28.05.2021 - 15:29 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

60 Jahre Antibabypille in Deutschland: Von Selbstbestimmung und Nebenwirkungen

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Die Antibabypille feiert in diesem Jahr ihren sechzigsten Geburtstag. Für Frauen eröffnete sie den Weg in die sexuelle Selbstbestimmung, trotz einiger Nebenwirkungen. Drei Oberpfälzerinnen erzählen Oberpfalz-Medien ihre Pillen-Geschichten.

Die Antibabypille in ihrer Verpackung. Nur eine regelmäßige Einnahme schützt vor ungewollten Schwangerschaften.
von Redaktion ONETZProfil

Von Caroline Keller und Kathrin Moch

Die kleine Pille zur Empfängnisverhütung für die Frau feiert in diesem Jahr ihren sechzigsten Geburtstag. Am 1. Juni 1961 brachte das Berliner Pharmaunternehmen Schering mit "Anovlar" die erste Pille auf den westdeutschen Markt. In der DDR folgte 1965 "Ovosiston" von Jenapharm. Heute kaum vorstellbar: Die weiß-grüne Packung von "Anovlar" gab es zunächst nur für verheiratete Frauen. Papst Paul VI. brandmarkte 1968 Verhütungsmittel in seiner Enzyklika "Humanae vitae" als Sünde. Dabei war es für die Frauen ein Meilenstein: Erstmals waren sie in der Lage sich selbstständig vor einer ungewollten Schwangerschaft zu schützen.

Das sieht auch die heute 81-jährige Helga aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach so: "Das war auf jeden Fall eine gute Entwicklung." Als Helga damals mit ihrer ersten Tochter schwanger wurde, gab es die Pille noch nicht. "Die kam ein bisschen zu spät", scherzt die Rentnerin. Während man heute ganz unverblümt über Verhütung redet, war das in der Anfangszeit der Pille nicht so.

Tabuthema Verhütung

Es sei eher ein Tabuthema gewesen, über das man nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen hat. "Das war immer ein bisschen geheimnisvoll, die beste Freundin wusste es natürlich, wenn man die Pille nahm aber man hat kaum mit jemandem darüber gesprochen." Nicht einmal der Arzt klärte Helga damals richtig auf: "Ich habe mir mit 20 Jahren die Pille verschreiben lassen. Beraten oder über Nebenwirkungen aufgeklärt hat mich der Arzt aber nicht." Für die Frauen in der damaligen Zeit sei die Einführung der Pille eine "feine Sache" gewesen. "Das war wichtig für die persönliche Freiheit." Davor hätten die Frauen oft viele Ängste vor ungewollten Schwangerschaften durchstehen müssen.

Auf den ersten Blick sorgte das neue Verhütungsmittel sogar für einen Rückgang der Geburtenzahlen in den 1960er und 70er Jahren. Häufig wird diese Entwicklung auch als "Pillenknick" bezeichnet. Beate Keldenich, die als Medizinerin zur Geschichte der Antibabypille in Deutschland geforscht hat, relativiert gegenüber der Nachrichtenagentur dpa aber: Die Pille sei lediglich ein Katalysator für Entwicklungen in der Gesellschaft gewesen, die ohnehin schon da gewesen sind.

60 Jahre Antibaby-Pille: 5 Fakten

Auch die Bundeszentrale für politische Bildung weißt anlässlich des 60-jährigen Geburtstags der Pille daraufhin, dass Soziologen heute nicht allein die Pille für den Geburtenrückgang in dieser Zeit verantwortlich machen. Allgemeine Entwicklungen in Industrieländern, wie zunehmender Wohlstand und daraus resultierende neue Lebensmodelle, hätten eine Rolle gespielt.

Meist genutztes Verhütungsmittel

Immer mehr Frauen nehmen in den folgenden Jahrzehnten die Pille. Auch heute erfreut sich die Pille als Verhütungsmittel noch großer Beliebtheit. Nach Informationen einer repräsentativen Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) aus dem Jahr 2019 nannten 47 Prozent der befragten Frauen und Männer die Antibabypille zur Verhütung. 46 Prozent nutzen ein Kondom. Im Vergleich zur Vorgängerstudie aus dem Jahr 2011 stieg die Kondomnutzung um 9 Prozent, die Verwendung der Pille ging im selben Zeitraum um 6 Prozentpunkte zurück. Besonders deutlich sei dieser Trend in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen: Hier sank der Anteil der Pillen-Nutzerinnen von 72 auf 56 Prozent. Auch eine Studie zur Verordnung der Antibabypille der Krankenkasse AOK aus dem Jahr 2020 zeigt: Es werden weniger Pillen verschrieben als noch vor 10 Jahren. Waren es 2010 noch rund 46 Prozent der gesetzlich versicherten Frauen unter 20 Jahren, denen die Pille verschrieben wurde, sank dieser Anteil auf rund 31 Prozent ab.

Stimmungsschwankungen

Immer mehr scheint sich ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass die Pille kein "Lifestylemedikament", sondern ein starker Eingriff in den Hormonhaushalt der Frau, ist. Welche Auswirkungen dieser Eingriff in die Hormone haben kann, weiß Lena Schricker aus der Oberpfalz nur zu gut. In einer Mail berichtet sie von ihren Erfahrungen. Nach rund sechs Jahren Einnahme stellt sie fest: "Ich war nicht mehr ich selbst." Starke Stimmungsschwankungen und depressive Phasen gehören zum Alltag der jungen Frau, sie kämpft mit starken psychischen Nebenwirkungen. "Ich fühlte mich müde, lustlos und vor allem bin ich manchmal morgens aufgewacht und in Tränen ausgebrochen. Am Ende hat dies leider meine Beziehung gekostet."

