Weiden in der Oberpfalz
25.03.2019 - 12:56 Uhr

Ärztin Victoria Sweet fordert mehr Zeit für Patienten

"Ärzte nehmen sich nicht genug Zeit," sagt Victoria Sweet und plädiert für einen neuen Ansatz in der Behandlung von Patienten. 70 Zuhörer lauschten der Ärztin und Buchautorin, wie dieser Ansatz aussehen kann.

Victoria Sweet (links) hält nicht viel von der modernen Medizin, die auf eine rasche Heilung setzt und profitorientiert ist. Bild: sne
Victoria Sweet (links) hält nicht viel von der modernen Medizin, die auf eine rasche Heilung setzt und profitorientiert ist.

Dem Körper Zeit zur Heilung geben, beobachten, auf Symptome achten - für all das sei in der modernen Medizin keine Zeit, kritisiert Dr. Victoria Sweet am Dienstagabend in einem Vortrag in der Max-Reger-Halle. Heute achte die Medizin nur auf schnelle Erfolge und Kostendeckung. Sweet verfolgt einen anderen Ansatz: "slow medicine", langsame Heilkunde.

"Patienten brauchen Zeit zur Genesung, genau wie Ärzte für Diagnose und Therapie", ist Sweet überzeugt. Zu dieser Erkenntnis brachte sie ein kleiner Junge namens Joey während ihrer Ausbildung zur Ärztin. Joey war drei Jahre alt, als er beim Spielen in den Pool fiel. Er lag schon eine Weile auf dem Grund, bevor die Mutter ihn bemerkte. Notärzte belebten ihn 45 Minuten lang wieder. Wie durch ein Wunder hatte Joey trotz Sauerstoffmangels keine Hirnschäden erlitten.

Dies galt nicht für die Lunge. Joey konnte nicht mehr selbst atmen. Wurde das Beatmungsgerät abgestellt, ermüdete er nach ein paar Atemzügen. Eine Lungenbiopsie zeigte eine Vernarbung des kompletten Organs. Nach Ansicht seiner Ärzte würde seine Lunge nie mehr selbstständig atmen. Die Eltern unterzeichneten eine Verfügung, dass in einem Notfall keine Wiederbelebungsmaßnahmen durchgeführt werden sollen. Einer seiner Ärzte wollte aber nicht aufgeben.

Er informierte einen bekannten Mediziner. Der kam, sah sich Joey an, ließ sich die bisherige Behandlung erklären und tat dann - nichts. Tagelang beobachtete er den Jungen nur und studierte seine Akten. Schließlich begann er, an den Einstellungen des Beatmungsgerätes herumzuschrauben. Nach und nach setzte er die Unterstützung durch die Maschine herunter. Nach zwei Wochen konnte Joey einige Atemzüge machen, nach sechs Wochen selbstständig atmen. Er aß, spielte und wurde ein ganz normaler Junge."Alles was Joeys Körper brauchte war Zeit."

Sweet hat diesen Fall, der sie so inspiriert hat, detailliert in ihrem Buch "Slow Medicine" dargestellt. Sie hat sich ausführlich mit der Heilkunst Hildegards von Bingen, aus dem 12. Jahrhundert beschäftigt, wofür sie extra Latein gelernt hatte. Sweet bemängelt, dass der Körper in der heutigen Medizin wie eine Maschine gesehen wird: Das Gehirn sei der Computer, das Herz die Pumpe, die Nieren die Filter, der Arzt der Mechaniker, der kaputte Teile repariert. Sie bevorzugt, den Körper wie eine Pflanze zu sehen, die sich selbst heilt. Der Arzt ist der Gärtner, der sich ansieht, warum ein Sprössling nicht wächst und ihm gibt, was er braucht.

Während der Lesung waren die 70 Zuhörer totenstill, sie lauschten gebannt der Geschichte. Mit Victoria Sweet hatte Peter Schönberger von der katholischen Erwachsenenbildung eine beeindruckende Persönlickeit als Referentin gewonnen. Unterstützt hat Sweet Petra Grieb-Lange als Übersetzerin. Die Ärztin erstaunte aber auch mit ihren eigenen Deutschkenntnissen.

Hintergrund:

Victoria Sweet wurde in Los Angeles geboren. Sie studierte in Standford Mathematik und klassische Literatur, als sie auf die Werke des Psychiaters Carl Jung stieß. Begeistert von seinen Werken wechselte sie das Studienfach und studierte Medizin an der University of California, wo sie 1977 den Doktorgrad erlangte.

Ihre weitere Studien ließen sie auf Hildegard von Bingen stoßen. Die Nonne, Heilerin und Dichterin faszinierte Sweet in einem Maße, dass sie sich entschloss neben ihrer Tätigkeit als Ärztin am Laguna Honda Hospital in San Francisco ein Studium der Geschichte zu belegen. Darin promovierte sie 2003.

Heute ist neben ihrer Tätigkeit als Ärztin "Associate Clinical Professor" an der "University of California". Als Autorin hat sie die Bücher "Rooted in the Earth, Rooted in the Sky: Hildegard of Bingen and Premodern Medicine (Studies in Medieval History and Culture)" (2006), "God's Hotel: A Doctor, a Hospital, and a Pilgrimage to the Heart of Medicine" (2013) und "Slow Medicine: The Way to Healing" (2017) verfasst. Letzteres ist kürzlich in deutscher Sprache erschienen.

 
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