Am 17. Dezember 1918 war es soweit: Die Regierung des Volksstaats Bayern gab die Unmittelbarkeit der Stadt Weiden zum 1. Januar 1919 bekannt. Die Urkunde ist von Ministerpräsident Kurt Eisner unterzeichnet, in dessen 100-tägige Amtszeit die Weidener Kreisunmittelbarkeit fiel. Ein Zufall? Die Weidener "Freiheit" ein Verdienst von Revolutionären? Darüber gab und gibt es geteilte Meinungen.
Für Kulturamtsleiterin Petra Vorsatz und Historiker Sebastian Schott vom Weidener Stadtarchiv ist die Unabhängigkeit den Bürgermeistern Georg Knorr und seinem Vorgänger August Prechtl zu verdanken, die dieses Projekt 20 Jahre vorangetrieben hätten. "Die Kreisfreiheit war Folge des gewachsenen Status der Stadt durch Bevölkerungswachstum und Industrialisierung", sagt Vorsatz.
SPD will Eisner-Straße
Die SPD-Stadtratsfraktion sieht den Verdienst bei Kurt Eisner, dem „die Stadt Weiden die bis heute gültige Kreisfreiheit verdankt“. So der Wortlaut eines Antrags, den Fraktionsvorsitzender Roland Richter in der Stadtratssitzung am 28. Januar einbringt. Die SPD fordert die Benennung eines Platzes oder einer Straße nach Kurt Eisner. Am Montag im Stadtrat schließt sich dieser Forderung auch die CSU um Fraktionschef Wolfgang Pausch an.
Pünktlich zum Jubiläumsjahr eröffnen Oberbürgermeister Kurt Seggewiß und Stadtarchivarin Vorsatz am Sonntag, 16. Dezember, um 11 Uhr eine Ausstellung "100 Jahre Kreisfreiheit" im Neuen Rathaus. Zu Vorsatz' Schätzen zählt ein Amtsblatt: Die Wut von Bürgermeister Georg Knorr ist selbst in seiner Schrift auf dem dünnen, 100 Jahre alten Amtsblatt erkennbar. Mit Tinte kommentiert er im Januar 1917 die Ankündigung einer Distriktsversammlung in Neustadt: "Stimmenverhältnis! 4 + 4 + 9 + 34 = 51 Stimmen, davon Weidener 10." Das "10" hat er doppelt unterstrichen.
Im Gegenzug zahlt die Stadt Weiden jährlich 30 000 Mark Umlage an den Distrikt. "Gegenleistung = 0", schreibt Knorr. "Bei großen Projekten zahlt die Stadt Dreiviertel, das Land ein Viertel. Wir haben ernstlich nichts zu sagen."
Mit Leidenschaft setzt Knorr den Kampf um die Kreisfreiheit fort, die sein Vorgänger Prechtl begonnen hat.Von 1880 bis 1900 hatte sich die Weidener Bevölkerung von 4900 auf fast 10 000 mehr als verdoppelt. 1898 fordern neun Gemeindebevollmächtigte die Loslösung aus dem Bezirksamt Neustadt und die direkte Unterstellung unter die Regierung der Oberpfalz in Regensburg. Unter den Antragstellern sind Kaufmann Georg Aichinger, Buchbindermeister Friedrich Roscher und Metzger Georg Baier. Bürgermeister August Prechtl regt als ersten Schritt die Wahl eines hauptamtlichen Berufsbürgermeisters an, die 1899 erfolgt.
Distrikt pokert
Unter Führung seines Nachfolgers Georg Knorr beschließt der Weidener Magistrat 1917, die Unmittelbarkeit zum 1. Januar 1919 zu beantragen. Es folgen zähe Verhandlungen über die Ablösesumme. Weiden bietet 200 000 Mark an. Der Distrikt verlangt 250 000. Der Stadtrat stimmt zu. Die Zeit drängt, um noch die nötige Bürgerabstimmung auf den Weg zu bringen. Alle männlichen Stimmberechtigten werden aufgefordert, von 5. bis 7. Oktober an die Urnen zu treten. Auch die Ergebnisliste gibt es noch: Von 964 Stimmberechtigten votieren 757 für die Loslösung (78 Prozent).
Als die Regierung Regensburg ihre Zustimmung erteilt, wird Knorr am 3. Dezember 1918 im Innenministerium München vorstellig. Innenminister Erhard Auer (SPD) sichert ihm die Unmittelbarkeit zum 1. Januar. Auer ist es auch, der am Abend des 17. Dezember 1918 das erste Glückwunschtelegramm schickt. Gefeiert wird am 2. Januar, vormittags um 10 Uhr. Bürgermeister Knorr wünscht, dass Weiden "weiterhin blühen, wachsen und gedeihen und wieder zur höchsten Blüte des Deutschen Städtetums emporsteigen möge".













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