Weiden in der Oberpfalz
16.06.2023 - 18:44 Uhr
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Die Altstadt von Weiden verliert eine Institution: Die Schärtel-Brüder hören auf

Der Tag musste kommen, irgendwann. Jetzt steht er fest. Am 31. Juli schließt für immer eines der wenigen Lebensmittelgeschäfte der Weidener Altstadt. Nicht das letzte. Aber mit Sicherheit das kultigste und originellste.

Es drängt sich nicht mehr Flasche an Flasche, und die Schokoladenauswahl war schon mal üppiger. Kunden, die sich dieser Tage im Geschäft mit der Adresse Unterer Markt 28 umschauen, fällt auf, dass die Regale auffallend luftig sind. Georg (75) und Hans (70) Schärtel bestellen nicht mehr viel nach. Sie bereiten einen Ausverkauf in wenigen Wochen vor. Wenn der vorbei ist, am letzten Tag im Juli, sperren sie für immer zu. Nach nahezu 60 Jahren im Betrieb. Nach vier Generationen.

"Die beiden sind doch nicht mehr die Jüngsten. Wie lange werden sie denn noch machen?" In dieser oder leicht abgewandelter Form fällt ein Satz, wenn in und um Weiden die Rede auf die Brüder kommt. Ihr Laden sieht äußerlich nicht so aus, dürfte aber im Umkreis von vielen, vielen Kilometern eine der allerbesten Adressen für Weine, Spirituosen und Süßwaren sein. Nun sind die Inhaber müde. Sie wollen noch ein bisschen was vom Ruhestand haben, bei guter Gesundheit. Ein bisschen öfter an den Chiemsee reisen oder nach Südtirol und nicht jeden Tag im Laden stehen müssen – in diese Richtung soll das Leben jetzt gehen.

Anfänge nicht genau bekannt

An dieser Stelle sei die Floskel vom Ende eines Stücks Stadtgeschichte ausnahmsweise gestattet. Wann es begann, wissen die Schärtels selber nicht so genau. Auch im Stadtarchiv, das einen Katzensprung entfernt liegt, gibt es wenig Material über das Haus und seine Besitzer.

Begründet hat die Tradition der Urgroßvater, ein Georg Schärtel, um die Wende zum 20. Jahrhundert und zwar als Bäckerei. Älteren Weidenern ist der inoffizielle Hausname "Herrmann-Beck" noch ein Begriff, denn eine Witwe aus der Schärtel-Familie heiratete nach dem Tod ihres Mannes einst einen Bäckermeister Anton Herrmann.

Der 1918 geborene Vater von Hans und Georg lernte ebenfalls diesen Beruf. Aus dem Krieg kam er lebend zurück, aber 1958 konnte er nach einem Unfall das Handwerk nicht mehr ausüben. Folglich wurde die Bäckerei umgebaut. "In einen Tante-Emma-Laden", wie die beiden Söhne ganz unprätentiös von ihrem Lebenswerk sagen. Die Neueröffnung unter dem Dach der Kette "Spar" geschah 1959. Fortan gab es Butter, Milch, Wurst, eine Kühltheke und auch Zahnpasta. Im hinteren Teil des Ladens betrieb Vater Schärtel einen Stehausschank für Wein und Bier. "Um 10 Uhr kamen schon die ersten Rentner", erinnert sich Sohn Georg. Um 19 Uhr gingen die letzten Dämmerschopperer. 1984, nach dem Tod des Vaters, war Schluss mit der Theke. "Immer die Biertrinker, das mochte die Mutter nicht."

Mutter Elisabeth starb 2003. Von ihr haben die Buben ihren Sinn für Qualität und gute Ernährung. "Wenn der Magen was Gutes kriegt, lacht er; wenn er was Schlechtes kriegt, streikt er", zitiert Georg die einstige Chefin.

