13.03.2020 - 18:34 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

40 Jahre an der Dialyse: Martina Höfer ist deutschlandweit ein seltener Fall

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Als Zehnjährige droht Martina Höfer an Nierenversagen zu sterben. Der Arzt gibt sie auf. Doch das Mädchen ist stark. Heute ist Höfer 51 Jahre alt. Die Dialyse hält sie seit vier Jahrzehnten am Leben. Ein deutschlandweit seltener Fall.

Das Leben als Dialysepatientin ist nicht einfach. Aber es kann mehr als 40 Jahre dauern. Das zeigt Martina Höfer, die trotz aller Widrigkeiten ob der schönen Dinge im Leben immer wieder lächeln kann. Gleich beginnt ihre Dialysebehandlung im Nierenzentrum Weiden. Drei Mal wöchentlich ist sie dort Gast.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

Weihnachten 1979 änderte sich das Leben von Martina Höfer schlagartig. Als Zehnjährige kommt sie am 24. Dezember ins Krankenhaus. Sie wird dort wegen einer vermeintlichen Bronchitis behandelt wird. "Am zweiten Weihnachtsfeiertag bin ich mit der Dialyse wach geworden", erinnert sich die Falkenbergerin. Damals, 1979, habe der behandelnde Arzt zum Onkel gesagt: "Hat die Familie noch mehr Kinder? Weil dieses hier kann sie abschreiben."

Pustekuchen! 2020 sitzt Martina Höfer im Nierenzentrum Weiden - und lächelt. Das kann sie vor allem dank der regelmäßigen Blutwäschen dort. Seit über 40 Jahren, immer Montag-, Mittwoch- und Freitagnachmittag, rattert und fiept über Stunden die Maschine, die über bleistiftdicke Kanülen und Schläuche Höfers Blut aus deren Körper pumpt und es mittels einer Dialyseflüssigkeit reinigt. Experten sprechen von Hämodialyse. Das ist das am häufigsten genutzte Dialyseverfahren in Deutschland. Allerdings nutzt es kaum einer über so viele Jahre wie Martina Höfer.

"Die Menschen, die wie Martina Höfer über 40 Jahre mit einer solchen Behandlung leben, sind deutschlandweit an zwei Händen abzählbar", erklärt Dr. Stephan Kirchner, ärztlicher Leiter des Nierenzentrums Weiden, auch Kuratorium für Heimdialyse (KfH) genannt. Vor Kurzem gratulierten er und sein Team Martina Höfer mit Blumen zu diesem seltenen Jubiläum. Ein Jubiläum, von dem Martina Höfer nicht immer dachte, dass sie es feiern könnte. Scheiterten doch mehrere Organtransplantationen.

Körper stößt mehrere Nieren ab

Mit 13 Jahren die erste im Münchener Klinikum Großhadern. "Sie haben die Hauptader von der transplantierten Niere erwischt. Dann ist sie ausgeblutet. Nach einem halben Jahr kam die Niere über den Blasenkatheter aus meinem Körper - zersetzt." Vor allem an die Schmerzen, das Bangen, das viele Alleinsein weit weg von der Familie in der Oberpfalz kann sich Martina Höfer noch gut erinnern. Fortan war es wieder die Dialyse, die das Mädchen am Leben hielt. Damals übrigens noch im Krankenhaus Weiden. Im Keller. "Uns durfte keiner sehen. Wir sind ja giftig." Erst als 1990 das KfH in Weiden eröffnete, zählte die Falkenbergerin dort zu den ersten ambulanten Patienten.

Der zweite Transplantationsversuch folgte in Erlangen: "Die Niere kam nach einer Woche steinhart wie ein Gummiball wieder aus mir raus." Mediziner Kirchner spricht von einer Vernarbung, wie sie bei einer Akutabstoßung vorkomme. Die dritte Niere erhielt Martina Höfer in Würzburg. "Damals habe ich zu meiner Mutter am Telefon gesagt, sie soll schnell kommen, ich glaube, ich muss sterben." Erst als die neue Niere raus war aus Höfers Körper, ging es ihr besser.

Zu 40 Jahren Dialysebehandlung gratulieren Martina Höfer mit Blumen die leitenden Pflegekräfte Daniela Moser und Marianne Lorenz sowie Dr. Stephan Kirchner, ärztlicher Leiter des Nierenzentrums Weiden.

Kritik an Spendenträgheit

Mit diesen Erfahrungen lehnte die Patientin die vierte Niere ab, die ihr in Regensburg transplantiert werden sollte. Sie wäre von einer Schilddrüsenkrebspatientin gekommen. "Ich brauchte doch endlich eine gescheite Niere", dachte Höfer verzweifelt - und ließ sich komplett von der Warteliste für Organspenden nehmen. Mediziner Kirchner erklärt, Höfer sei wohl "dauerhaft hochimmunisiert", sie bilde also sofort Antikörper gegen alles, was in ihren Körper kommt.

