30.12.2019 - 18:21 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Andrea Wiedel: Zuhören ist Wertschätzung

Im Miteinander kommt das Zuhören zu kurz. "Ein wirkliches Gespräch ist kein Wettkampf um Redezeit und keine Bühne", sagt Kommunikationstrainerin und Buchautorin Andrea Wiedel, "sondern ein Geschenk".

Jeder Mensch kann zuhören, sagt Kommunikationstrainerin Andrea Wiedel. Tipps gibt sie in ihrem ersten Buch "Zuhören ist ein Geschenk".
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

Die 52-Jährige muss von Berufswegen viel kommunizieren. Seit 2018 berät sie unter anderem in der EUTB-Beratungsstelle in Weiden Menschen mit Beeinträchtigungen. Außerdem arbeitet sie freiberuflich als Coach und Kommunikationstrainerin. Viele Menschen hätten die Fähigkeit des Zuhörens verlernt, sagt Wiedel. "Gleichzeitig sehnen sie sich nach einem menschlichen Gegenüber, das ihnen wertschätzend, wohlwollend und wertfrei zuhört." Eine Begebenheit im Freundeskreis war ausschlaggebend für ihr erstes Buch, das sie als alltagstaugliche Anleitung für einfühlsames Zuhören verstanden wissen will. Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien erklärt sie, was es dazu braucht.

ONETZ: Fällt Zuhören so schwer?

Andrea Wiedel: Wir haben oft selbst ein großes Redebedürfnis und achten gar nicht auf unser Gegenüber, dass es auch zu Wort kommt. Stellen Sie sich zwei übervolle Wasserbecher vor. Man schüttet immer mehr rein, und sie laufen über. Dabei sollten wir eher versuchen, den eigenen Becher etwas zu leeren. Dann ist auch wieder Platz für neuen Inhalt.

Jeder Mensch kann zuhören, sagt Kommunikationstrainerin Andrea Wiedel. Tipps gibt sie in ihrem ersten Buch.

ONETZ: Aber Zuhören kann doch eigentlich jeder.

Andrea Wiedel: Das stimmt. Aber manche können es besser als andere.

ONETZ: Was zeichnet einen guten Zuhörer aus?

Andrea Wiedel: Er hat empathisches Mitgefühl und spürt, wie sein Gesprächspartner drauf ist, ob er zum Beispiel traurig oder wütend ist. Dabei nimmt er sich selbst zurück. