28.09.2018 - 08:08 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

AfD-Kandidat: Schwiegervater "nicht steuerbar"

Verwandtschaft kann man sich nicht aussuchen. Aber AfD-Kandidat Roland Magerl könnte eindeutig Stellung beziehen. Sein Schwiegervater Johann Reichl tut das gerne, zuletzt in Chemnitz.

Reichl in Chemnitz.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Chemnitz, 1. September. Die Polizei verhindert ein Aufeinanderprallen von rechter Szene mit linken Gruppen. Ein Demonstrant (T-Shirt: "Ich bin ein Chemnitzer") schlägt mit dem Stiel seiner Deutschlandfahne auf einen Polizeibus. Er schreit, pfeift, brüllt. "Linkes Dreckspack." "Halt die Schnauze." "Arschloch."

Ein Chemnitzer ist er nicht, das verrät schon sein bayerischer Zungenschlag. Es handelt sich um Johann Reichl, der im Landkreis Neustadt/WN aus mehreren Gründen kein Unbekannter ist. Der 59-Jährige trat im Juni als Gastredner beim AfD-Stammtisch in Parkstein auf. Er nannte Claudia Roth eine "fette Kröte" und ein "mieses Stück Scheiße". Er dozierte über den "Volks-IQ" ("Türkei 85, Afrika 67").

Eine Funktion in der Partei hat Reichl nicht, er ist "bloß" Mitglied. Neben ihm saß Roland Magerl, AfD-Kreisvorsitzender für Weiden und Neustadt/WN und zugleich Oberpfälzer AfD-Spitzenkandidat für den Landtag. Reichl ist sein Schwiegervater. Dafür kann Magerl nichts. Eingegriffen hat der mit aller Wahrscheinlichkeit künftige Landtagsabgeordnete allerdings auch nicht.

Und jetzt diese Bilder: Es gibt etliche Fotos, die Johann Reichl an verschiedenen Tagen in Chemnitz zeigen. Er steht in erster Reihe und reckt die Fäuste in die Luft. Auf einem Bild hält er sich die Nase zu, ob das nun den Fotografen gilt oder den linken Gegendemonstranten. Ein Video zeigt, wie am 1. September rechte Demonstranten eine Polizeisperre durchbrechen. Aus dem Pulk tritt Johann Reichl mit seiner Deutschlandfahne. Die Menge skandiert "Frei, sozial und national" und "Lügenpresse, Lügenpresse". In einer anderen Szene kommt es zur Drohgebärde am Polizeibus, als Reichl mit dem Fahnenstiel in Richtung des filmenden Reporters schlägt. Es handelt sich dabei um einen Mitarbeiter des Jüdischen Forums Berlin. Reichl schreit: "Film' doch da drüben, das linke Dreckspack."

Lässt sich das noch ignorieren? Kandidat Magerl sagt, weder Fotos noch Film zu kennen. "Es ist innerhalb einer Familie schwer, sich von irgendwem zu distanzieren. Mein Schwiegervater ist fast 60 Jahre. Ich werde ihm sicher nichts reinreden." Er sieht sich das Material am Donnerstag schließlich an und sagt danach: "Ich distanziere mich definitiv von jeglicher Gewalt, von extremistischen Aktionen, egal ob von rechts oder links." Der 59-Jährige lasse sich von ihm (45) "nicht steuern": "Soll ich ihn anbinden? Er ist er, ich bin ich. Ich habe meine Frau geheiratet und nicht meinen Schwiegervater."

Auch bei der öffentlichen AfD-Veranstaltung Parkstein hatte Magerl den Schwiegervater gewähren lassen, als dieser den politischen Gegner "Kreaturen und Würmer" nannte. Er sagt dazu: "Ich mag desinteressiert geschaut haben. Aber ich habe gebrodelt." Reichl habe ihm im Vorfeld angekündigt gehabt, eine Rede über den Klimawandel halten zu wollen. "Nach Parkstein habe ich das ein oder andere Wort mit ihm gewechselt." Vorträge dieser Art werde es künftig innerhalb des Kreisverbandes nicht mehr geben.