Erst ein Griff zur Packungsbeilage der Pille und ähnliche Erfahrungen im Freundeskreis, bringen die damals 21-Jährige dazu die Pille abzusetzen. Es folgten viele Monate mit unreiner Haut und Akne. "Es dauerte circa ein halbes Jahr, vielleicht auch ein bisschen länger, und ich war ein komplett anderer Mensch. Hört sich vielleicht übertrieben an, aber ich habe es leider genauso erlebt." Am Anfang habe sich die junge Frau kaum Gedanken über die Einnahme gemacht: "Ich war damals 15 Jahre und hatte meinen ersten Freund. Der erste Gang war natürlich zum Frauenarzt wegen der Pille. Ich kannte das auch nicht anders, ohne darüber nachzudenken habe ich sie mir verschreiben lassen."

Trends in der Verhütung

Der Chefarzt der Frauenklinik Amberg, Privatdozent Dr. Thomas Papathemelis, erklärt im Gespräch mit Oberpfalz-Medien, dass Stimmungsschwankungen durchaus auf die Einnahme der Pille zurückzuführen sind: "Dafür verantwortlich sind Gelbkörperhormone, also das Gestagen in der Antibabypille." In der Packungsbeilage der Antibabypille sind als Nebenwirkungen neben Stimmungsschwankungen noch Kopfschmerzen, Wassereinlagerungen, Zwischenblutungen und ein erhöhtes Risiko für Thrombosen aufgelistet. Auch wenn es laut dem Gynäkologen wenige Fälle von Thrombosen durch die Pille gibt, musste Katharina Bauer diese Erfahrung machen. Wegen Bauchschmerzen wendete die Oberpfälzerin sich an ihren Hausarzt. Durch Zufall entdeckte der Arzt eine Thrombose bei ihr. Dabei handelte es sich um eine sehr seltene Form der Thrombose der Mesenterialvene. "Bei mir hatte sie zum Teil sogar die Pfortader betroffen." Die Pille habe einen großen Teil dazu beigetragen, meinten die Ärzte, auch wenn sie nicht die alleinige Ursache war. Seitdem darf Katharina keine hormonelle Verhütung mehr nehmen. "Mittlerweile ist die Thrombose zum Glück aufgelöst und mir geht es soweit wieder gut."

In Beratungsgesprächen klären Gynäkologen Frauen über die Nebenwirkungen auf. Dem Chefarzt fällt auf, dass es in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren eine Veränderung bei jüngeren Frauen gibt: "Der Fokus liegt mittlerweile mehr auf den Risiken und Nebenwirkungen der Antibabypille. Die positiven Aspekte der Präparate geraten in den Hintergrund." Der Trend bei Verhütungsmitteln gehe mehr zu hormonfreier Verhütung. Diese Veränderung ist Elisabeth Schieder, Diplom Sozialpädagogin und Leiterin von Donum Vitae Weiden, bei jüngeren Frauen auch schon aufgefallen: "Die Frauen suchen nach Alternativen zu hormoneller Verhütung."

Aufklärung im Internet

Vor der Corona-Pandemie besuchten die Sozialpädagogin und ihre Kolleginnen die Schulen in und um Weiden um die Schüler über Sexualität und Verhütung aufzuklären. Die Aufklärungsarbeit in den Schulen ist nach wie vor wichtig, findet Schieder: "Die Jugendlichen informieren sich mittlerweile im Internet, aber das Wissen wird dort nicht richtig vermittelt." Wo früher die "Doktor Sommer"-Seiten des Jugendmagazins "Bravo" aufgeklärt hatten, werden heute die sozialen Medien oder Apps zu Rate gezogen. "Die Jugendlichen wissen dann aber trotzdem oft nicht wie der weibliche Zyklus funktioniert und welche Fehler es bei der Anwendung der Pille gibt", erzählt die Sozialpädagogin.

Fakten zur Pille in 100 Sekunden

Bei nicht richtiger Anwendung, wie unregelmäßiger Einnahme oder der Einnahme von Antibiotika, bietet die Pille keinen Schutz vor ungewollten Schwangerschaften. Erbrechen und Durchfall kurz nach der Einnahme machen die Pille unwirksam. Auch Chefarzt Papathemelis fällt auf, dass durch das Internet junge Frauen mit einer gewissen Erwartungshaltung in seine Sprechstunden kommen: "Das Internet kann aber nicht das Maß aller Dinge sein. Junge Frauen sollten sich die Informationen bei Fachleuten einholen und nicht auf Laien-Presse hin Entscheidungen treffen."

Zukunft der Verhütung?

In Zukunft wird der Trend bei den Verhütungsmitteln zu hormonfreien Alternativen gehen, insbesondere bei jungen Frauen. Das sieht der Gynäkologe genauso. "Es hat in der Vergangenheit Untersuchungen zur Pille für Männer gegeben" , erklärt er. Die Präparate für Männer sind laut dem Chefarzt bisher aber nicht mit Erfolg gekrönt.

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"Der Fokus liegt mittlerweile mehr auf den Risiken und Nebenwirkungen der Antibabypille. Die positiven Aspekte der Präparate geraten in den Hintergrund."

Dr. Thomas Papathemelis, Chefarzt Frauenklinik Amberg

Dr. Thomas Papathemelis, Chefarzt Frauenklinik Amberg

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