07.09.2018 - 09:51 Uhr
Oberpfalz

Wandern auf den Spuren von Adalbert Stifter

Vor 150 Jahren starb der große Böhmerwalddichter Adalbert Stifter. Iin Lackenhäuser am Dreisessel, in Linz und Kremsmünster, aber vor allem in Stifters Geburtsort Oberplan, heute Horní planá, wird ihm gedacht.

Es gibt seit Jahren einen rund um Horní planá herumführenden Adalbert-Stifter-Wanderweg. Am besten beginnt man im kleinen Park oberhalb der Kirche auf dem Gutwasserberg. Dort steht eine Statue von Stifter.
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Der in München beheimatete Adalbert-Stifter-Verein hat acht bayerische Schriftsteller als Stipendiaten ins südböhmische Oberplan – dem Geburtsort Adalbert Stifters – geschickt, damit sie dort einen Monat in Ruhe arbeiten können. Neben Werner Fritsch, Petra Morsbach und Harald Grill war auch Bernhard Setzwein dort. Lesen Sie die Notizen seiner Streifzüge durchs Stifterland.

Stifter ist ein Langweiler, bei Stifter, da schlafen dir die Füße ein, ein Stifterbuch kann nur zu einer einzigen Sache gut sein: Wenn irgendwo eine Unterlage wackelt, schieb’s unters Tischbein. So war meine Meinung über diesen Autor, nachdem man uns arme Seelchen von ungefähr 15, 16 Jahren im Deutschunterricht mit Texten wie „Brigitta“ oder „Abdias“ malträtiert hatte. Nie mehr Stifter, war von da ab die Losung. Ich wusste nicht, woher dieser Mann kam, wo er gelebt hatte, wozu er auf der Welt gewesen war. Um mir etwas zu sagen, ganz bestimmt nicht. Dann kam das Wendejahr 1989. Ich brach auf zu Erkundungsfahrten in das nun plötzlich offenstehende Land hinter dem Eisernen Vorhang. Und kam auch in den Süden des Nationalparks Šumava, an den herrlichen Moldaustausee Lipno, von dem die Tschechen schon wissen, warum er eines ihrer liebsten Feriendomizile ist. Jetzt sah ich, wo der literarische Quälgeist meiner Jugend her kam, ich fing an, zu begreifen, wie er aufgewachsen, was seine kleine, eng umgrenzte Herkunftswelt gewesen war. Und gleich wurde er mir sympathischer wie all die Dorfkinder, die es so schwer hatten auf ihrem Weg in die literarischen Metropolen, siehe etwa den Fichtelgebirgler Jean Paul.

Wieder schlug jenes Rezept an, das mich schon ein Leserleben lang begleitet. Es lautet: Lies die Bücher dort, wo sie entstanden sind. Verwende sie als Landkarten, als Reiseführer. Lass dich von den Büchern in die Landschaft

(ver)führen und von der Landschaft in die Bücher. Und so nahm ich Stifter noch einmal zur Hand. Las den „Hochwald“ wieder, „Haidedorf“ und „Waldsteig“, immer mit den Bildern des Böhmerwaldes rund um den Lipno-Stausee vor Augen. Ich fing an, mich für sein Leben zu interessieren, las alles, was in Erfahrung zu bringen war, auch seine Briefe und Biographien über ihn (die beste Einführung liefert noch immer Joseph Berlingers „Das Meer muss ich sehen. Eine Reise mit Adalbert Stifter“, Morsak Verlag). Ich entdeckte den kurzen, Fragment gebliebenen Text „Mein Leben“. Stifter beschreibt darin seine allerfrüheste Kindheit, ja sogar seine Empfindungen vor der Geburt, keiner hatte das je vor ihm versucht, in Worte zu fassen. Es folgen die ersten das Kleinkind beeindruckenden Sinneseindrücke: die Stube mit dem Kachelofen, der Tisch, das Fenster mit dem breiten Fensterbrett neben der Tür. „Auf diesem Fensterbrette war es auch allein, wenn ich zu lesen anhob. Ich nahm ein Buch, machte es auf, hielt es vor mich, und las: ,Burgen, Nagelein, böhmisch Haidel.‘“

All das lässt sich intensiv nachvollziehen, denn glücklicherweise blieb das Geburtshaus von Adalbert Stifter erhalten. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Viele Häuser des vor dem Krieg rein deutsch besiedelten Oberplan, etwa entlang des leicht ansteigenden, lang gestreckten Hauptplatzes, verfielen, wurden abgetragen, das Stifterhaus brannte einmal sogar. Aber es wurde wieder hergerichtet und beherbergt heute eine informative Schau zu Stifters Werk und Leben. Das Haus des Leinenwebers Johann Stifter, Adalberts Vater, hat einen schönen Innenhof, all das wird genutzt für Veranstaltungen und Wechsel-

ausstellungen.

