17.01.2019 - 18:06 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

170 Mitarbeiter der Philatelie ausgegliedert: Von der Post-Mutter zur Tochter

170 Mitarbeiter der Niederlassung der Post arbeiten ab 1. Februar bei einem Tochterunternehmen. Für sie hat das aktuell keine Auswirkungen. Doch die Gewerkschaft befürchtet, dass die Arbeitsplätze in Weiden nach und nach abgebaut werden.

Die meisten Weidener kennen das Gebäude unter „Philatelie“. Doch seit einigen Jahren heißt es „Niederlassung Multikanalvertrieb“. 170 Mitarbeiter werden nun ausgegliedert.
von Beate-Josefine Luber Kontakt Profil

Den meisten ist sie bekannt unter Philatelie, doch seit 2012 heißt der Poststandort ganz unromantisch „Niederlassung Multikanalvertrieb“. Das „modernste Versandzentrum Europas“ nannte Postsprecher Erwin Nier ihn einmal.

Doch ein großer Teil der etwa 450 Mitarbeiter ist verunsichert. Die 170 Beschäftigten des Servicecenters, Abteilung Kundendienst, werden ab 1. Februar per Arbeitnehmerüberlassung an die „Customer Service Center GmbH“, ein hundertprozentiges Tochterunternehmen der Post, ausgegliedert. Die Stimmung unter den Beschäftigten sei nicht gut, bekennt der freigestellte Betriebsrat Franz Wiesent. Es herrsche Unbehagen. Am Freitagmorgen, 18. Januar, halte die Abteilung eine Betriebsversammlung ab.

Zwar ändert sich für die aktuellen Mitarbeiter erst einmal nichts, bestätigt Anton Hirtreiter von Verdi. „Sie bleiben bei der Post zu den derzeit gültigen Konditionen angestellt. Das ist für die nächsten zehn Jahre zugesichert.“ Tarifbezahlung und andere Schutzregelungen wie Kündigungsschutz blieben. Hirtreiter sorgt die Zukunft. „Das, was die Post macht, ist Tarifflucht. Arbeitsplätze in Weiden werden so mittelfristig vernichtet.“ Denn zukünftige Mitarbeiter, und die Fluktuation im Call-Center sei sehr hoch, würden nicht mehr tariflich bezahlt, befürchtet der Verdi-Postexperte. Oder schlimmer: „Die Mitarbeiter in Weiden werden nicht ersetzt, sondern die Arbeit übernehmen billige Arbeitskräfte in Ukraine oder Kroatien. Dort hat die Post Tochterunternehmen.“ Einen anderen Grund für die Arbeitnehmerüberlassung sehe er nicht. Einen „Skandal“ nennt der Gewerkschaftler die Sparmaßnahme, zumal der Konzern gleichzeitig Portos erhöht. „Und das nur, damit die Post die Zusage gegenüber ihren Aktionären einhalten kann.“ Nach Medienberichten strebt Post-Chef Frank Appel für das Jahr 2020 einen operativen Gewinn von 5 Milliarden für den Dax-Konzern an. „Das geht auf Kosten der Post-Mitarbeiter. Viele im Servicecenter sind Alleinerziehende und Teilzeitbeschäftigte“, sagt Hirtreiter.

Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Uli Grötsch, der sich stark für die Niederlassung einsetzte, ist schockiert von dem Schritt, den er erst über unsere Zeitung erfuhr: „Ich lehne Arbeitnehmerüberlassung und ähnliche Verfahrensweisen am Arbeitsmarkt strikt ab. Erst recht bei Betrieben, die sich ehemals in staatlicher Hand befunden haben.“ Er werde unverzüglich mit dem Betriebsrat Kontakt aufnehmen. Zu den Bedenken von Verdi zum Personalabbau sagte er: „Ich bin mir sicher, dass in der Konzernleitung bekannt ist, dass ich keinen Schritt weichen werde, um die Philatelie in Weiden in der jetzigen Form und mit der jetzigen Personalstärke zu erhalten!“

Die Deutsche Post AG selbst drückt den Schritt etwas anders aus. Es handele sich um eine „organisatorische Weiterentwicklung“, in der die betroffene Abteilung Kundendienst am Standort Weiden mit anderen Kundendienstaktivitäten des Unternehmens zusammengelegt werde, heißt es aus der Pressestelle. So sollen die Mitarbeiter ihre Aufgaben „noch professioneller und innovativer“ ausführen. Post-Presseprecher Erwin Nier macht auch klar: „Von einer möglichen zukünftigen ,Abwicklung’ des Versandzentrums Weiden zu sprechen, ist reine Spekulation.“

Andere Bereiche der Niederlassung sind nicht betroffen, das bestätigt auch Verdi. Noch 2016 lobte die Abteilungsleiterin im Kundendienst, Sieglinde Ostermeier, in einem Artikel von Oberpfalz-Medien ihre Mitarbeiter als „loyal und motiviert“. Dieselben Mitarbeiter hätten nun ein ungutes Bauchgefühl aufgrund ihres Wechsels zum Tochterunternehmen, sagt Betriebsrat Franz Wiesent. „Das ist einfach nicht so sicher, wie wenn man bei der Mutter beschäftigt ist.“

Kommentar:

Ende Legende

Die Philatelie in Weiden kommt nicht aus ohne ihre Gründungslegende. Wie die Briefköpfe für die Versandstelle in Regensburg schon gedruckt waren, wie dann der damalige Bundestagsabgeordnete Franz Zebisch und sein Mitarbeiter Ludwig Stiegler doch noch das Ruder rumrissen und den Coup für Weiden landeten.
Wie die Versandstelle für Briefmarken 1980 nach Weiden kam, ins damalige Zonenrandgebiet, und bald die einzige ihrer Art bundesweit wurde. Bis Dezember 2018 war die Geschichte der Philatelie eine Erfolgsgeschichte, sie ist bekannt in ganz Deutschland, das Verwaltungszentrum zog ganz nach Weiden, dann kam der Vertrieb der Silbermünzen hinzu.
Doch die „Philatelie“ hat ihren schönen romantischen Namen nicht behalten und heißt jetzt im trockenen Manager-Sprech „Niederlassung Multikanalvertrieb“. Die Mitarbeiter des einstigen staatlichen Unternehmens werden offenbar immer mehr zum Humankapital, das optimiert werden muss. Es gilt aufzupassen, dass das nicht der Anfang vom Ende einer großen Legende ist.

Beate-Josefine Luber

Weitere Medienberichte über die Philatelie Weiden

https://www.onetz.de/weiden-in-der-oberpfalz/wirtschaft/neue-organisationsstruktur-fuer-alte-philatelie-bonn-verschickt-die-befehle-d1668579.html

Deutsche Post Philatelie
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