04.07.2019 - 08:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Mit Abi ab ins Handwerk

Luis Rester aus Hahnbach wird Zimmerer und findet's "einfach riesig". Ein Werkstattbesuch im Beruflichen Schulzentrum in Weiden.

Luis Rester in der Zimmerer-Werkstatt der Berufsschule in Weiden. Der Abiturient geht im Handwerk auf: "Du siehst, was du machst."
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

Bei der Arbeit am Bau heißt es zulangen. Das verraten bereits die muskulösen Oberarme von Luis Rester, die sein Shirt spannen. Eine schwarze Zimmermanns-Weste mit einer zweireihigen Knopfleiste gehört auch in der Werkstatt der Weidener Berufsschule mit dazu. Selbstbewusst lächelnd steht Luis Rester vor einem kleinen, halbfertigen Holzhaus, an dem seine Klasse zurzeit baut.

Der junge Mann hat im vergangenen Jahr Abitur geschrieben und wird jetzt Zimmerer. Mehr als jeder zehnte Schüler hat an der Europa-Berufsschule in Weiden eine Qualifikation, die ihm zum Studium berechtigen würde. Im Handwerk ist die Quote jedoch viel geringer. In seiner Klasse ist Rester gar der einzige mit Abitur. Das findet der 19-Jährige schade: "Auch an meinem Gymnasium haben viele erst einmal komisch reagiert, als ich sagte, dass ich eine Zimmerer-Lehre machen wolle. Für die meisten ist der Gang an die Hochschule fast schon ein Automatismus. Dabei wissen viele zum Schulende oft gar noch nicht, was sie wollen, studieren dann einfach mal so vor sich hin, nur um dann festzustellen, dass ihnen das gewählte Fach keinen Spaß macht oder ihnen später keine Perspektiven bietet."

Von wegen es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen: Zimmerer müssen schwindelfrei und vorsichtig sein. Aber: "An die Höhe gewöhnt man sich schnell", gibt Luis Rester Entwarnung.
Mehr als jeder zehnte Schüler der Europa-Berufsschule hat eine Hochschulzugangsberechtigung in der Tasche, also die Allgemeine oder fachgebundene Hochschulreife oder die Fachhochschulreife. Das klassische, an einem Gymnasium erworbene Abitur konnten 211 von 3430 Schüler vorweisen (Stand Mai 2019). Bei handwerklichen Ausbildungen ist an der Weidener Berufsschule der Anteil der Abiturienten aber deutlich geringer.

Wertvoller Gesellenbrief

Im Handwerk sei das anders. "Mit einem Gesellenbrief hast du einfach was in der Hand", ist der junge Mann überzeugt. Um herauszufinden, was ihm liegt, hatte er schon ab der zehnten Klasse in einem Holzbaubetrieb im heimischen Hahnbach (Kreis Amberg-Sulzbach) als Praktikant und Ferienjobber gearbeitet. "Solche Erfahrungen sind Gold wert. Du bekommst ein konkretes Bild von der Tätigkeit, die Kollegen geben dir Feedback und im besten Fall hast du - wie bei mir - damit schon den entscheidenden Kontakt zu einem späteren Lehrbetrieb."

Die definitive Entscheidung für den Weg in die duale Berufsausbildung sei jedoch auch bei ihm erst in der zwölften Klasse gefallen, gibt er zu. "Ich wollte auf jeden Fall auf dem Bau arbeiten, Industrie oder Büro kamen für mich nie infrage. Mit einem Bauingenieurstudium habe ich zeitweilig schon geliebäugelt."

Jetzt ist er auf jeden Fall überglücklich, sich für die Berufsausbildung entschieden zu haben, die ihm viele Wege eröffnet. "Ich kann später immer noch studieren", sagt er. Eines ist ihm dabei ganz besonders wichtig: "In der Ausbildung kriegst du die Praxis mit und weißt, was Sache ist. Viele Studenten dagegen haben keine Ahnung, worüber gesprochen wird. Da fehlt einfach oft der Praxisbezug."

Körperliche Fitness

Schmunzelnd klettert er auf das Dach des Holzhäuschens, an dem er gemeinsam mit anderen baut. Rester ist in seinem Element. "Schwindelfrei muss man schon sein", ruft er von oben runter, "aber man gewöhnt sich schnell an die Höhe". Das Handwerk ist nichts für Büromenschen, eine gewisse körperliche Fitness in vielen Berufen Voraussetzung.

"Ich war aber früher zum Beispiel keiner dieser Bastler, die mit ihrem Papa schon als Kind an der Werkbank sitzen", gibt Luis zu verstehen. Bestenfalls das Fahrrad habe er selbst repariert. Spaß an Technik und räumliches Vorstellungsvermögen bringe er schon mit. Aber grundsätzlich gelte: "In der Berufsausbildung bekommst du alles gezeigt, was wichtig ist. Das ist kein Hexenwerk."

Mathe und Naturwissenschaften hätten ihm schon in der Schule Spaß gemacht. "Ich habe mich damit am Gymnasium leicht getan, und auch hier in der Berufsschule ist die Theorie für mich nicht schwer. Da habe ich gegenüber dem einen oder andere sicher Vorteile." Kein Wunder, dass er für seine Klassenkameraden anfangs "der Studierte" war. "Man hat mich aber schnell akzeptiert. Jeder Mensch hat seine eigene Stärken. Ich kann dem einen oder anderen vielleicht was in Mathe oder Physik erklären, die helfen mir dann wiederum bei anderen Themen."

Im Betrieb ("Erras Holzbau") fühlt er sich akzeptiert, sieht sich als Abiturient nicht als etwas Besonderes. Angestellt ist er dort bereits, der Ausbildungsvertrag wird aber erst später unterschrieben. "Als Zimmerer beginnt man seine Ausbildung mit einem Berufsgrundschuljahr, erst danach fängt man im eigentlichen Ausbildungsbetrieb an zu arbeiten. Feste Zusagen haben wir aber alle", sagt der junge Mann.

Die solide Ausbildung während des Berufsgrundschuljahres sei sehr wertvoll, "du bekommst da schon alle wesentlichen Fertigkeiten vermittelt und kannst dann im Betrieb gleich richtig anpacken."

Anders als Theorie

Dieses an die Berufsschule gerichtete Lob hört Helmut Meier gerne. Meier leitet an der Europa-Berufsschule die Bautechnik und ist einer von Resters Ausbildern. Er bestätigt, dass Abiturienten dank ihres Vorwissens in vielen Fächern Vorteile hätten. "Doch zu meinen, man müsse nichts tun, ist ein Trugschluss."

So mancher Gymnasiast sei erst einmal auf die Nase gefallen, bevor er verstanden habe, dass gute Noten an der Berufsschule nicht von selbst kämen. Doch seine Erfahrungen mit Abiturienten seien durchweg positiv: "Die merken schnell, dass es mehr bringt, in der Praxis selbst etwas zu machen, als nur darüber zu lesen." Schulleiter Josef Weilhammer sieht das genauso wie sein Kollege: "Ich könnte Ihnen keinen Schüler mit Abitur nennen, der es bereut hätte, eine duale Berufsausbildung zu absolvieren."

Im Gegenteil: "Alle sind froh darüber eine solide berufliche Basis zu haben. Wer dann noch studieren will, für den stellt sich nicht mehr die Frage, was er studieren möchte. Er weiß, was er will, und wird das in sehr kurzer Zeit sicherlich erfolgreich meistern."

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