Gezeigt werden Stifters Totenmaske, der überraschend kleine Schreibtisch des Dichters und auch Kopien seiner Malarbeiten. Stifter war nämlich lange unentschieden, ob er Schriftsteller werden sollte oder Landschaftsmaler. Man könnte sagen: Letztlich wurde er bei-des, nur dass er eben die Landschaft zunehmend mit Worten malte und nicht mit Farben.

Stifter-Wanderweg

Auch Oberplan hat er verewigt, sowohl in seinen Schriften als auch in seiner Malerei. Die Gemälde im Gedächtnis behaltend, die man gerade noch im Museum gesehen hat, kann man sich nun auf die Suche nach den Standpunkten machen, von wo aus Stifter die Motive höchstwahrscheinlich gemalt hat. Es gibt nämlich seit Jahren einen rund um Horní planá herumführenden Adalbert-Stifter-Wanderweg. Am besten beginnt man im kleinen Park oberhalb der Kirche auf dem Gutwasserberg. Dort steht seit 1906 eine ungefähr drei Meter hohe Bronze-Statue des Dichters, so als ob er während eines Spazierganges etwas ausruhen würde, in der linken Hand den breitkrempigen Hut, in der rechten ein Buch. Ausgerichtet ist das Denkmal so, dass Stifter auf das großartige Panorama schaut, bestehend aus dem See und den dahinterliegenden Bergen Hochficht, Plöckenstein und Dreisessel. Wobei man sich immer wieder klar machen muss: Stifter konnte noch gar nicht auf den See blicken. Der entstand nämlich erst Ende der 1950er Jahre, davor schlängelte sich die hier noch junge Moldau durch ein teils sumpfiges, teils eine Heidelandschaft bildendes Tal. Etwas nördlich von Oberplan legte der Fluss dabei so kurios seine Schlaufen in die Landschaft, dass man meinte, dort zeichne sich ein Herz ab, das bekannte Moldauherz.

Am Beginn des Stausees im Nordwesten liegt die Ortschaft Nová Pec. Von hier aus führt eine sich eng dahinschlängelnde Straße zu den wenigen Häusern von Jelení Vrchy/Hirschbergen. Dort gibt es nicht nur ein Dokumentationszentrum zur Geschichte des Schwarzenberger Schwemmkanals, man steht auch bereits nach einer halben Stunde Fußmarsch vor einem der imposantesten Bauwerke des ganzen Projektes, dem knapp 400 Meter langen Hirschbergen-Tunnel. Er geht noch zurück auf die Pläne des eigentlichen Erbauers dieser wasserbau-technischen Meisterleistung, Joseph Rosenauer, wurde aber erst 1821/22 tatsächlich ausgeführt. Der eigentliche Schwemmkanal ist noch 30 Jahre älter und ermöglichte es dem Fürsten Adam zu Schwarzenberg das Holz aus seinen Waldbesitzungen rund um den Plöckenstein bis nach Wien flößen zu lassen. Teile des Kanals waren bis in die 1930er Jahre in Betrieb, das harte Werkeln, nämlich die gefällten Baumstämme mit Rössern zum Kanal zu ziehen und dann auf einer Länge von 50 Kilometern bis zur Großen Mühl zu flößen, war also zu Adalbert Stifters Lebzeiten eine ganz normale Alltäglichkeit im Arbeitsleben der Böhmerwaldler am Oberlauf der Moldau. Literarische Spuren hat das allerdings keine in seinem Werk hinterlassen. Der Plöckensteinsee, der unter anderem Wasser für den Schwarzenberger Schwemmkanal lieferte, ist bei ihm allenfalls das „unheimliche Naturauge, das mich hier ansehe – tief schwarz – überragt von der Stirne und Braue der Felsen, gesäumt von den Wimpern dunkler Tannen“. Von einem menschengemachten Kanal kein Wort.

