09.12.2019 - 14:54 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Von Aldi "total missachtet": Rollstuhlfahrer klagt über schlechten Service

Der Umbau einer Aldi-Filiale in Weiden sorgt bei Rollstuhlfahrern für Kopfschütteln: Die Tiefkühlschränke sind für sie viel zu hoch angebracht. Hat man Gehbehinderte bei der Planung vergessen?

Weil seit dem Umbau der Aldi-Filiale in der Neustädter Straße in Weiden die Kühlschränke für Rollstuhlfahrer und kleine Menschen zu hoch angebracht sind, gibt es Kritik. Auch der Behindertenbeauftrage der Stadt Weiden bemängelt, dass Behinderte so in eine „Bittstellersituation“ gebracht und der Service leiden würde.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Seit Ende Oktober sind die Umbauarbeiten der Aldi-Filiale in der Neustädter Straße in Weiden abgeschlossen. "Wir haben einen Anbau erhalten und eine Frischetheke. Zudem wurde der Innenraum komplett erneuert, auch neue Kühlanlagen sind nun installiert", beschreibt der stellvertretende Filialleiter Jonas Hierold die Veränderungen. Doch nicht bei allen Bürgern stößt die Modernisierung auf Zuspruch. Die Tiefkühlschränke wurden zusätzlich über am Boden stehenden Kühltruhen angebracht. In dieser Höhe sind sie für Rollstuhlfahrer, die nicht aufstehen können, unerreichbar.

"Kein Rollstuhlfahrer wird sich beschweren, wenn man mal an ein Teil nicht hinkommt. Aber dass die Waren grundsätzlich nicht erreichbar sind, das ist schon krass", kritisiert Stefan Kessler den Aufbau der Tiefkühlabteilung. Der 55-jährige Weidener sitzt wegen eines Autounfalls seit fast 40 Jahren im Rollstuhl und kauft regelmäßig bei Aldi ein. Nun jedoch denkt der langjährige Kunde daran, den Discounter zu wechseln.

Auch Senioren betroffen

"Ich unterstelle Aldi nicht, dass man uns Rollstuhlfahrer absichtlich ausgrenzen will, aber man fühlt sich trotzdem total missachtet." Weil Kessler vollständig auf den Rollstuhl angewiesen ist, sei es für ihn unmöglich, mal kurz aufzustehen und zum Schrank zu greifen. "Da hab ich keine Chance."

Als Trainer der Weidener Rollstuhl-Basketballmannschaft ist Kessler sportlich und kann sich gut verrenken. "Aber was ist mit Älteren, kleinen Menschen oder Senioren mit Rollator? Die kommen auch nicht hin." Kessler wundert sich, dass "ein Großkonzern wie Aldi in Zeiten von Inklusion" nicht mehr auf Menschen mit Behinderung Rücksicht nimmt.

Wenn Aldi nicht auf uns Rollstuhlfahrer achtet, dann gehen wir künftig eben woanders hin.

Stefan Kessler (55)

Stefan Kessler (55)

Der Behindertenbeauftragte der Stadt Weiden hat zu den Vorwürfen Stellung bezogen. Alexander Grundler ist selbst Rollstuhlfahrer und wirft ein, dass es aus rechtlicher Sicht nichts zu beanstanden gibt. "Die Filiale ist offiziell barrierefrei, gegen Gesetze wird nicht verstoßen." Trotzdem sei die Situation schlecht: Als Rollstuhlfahrer sei man auf die Hilfe einer Begleitung oder durch Mitarbeiter angewiesen: "Unter Servicegesichtspunkten ist das nicht gut gelöst, weil man ständig in eine Bittstellerfunktion gedrängt wird."

Den 42-Jährigen wundert vor allem, wieso die Gelegenheit eines Generalumbaus nicht genutzt wurde, um die Filiale generationengerechter zu bauen. "Aldi müsste sich überlegen, die Grundrissplanung vom Servicegedanken her praktikabler zu gestalten." Denn das Problem betreffe auch kleine Menschen und Senioren. "Das scheint noch nicht zum Konzept von Aldi zu gehören", so Grundler.

Aldi-Mitarbeiter können helfen

Auf Anfrage weist Aldi die Kritik zurück. Das Unternehmen würde "alle Kundinnen und Kunden willkommen heißen", schreibt Pressesprecher Tobias Neuhaus. Dazu gehörten auch Menschen "mit körperlicher Beeinträchtigung". Die Situation in Weiden sei nicht auf das gesamte Filialnetz übertragbar: "Unsere Filialen sind nicht alle identisch gebaut. (...) Die von Ihnen angesprochenen Kühlmöbel verwenden wir nicht standardmäßig. Sie kommen vor allem in Filialen mit vergleichsweise geringer Verkaufsfläche zum Einsatz." Zudem würden alle Mitarbeiter "gerne zur Verfügung stehen", sollten Kunden Hilfe benötigen, so Neuhaus weiter.

Stefan Kessler demonstriert an einer Küchenzeile, dass die bei Aldi vergleichbar hoch montierten Kühlschränke für Rollstuhlfahrer nicht mehr zu erreichen sind.

Den Rollstuhlfahrern ist damit dennoch nicht geholfen - für sie bleiben die Kühlschränke unerreichbar. Dem Verweis auf Hilfe durch Mitarbeiter entgegnet Stefan Kessler: "Wann sieht man denn schon mal einen Angestellten? Die sind ständig woanders. Uns Rollstuhlfahrern geht es darum, dass man selbstständig sein kann und nicht von Fremden abhängig ist." Auch der Weidener Aldi-Mitarbeiter Jonas Hierold gibt zu: "Vergessen haben wir die Behinderten definitiv nicht. Aber es stimmt, für Rollstuhlfahrer sind die Tiefkühlschränke schlecht zu erreichen. Das hat sich platztechnisch leider so ergeben."

Generationengerechte Märkte

Dass es besser geht, zeigen andere Einkaufsmärkte in Weiden, die generationengercht gebaut sind. Die Kühlschränke dort haben gläserne Türen und reichen bis zum Boden. Bei Netto oder Norma werden hochgebaute Kühlschränke nicht verwendet. "Wenn Aldi nicht auf uns achtet, dann gehen wir eben woanders hin", sagt Stefan Kessler über sich und andere Betroffene.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.