"Wir Buben haben immer mitgeholfen. Die Eltern haben von sechs in der Früh bis acht am Abend gearbeitet", ergänzt Hans. Damals boten die Schärtels noch Obst vor dem Eingang an. Der Stand dafür musste bis 8 Uhr morgens ordentlich aufgebaut sein.

So weit zur Vergangenheit. Die ist zwischen Schaufenster und Keller immer noch präsent. Die Regale, der Kassenbereich, die Resopaltheke im Hinterzimmer, die Neonleuchten an der Decke - zum großen Teil ist alles original 1959.

Die Ware ist indes für eine oberpfälzische Stadt fast Avantgarde. Eine Sonderabfüllung Single Malt aus Islay oder Speyside? Frag nach bei Whisky-Club-Mitglied Georg Schärtel. Ein Grand Cru aus dem Bordeaux, gern auch ein Bilderbuch-Jahrgang? Irgendwo in den Weiten des Riesenkellers, der sich bis zur Mitte des Marktplatzes zieht, lagern noch ein paar Fläschchen. Bei Fernsehköchen ist gerade Ablöschen mit Noilly Prat angesagt? Am Unteren Markt ist der Mode-Wermut ebenso längst bekannt wie Angostura-Bitter, englische Orangenmarmelade oder Bio-Schokolade aus Ghana.

Unaufgeregt und kompetent

Viel Gedöns um die edlen Spirituosen und Naschereien war allerdings nie das Ding der Brüder. Vor allem für Georg Schärtel war es einfach gelebte Leidenschaft. Wein-Lyrik à la "Spritziger Zungenschmeichler mit Mandelbouquet und Anklang an frischer Aprikose" oder "Kräftige Tannine, die das Kirscharoma später mit einem Hauch überreifer Pflaume überlagern", klingen bei Schärtels etwa so: "Der ist nicht so stark, da geht am Abend schon mal die ganze Flasche" oder "Da hast mal richtig was im Mund".

Die vielen Stammkunden wissen, dass dahinter gnadenlose Ehrlichkeit und unerschöpfliches Spezialwissen steckt. Die Brüder lesen intensiv Fachzeitschriften, besuchen Messen, sehen sich bei Winzern in Deutschland und Österreich vor Ort um.

2006 hatte Hans einen Herzinfarkt. Anlass, das Geschäft noch einmal zu verändern. Grundnahrungsmittel und Kühltruhe raus, Konzentration auf edle Getränke und Süßes. Damit ist nun Schluss. Hans und Ehefrau Carmen haben drei Buben, die andere Berufslaufbahnen gewählt haben. Somit wird das Haus verkauft, Georg zieht aus dem ersten Stock in eine andere Altstadtwohnung.

Zurück bleibt eine Art Feinkost-Museum. Auf das haben manche Besucher schon ein geschäftstüchtiges Auge geworfen. Zum Beispiel auf eine alte Uhr aus den Sechzigern mit dem "Spar"-Logo. "Da hat mir einer mal 2000 Euro dafür geboten", sagt Georg Schärtl. "Aber ich brauch das Schachern nicht. Die Uhr kriegt Frau Vorsatz für das Stadtarchiv, da ist sie in guten Händen."

Hintergrund:

Die Firma Schärtel und ihr Haus

  • An der Fassade steht 1536. Laut Kulturamtsleiterin Petra Vorsatz könnte das Haus in jetziger Form aber nach dem großen Stadtbrand 1540 gebaut worden sein
  • Im Stadtarchiv ist 1831 ein Bäcker Christian Hösl als Eigentümer vermerkt, 1877 eine Anna Brunner
  • 1910 taucht in den Akten ein Bäckermeister Georg Schärtl (in dieser Schreibweise) auf
  • 1930 ist das Anwesen in der Hand von Bäckermeister Anton Herrmann
  • 1972 ist der Lebensmittelhandel Georg Schärtel eingetragen
  • Quelle: Stadtarchiv Weiden
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