So steht es in seiner vielleicht berühmtesten Erzählung „Hochwald“. Sie spielt aber auch zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges und nicht in der beginnenden Industrialisierungs-Ära, zu der letzten Endes auch der Schwarzenberger Kanal gehört. Einer der Schauplätze ist die Burg Wittinghausen. Stifter lässt sie in seiner Erzählung den marodierenden Schweden zum Opfer fallen. Das entspricht zwar nicht der historischen Wahrheit, macht aber enormen literarischen Eindruck. Wittinghausen ist übrigens auch noch Schauplatz des im Mittelalter spielenden Romans „Witiko“ … Stifter war in dieses alte Gemäuer, das er auch gemalt hat, regelrecht vernarrt. Das zahlte sich in der jüngsten Vergangenheit durchaus für die Anlage aus, die zu Zeiten des Kalten Krieges im Grenzsperrbezirk lag und als militärische Radarstation genutzt wurde: Es flossen nämlich reichlich Gelder zur Absicherung der alten Mauern. Man rechnete – durchaus zurecht – damit, dass das „Label“ Adalbert Stifter Neugierige anziehen würde.

Mahnmal für Vertriebene

Und so lassen auch wir unsere Stifterrundreise ausklingen mit einem Besuch der alten Burgruine. Wir fahren am linken Seeufer, wo auch Horní planá liegt, bis nach Frymburk, der vielleicht am schönsten gelegenen Ortschaft entlang des Sees. Auf einer Art Halbinsel erhebt sich das frühere Friedberg mit seinem weithin sichtbaren schlanken, hoch aufragenden Kirchturm von St. Bartholomäus. Man geht durch die Gassen und steht plötzlich direkt am Wasser. In dem kleinen Städtchen lebte übrigens Stifters große Jugendliebe Fanny Greipl. Der Dichter nahm sich leider nie das Herz, sich ganz zu ihr zu bekennen. Sie heiratete schließlich einen anderen und starb jung bei der Geburt ihres ersten Kindes. Diese Geschichte ist wohl einer der Gründe, warum Stifters weiterer Lebensweg so gequält, tragisch und unerfüllt blieb.

Von Frymburk aus fahren wir mit der kleinen Autofähre ans andere Seeufer hinüber, dann geht es weiter mit dem Auto zur ehemaligen Ortschaft Svatý Tomáš. Von ihr steht nicht recht viel mehr als die Fronleichnamskirche. Mit ihrem Friedhof und den wenigen deutschen Grabkreuzen darin ist sie ein Mahnmal für die vertriebenen deutschstämmigen Böhmerwäldler. In zehn Minuten ist man zu Fuß bei der noch etwas höher gelegenen Ruine Wittinghausen. Sie stammt aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, von den Ringmauern sieht man noch klägliche Reste, stehen geblieben ist der quader-, oder wie Stifter schreibt würfelförmige Bergfried. An seiner höchsten Stelle gibt es eine Aussichtsplattform, von der aus man einen hinreißenden Rundblick auf das Mühlviertel, den Lipno-Stausee und die südböhmischen Berge hat. „Duftblaue Waldrücken“ nennt Stifter sie, dessen Herkunftsgegend und lebenslange Sehnsuchtslandschaft sich hier in berückender Schönheit vor einem ausbreitet.

Mehr Informationen zu Adalbert Stifters Leben und Werk:

Unter www.linztourismus.at/stifter findet man nicht nur viele interessante Infos zu Werk und Leben des Dichters. Von dort lässt sich auch die neu aufgelegte Broschüre „Stifter als Wegbereiter“ herunterladen, in der alle Veranstaltungstermine und -orte im noch laufenden Jubiläumsjahr aufgeführt sind.

Weitere Informationen

Das Geburtshaus des Dichters steht noch immer, obwohl es vor Jahrzehnten schon einmal brannte. Im Inneren gibt es eine ständige Ausstellung zu Stifters Leben und Werk zu besichtigen.

Ein Exponat in Adalbert Stifters Geburtshaus ist sein Schreibtisch, darüber an der Wand Repliken einiger seiner Ölgemälde. Er war sich lange unklar, soll er Maler oder Schriftsteller werden wollte.

In der Erzählung „Hochwald“ und dem Roman „Witiko“ ist die Burgruine Wittinghausen ein farbenfroh beschriebener Handlungsort. Von der Aussichtsplattform aus hat man einen grandiosen Blick auf den Lipno-Stausee.

Das Einlauf-Portal des Hirschbergen-Tunnels, der zum Schwarzenberger Schwemmkanal gehört, ist ein wasserbau-technisches Wunderwerk des späten 18. Jahrhunderts. Stifter hat es gekannt.

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