02.12.2019 - 10:41 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Abdullah Ugur ... begleitet Flüchtlingsfamilien und kämpft für ihre Rechte

Empathie, Gerechtigkeitssinn und unermüdliche Hilfsbereitschaft liegen Abdullah Ugur, gesetzlicher Betreuer für Flüchtlingsfamilien in Weiden, im Blut. Schon immer schlug sein Herz für seine Mitmenschen.

Abdullah Ugur ist Ansprechpartner, Unterstützer - und in vielen Fällen auch Trostspender. Er unterstützt geflüchtete Familien in Weiden ehrenamtlich.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Als Jugendlicher half er seinen Mitschülern an einem Istanbuler Gymnasium, seit sieben Jahren kämpft er für die Rechte geflüchteter Menschen. Eine Aufgabe, die mit schlimmen Schicksalen verbunden ist, wie der 61-jährige Muslim, der seit 1994 in Deutschland lebt, im Interview erzählt.

ONETZ: Werden dir die geflüchteten Menschen zugeteilt oder wenden sie sich an dich?

Abdullah Ugur: Beides. In den meisten Fällen wenden sich die Ämter an mich, wenn sie Hilfe bei der Betreuung von Menschen brauchen, die nach Deutschland geflohen sind. Manchmal bitten mich Familien auch direkt, mir ihre Lage anzuschauen und zu prüfen, welche rechtlichen Möglichkeiten bestehen.

ONETZ: Du erlebst dramatische Schicksale, Angst ...

Abdullah Ugur: ... und das ist nicht einfach, sehr emotional. Zu den meisten Betroffenen baue ich eine persönliche Beziehung auf, lerne ihre Vergangenheit kennen. Viele wachsen mir ans Herz. Müssen Menschen zurück in ihr Herkunftsland, ist das traurig, vor allem, wenn man weiß, dass sie dort nicht sicher sind. Noch schlimmer ist es, wenn Kinder beteiligt sind. Aber ich darf das nicht zu nah an mich heranlassen. Sonst würden die Trauer und die negativen Gefühle meiner Arbeit im Weg stehen.

ONETZ: Wo stößt du an Grenzen?

Abdullah Ugur: Meistens sind es bürokratische Grenzen, Behörden, die lange für Entscheidungen brauchen oder sie überhaupt nicht treffen. Meine Arbeit ist mit Zeitfristen verbunden. Werden die nicht eingehalten, kann das über Bleiberecht oder Abschiebung entscheiden. Oft kann ich Entscheidungen nicht nachvollziehen – wie bei einem Fall vor einem Jahr. Eine türkische Familie wollte ihre Familie in Weiden besuchen. Die Frau wurde in Deutschland geboren, die Kinder und ihr Mann in der Türkei. Zwei Mal lehnten die Behörden ein Visum ab. Die Begründung: Sie hätten nicht den Nachweis erbracht, dass sie über ausreichende Mittel zur Bestreitung des Lebensunterhalts für ihren Aufenthalt in Deutschland verfügen. Für mich unvorstellbar. Die Familie besitzt ein Haus in der Türkei, der Mann ist Unternehmer. Das Konsulat blieb bei der Entscheidung. Sie durften nicht einreisen, die Frau ihre schwer erkrankte Schwester in Weiden nicht besuchen. Wir waren machtlos.

ONETZ: Wie lange begleitest du Betroffene?

Abdullah Ugur: So lange, bis die Angelegenheit erledigt ist. Im besten Fall, bis sie ein Bleiberecht haben. Das kann zwischen einigen Wochen und mehreren Monaten dauern. Es kann auch schnell gehen. Ich erinnere mich an eine Situation vor einigen Jahren. Eine Frau bat mich um Hilfe. Ihr Mann hatte sie rausgeschmissen, sie stand kurz davor, in ihr Heimatland zurück zu müssen. Uns blieben zwei Wochen, um sie davor zu bewahren. Ich stellte Eilanträge. Nervenaufreibende Stunden und Tage – doch am Ende haben wir es geschafft. Die Frau durfte bleiben. Heute ist sie sehr glücklich.

ONETZ: Deine Aufgabe endet nicht um 18 Uhr. Eine Dauerbelastung?

Abdullah Ugur: Jeder Mensch hat das Recht, glücklich zu sein, sicher zu leben. Meine Motivation ist, Menschen das zu ermöglichen. Mich motivieren die Fälle, in denen wir es schaffen, dass Familien bleiben und ein sicheres Leben führen können. Neben meiner Arbeit als gesetzlicher Betreuer bin ich Fördermitglied des Vereins „Dornrose“. Ich ertrage es nicht, wenn jemandem Ungerechtigkeit widerfährt. Solange ich etwas dagegen machen kann, werde ich das tun. Allerdings habe ich ein wenig zurückgeschraubt. Es ist belastend, auch körperlich.

ONETZ: Wie geht es den Menschen, die von einer Abschiebung bedroht sind?

Abdullah Ugur: Sie leben in permanenter Angst. Eine große Belastung – vor allem für Kinder. Bei jedem Klingeln zucken sie zusammen, befürchten, dass sie Beamte mit einem Abschiebebescheid mitnehmen. Die Entscheidung über Bleiberecht und Abschiebung dauert oft Monate. Monate, in denen sich Familien integrieren, die Sprache lernen, Freunde finden. Kinder besuchen die Schule. Und von einem Moment auf den anderen kann sich alles ändern. Das Schwierige ist, dass sich die Menschen nicht darauf vorbereiten können. Die Beamten holen sie ohne Vorwarnung – oft mitten in der Nacht. Den Menschen bleiben nur Minuten, um zu packen.

ONETZ: Die Flüchtlingswelle 2015 spaltete die Bevölkerung. Wie ist die Stimmung heute?

Abdullah Ugur: Die Stimmung hat sich beruhigt. Doch noch immer plagen viele Einheimische Ängste. Ich kann diese Sorgen vor dem Ungewissen verstehen. Die Deutschen haben sich eine Existenz aufgebaut und wollen diese nicht verlieren. Das werden sie auch nicht. Flüchtlingsströme gab es immer. Das bedeutet nicht, dass die Einheimischen auf etwas verzichten müssen. Niemandem wird etwas weggenommen. Gegenseitiger Respekt, Gespräche – das sind die besten Wege, um Missverständnisse zu vermeiden und Ängste aus der Welt zu schaffen.

ONETZ: Wie wichtig ist es, auch in einem "fremden Land" an seinen Wurzeln festzuhalten?

Abdullah Ugur: Seine Wurzeln darf man nie vergessen. Sie sind ein Teil von uns. Auch ich habe meine Kultur, bin in der Türkei geboren. Seit ich 20 bin, lebe ich in Deutschland, einer anderen Kultur. Beide kommen gut miteinander aus – wenn man bereit ist, sich neuen Gewohnheiten anzupassen, die andere Kultur zu respektieren. Verständnis. Ohne geht es nicht.

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