Sein Schwiegervater habe nichts gegen Ausländer, "sonst hätte er nicht so viele beschäftigt". Als Geschäftsführer eines Pflegedienstes erlebe dieser "soziale Ungerechtigkeit": "Wie älteren Menschen die Mini-Rente für die Pflege nicht reicht. Und für Flüchtlinge wird alles gemacht." Kurz geht Magerl auf das Ermittlungsverfahren ein, das die Staatsanwaltschaft Regensburg gegen diesen Pflegedienst führt. Im Raum steht der Verdacht auf Hinterziehung von Sozialabgaben. Magerl dazu: "Ich bin mir sicher, dass das zu 99 Prozent eingestellt wird."

Der Link zum Video des Jüdischen Forums

Ich habe meine Frau geheiratet und nicht meinen Schwiegervater.

Roland Magerl, AfD-Spitzenkandidat

Geste in Richtung der Gegendemonstranten.
Ein Video zeigt, wie Reichl auf ein Polizeiauto schlägt.
Ganz rechts. Johann Reichl in Chemnitz am 30. August.
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Kommentare

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A. Schmigoner

Man muss sich als Oberpfälzer schämen für Herrn Reichls peinlichen Auftritt in Chemnitz.

01.10.2018
Maria Völkl

Es kandidiert Herr Magerl, steht im dritten Absatz. Gut verständlich und ganz klar.

Der neue Tag berichtet aus meiner Sicht nichts Schlechtes, schreibt sogar von Reichls sozialem Gewissen! Ich gehe aber davon aus, dass Herrn Reichl selbst diese Art der Berichterstattung wenig bis gar nicht interessiert, so wie ich ihn kenne.
Die Oberpfalzpost wurde meines Wissen vor 21 Jahren, also 1997 eingestellt. Ist also schon fast eine Generation her... Seither hat sich was geändert! Die Stimmung im Land, die Politik, sie, ich, die Umwelt; Menschen in Entwicklungsländern wollen plötzlich eine Zukunft! Auch die Berichterstattung hat sich geändert! Panta rhei.
Klar, dass man sich mit dem heutigen modernen, globalen Zeitgeist schwer tut, wenn man gedanklich noch mit den Gegebenheiten vor 21 Jahren zu tun hat. Das wird nicht klappen.
Und nein, ich bin bestimmt kein Angestellter dieser Zeitung, werde nicht von ihr bezahlt. Ich lese wöchentlich Zeitungen wie die Welt oder FAZ, also weitaus kritischere Blätter, ich lese auch internationale Presse in verschiedenen Sprachen, um über den Tellerrand zu blicken.

Herr Magerl kandidiert für den Landtag, ist somit eine Person des öffentlichen Lebens, insbesondere derzeit, wenn er fast in jeder Straße von einem Plakat lächelt. Durch diese und auch weitere Berichterstattungen muss er durch. Er hat vor, unter anderem auch von meinen Steuergeldern zu leben. Da hab ich kein Mitleid. Null. Da muss er liefern und Rückgrat zeigen.
Sicher, Schwiegerväter kann man sich nicht aussuchen. Da hat er Recht. Ich glaube auch, nicht, dass sich Herr Reichl von ihm "steuern" lässt. Widersprechen kann man schon und geht ganz leicht. Man muss vier Buchstaben aussprechen können: NEIN. So fängt Widerspruch an. Und Rückgrat zeigen auch.

29.09.2018
Norbert Gleißner

Wer kandidiert denn nun? Der Magerl oder sein Schwiegervater?
Der neue Tag lässt aber auch nichts aus, um das, was man von einer Zeitung erwarten würde, nämlich unparteiisch zu sein, zu umgehen.
Das ist nicht professionell. Früher, als ich noch bei der Oberpfalzpost gearbeitet habe, war Der neue Tag, eine gute Zeitung, die sich politisch ein bisschen rechts der Mitte bewegte. Die Berichterstattung damals war deutlich besser.

28.09.2018