessen werde alle Sonn- und Feiertage, aber leider sind es nur immer wenige, die diese Gelegenheit nutzen. Das Wort Gottes wird alle Sonn- und Feiertage nicht nur beim Pfarrgottesdienst, sondern auch bei der Frühmesse verkündet. Und die ganze Wirkung besteht oft nur im Lob oder Tadel des Predigers. Der Gottesdienst wird an Sonn- und Werktagen fleißig besucht, obwohl schon viele lieber der Frühmesse beiwohnen." Die Anzahl der unehelichen Kinder betrug seit zehn Jahren 229 - Tendenz steigend. Eine nicht geringe Ursache davon seien wohl die Tanzmusiken, die hier gebräuchlichen Roggenstuben und die zu große Nachsicht der Eltern gewesen, vermutete der Geistliche. "Geschiedene Eheleute gibt es in der Pfarrei nicht." Das Zusammenleben lediger Personen fand laut Mehler sehr häufig statt, "da von der Polizeibehörde auf gemachte Anzeigen des Pfarramtes und der Gemeindeverwaltungen selten ernstlich eingeschritten wird, so ist auch hierin eine Besserung nicht zu ersehen".

"Im Durchschnitte sind es bisher nur zwei oder drei Individuen, welche sich durch Wanderung ihrer österlichen Pflicht entzogen haben sollen. Jahrmärkte werden im Markte nicht abgehalten , wohl aber am Fahrenberg und in den nächstgelegenen Märkten und Städtchen, wohin sich viele Pfarrkinder nach Anhörung der Frühmesse begeben. Offene Feindschaften, gewöhnliches Herumschwärmen findet wohl nicht statt." Die schon genannten Roggenstuben seien laut des aus Oberviechtach stammenden Pfarrers Mehler "ganz gewiss sehr sittengefährdend" gewesen. Offener Unglaube sei nicht vorhanden, die Kirchweihfeste aller vorhandenen Kirchen werden kirchlich begangen und mit Tanzmusik begleitet.

Pfarrer Mehler habe alles Mögliche getan, den moralischen Zustand der Pfarrei Waldthurn zu heben, aber leider ohne den geringsten Erfolg. Es werde auch in Zukunft nicht viel Besserung zu erwarten sein, da die Polizeibehörde zu wenig mit Energie einschritt. "Soweit der Bericht von Pfarrer Mehler von damals", sagte Schmidbauer. "Was würde er wohl heute über seine Pfarrei Waldthurn schreiben?"

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