Unabhängig von ihrem eigenen Schicksal kritisiert Martina Höfer die Spendenträgheit der Menschen. "Jeder will, dass ihm geholfen will. Aber kaum einer will helfen", sagt sie. Und: "Die Menschen haben zu viel Angst, sich mit ihrem Tod auseinanderzusetzen." Deshalb hätte sich die 51-Jährige die vom Gesundheitsminister geforderte Widerspruchslösung gewünscht. Demnach ist jeder automatisch Organspender, sofern er nicht widerspricht. Der Bundestag lehnte das im Januar ab.

Zurück zu Höfer und der Dialyse, die die Falkenbergerin aber nie davon abgehalten hat zu arbeiten. Nach der 9. Klasse geht sie von der Schule. "Nach der Diagnose bin ich schnell erwachsen geworden." Eine Wunschausbildung bei der AOK scheitert am Blockunterricht weit weg, der die gewohnte Dialyse hätte wackeln lassen. 26 Jahre war Höfer schließlich am Landratsamt Tirschenreuth tätig.

Halbtags. Vollzeit war ihr wegen der Dialysetermine verwehrt. Dafür gab's in der Anfangszeit schon mal unqualifizierte Sprüche der Kollegen, wenn sie sich zur Blutwäsche aufmachte. "Die haben gesagt, wie gut du, du kannst jetzt ein paar Stunden schlafen."

Von den Krampfanfällen, die häufig mit der Dialyse einhergehen, haben diese Kollegen keine Ahnung. Auch nicht davon, wie viele Medikamente Martina Höfer zu sich nehmen muss und wie wenig Flüssigkeit sie zu sich nehmen darf: "Wie oft habe ich mich vor allem als Kind nach einem Spotzen mit viel Soß' gesehnt. Bei mir war's ein Knödel und ein Tropfen Soß'"

Uns durfte keiner sehen. Wir sind ja giftig.

Martina Höfer über die Dialyse, die vor 40 Jahren noch im Keller des Krankenhauses stattfand

Martina Höfer über die Dialyse, die vor 40 Jahren noch im Keller des Krankenhauses stattfand

Humor trotz vieler Entbehrungen

Ihr Leben kennzeichnen viele Entbehrungen. "Ich wollte Doktor oder Lehrer werden. Und was bin ich? Ewiger Patient", sagt sie etwa. Ihr Leben kennzeichnet aber auch Dankbarkeit: Für Mama Hildegard (80) etwa. "Sie tut mir alles." Für die Zeit mit Neffen und Patenkind. Und für die Betreuung im Nierenzentrum Weiden. "Dialysezeit ist Lebenszeit, heißt es", erinnert Dr. Kirchner. "Das hier ist mein zweites Zuhause", erwidert Martina Höfer. "Ich habe schon viele gesehen, die nicht mehr kommen." Trotzdem wolle sie weiter leben. "Zehn Jahre müsste ich schon noch machen", sagt die 51-Jährige und lächelt ihr so einnehmendes Lachen in die Dialyserunde. Mit den Worten "Ich bin halt ein Steh-auf-Männchen", verabschiedet sich die 51-Jährige, stellt ihren Korb neben das Bett und streckt der Pflegerin ihren Arm entgegen. Die Blutwäsche beginnt.

Seit 40 Jahren ist Martina Höfer in Dialysebehandlung, seit 1990 als ambulante Patientin am Kuratorium für Heimdialyse (KfH) am Orthegelmühlbach nahe der Mehrzweckhalle in Weiden.
Die Nieren und Ihre Funktion:

Die Nieren und ihre Funktion

Die beiden Nieren sind rund zwölf Zentimeter hohe und bohnenförmige Organe. Sie leisten so vielfältige wie lebenswichtige Aufgaben: Sie filtern ständig das Blut und befreien es von Stoffwechselendprodukten sowie Schadstoffen. Sie steuern den Wasser- und Mineralhaushalt sowie den Säuregrad des Bluts. Sie produzieren Hormone und helfen bei der Regulation des Blutdrucks. Entsprechend kompliziert und gefährlich wird es, wenn die Nieren den Dienst versagen.

Info:

Das Nierenzentrum Weiden

Das KfH-Nierenzentrum Weiden eröffnete 1990. 130 Patienten werden derzeit am Kuratorium für Heimdialyse in Weiden auf den insgesamt 40 Plätzen behandelt. Die Konzentrate für die Blutwäsche fertigt das Zentrum übrigens selbst Das Zentrum bietet Nierenersatztherapie mit Hilfe der unterschiedlichsten Dialyseverfahren an. „Aktuell stehen 25 Prozent derjenigen, die wir behandeln, auf der Warteliste für eine Organspende“, informiert Dr. Stephan Kirchner, ärztlicher Leiter des KfH Weiden. Und er sagt: „Wir versuchen jeden auf diese Liste zu bekommen.“ Nach dem Skandal rund um Organtransplantationen 2016 und 2017 und dem damit verbunden Rückgang an Spenden, habe sich bei den Nierentransplantationen 2018 ein Plateau mit leichter Tendenz nach oben gebildet.

Zudem gibt es beim Nierenzentrum Weiden, Am Orthegelmühlbach, auch das Angebot, Behandlungen im Heimverfahren durchzuführen.

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