03.05.2019 - 19:36 Uhr
Oberpfalz

Walter Röhrl ist wieder da

Im August des Jahres 1972 geht der Stern von Walter Röhrl auf. 47 Jahre später kehrt er an den Ort des Geschehens zurück.

von Michael Ascherl Kontakt Profil

Röhrl kommt nicht im Ford Capri, mit dem er seinerzeit Rallye-Größen wie Björn Waldegård, Hannu Mikkola oder Jean Pierre Nicolas um die Ohren fuhr. Er kommt im feuerroten Porsche Panamera GTS. Er ist am Ziel. 50 Jahre seines Lebens hat er dem Motorsport geschenkt, jetzt, mit 72, denkt er ans Aufhören. "Mein letztes Jahr", sagt er, als wir ihn in Marktredwitz treffen. Die Olympia-Rallye, die hier auf einer Mikro-Etappe noch einmal nachempfunden wird, war die Initialzündung von Röhrls Karriere. "Bis dahin kannte mich kaum einer, danach haben sämtliche Autohersteller bei mir angerufen", erinnert sich der fast zwei Meter große Schlaks.

Wie kam's? Wir müssen zurückgehen in die ausgehenden 1960er Jahre. Walter Röhrl, damals Anfang 20, ist leidenschaftlicher Skifahrer und betreibt den Rudersport. Das Berufsziel ist klar definiert: Er wird den Steinmetzbetrieb des Vaters in Stadtamhof übernehmen. Beim Frühstück im Hotel in Marktredwitz erzählt er, wie er schon als Sechsjähriger mit Hammer und Meißel Buchstaben in den Marmor der Grabsteine klopfen durfte. "Mit acht bin ich zum ersten Mal Auto gefahren, mit zehn hat mich der Vater nach Regensburg rein zum Tanken geschickt." Als Jugendlicher heizt er mit seinem Freund im Opel Caravan durch die Wälder.

Die Eltern trennen sich, die Steinmetz-Karriere bleibt Walter Röhrl erspart. Er wird zum Suchenden. Die Mutter erzieht ihn sehr katholisch. Er ist Ministrant, Pfarrjugendführer, Pfadfinderführer, und der Pfarrer von Stadtamhof besorgt ihm nach der Schule einen Job bei der Diözese in Regensburg. Dort werden die Liegenschaften aller bayerischen Diözesen verwaltet. Röhrl macht zwei Jahre Innendienst, dann will er raus: Am 7. März 1965 bekommt er den Führerschein, fährt im ersten Jahr 130.000 Kilometer mit seinem Chef, der keinen Führerschein hat: "Mercedes-Diesel, Bodenblech". Und wuchtig haut er die Faust auf den Tisch um zu untermalen, wie er das Gaspedal durchgedrückt hat, damals in den 60er Jahren.

Es ist Herbert Marecek, sein Sportkollege, der Walter Röhrl zum Rallyesport bringt. Er stellt die Autos – 850er Fiat, 02er BMWs, einen gebrauchten 911er Porsche, setzt Walter Röhrl ans Steuer, sich selbst auf den Beifahrersitz und penetriert die Rennstallinhaber: "Röhrl ist der beste Autofahrer der Welt", dem müsst ihr ein Auto geben. Ford "erbarmt" sich schließlich, stellt dem jungen Regensburger für die 72er Saison einen Capri zur Verfügung und meldet das Team Röhrl/Marecek für die Olympia-Rallye. Die soll im August des Olympia-Jahres 1972 vom Regatta-Ort Kiel in die Olympia-Stadt München führen. 302 Teams sind am Start, darunter die komplette Weltspitze. Walter Röhrl hat auf einmal keinen Beifahrer, denn Herbert Marecek bekommt keinen Urlaub. Ford besorgt ihm einen: Hannes Rothfuß, den er erst in Kiel kennenlernt. Den Aufschrieb besorgt Röhrl im Vorfeld zusammen mit einem Freund, der später sein Zahnarzt wird: Dr. Detlef Wolf.

Dennoch fährt Röhrl wie entfesselt, sammelt Bestzeiten ein, die ihm zunächst nichts nutzen. "Die haben meine Ergebnisse immer gestrichen, weil sie nicht glauben konnten, dass ein Nobody solche Zeiten erreicht", schmunzelt er. "Die glaubten an einen Rechenfehler." Erst als klar wird: "Der ist so verrückt", werden die Listen wieder korrigiert. Röhrl liegt vier Etappen vor dem Ziel in München mit ein paar Sekunden Vorsprung in Führung. Ausgerechnet in Plattling, nahe der Heimat, erleidet der blaue Capri RS einen Lagerschaden. Das Team Röhrl/Rothfuß muss aufgeben. Die Sieger in München nach mehr als 60 Etappen sind die Franzosen Nicolas/Todt auf Renault Alpine. Todt, mit Vornamen Jean, soll später als Rennleiter von Ferrari in der Formel 1 und enger Vertrauter von Michael Schumacher bekannt werden. Er kann zum Veteranen-Treffen leider nicht kommen, schreibt einen Brief.

Walter Röhrl nimmt uns mit im roten Porsche. Er erinnert sich an den Beginn seiner Karriere, sein erstes Jahres-Salär von Ford von 250 Mark. Geld interessiert ihn nicht. "Beim Bischof habe ich 360 Mark verdient; 5 Mark Taschengeld, mehr habe ich davon nicht gebraucht." Er kannte keine Disco, ist nicht ausgegangen, hat nur für den Sport gelebt. Der Rest der Karriere ist bekannt. Wechsel zu Opel (1973), Fiat (1977), Porsche (1981), Lancia (1983) und Audi (1984). Röhrl gewinnt als einziger die Rallye Monte Carlo mit vier verschiedenen Marken, sammelt alle Titel, die vorstellbar sind. Als Audi 1987 aus dem Rennsport aussteigt, wechselt Röhrl zu Porsche, wo er noch heute Fahrzeuge abstimmt und an Präsentationen teilnimmt. Dabei lernt er Journalisten, die Beifahrer spielen dürfen, regelmäßig das Fürchten. Aber heuer ist Schluss, sagt er im Brustton der Überzeugung, wie schon die drei Jahre vorher auch.

Zurück nach Ahornberg, wo der Tross aus ehemaligen Teilnehmern der Olympia-Rallye gegen Mittag eintrifft. Unter ihnen der Kemnather Wichael Werner. Er stand als 18-jähriger Führerscheinneuling in Ahornberg an der Strecke und war sofort derart begeistert, dass er selbst Rallyefahrer wurde. Mit Erfolg. Wir kommen irgendwie von der falschen Seite her in jenes Dorf bei Immenreuth (Kreis Tirschenreuth), durch das die Rallye damals führte. Also noch eine kleine Ehrenrunde durch das Zuschauerspalier. Röhrl lässt den PS-starken Boliden zur Freude der Zuschauer aufheulen und brettert dann auf der geplanten Route ins Dorf. Begrüßt von einem "Viva Walter"-Schriftzug auf einem Capri-Kotflügel. Die Legende schreibt. Autogramm um Autogramm auf Bücher, T-Shirts, Bobbycars und das Feuerwehrauto. Geduldig, ruhig, freundlich. Viel Zeit bleibt ihm nicht. Der Panamera braucht eine Reinigung: "Der ist morgen als Hochzeitsauto im Einsatz!"

Bericht zum 40-jährigen Jubiläum der Rallye

Weiterer Bericht

Ahornberg bei Immenreuth
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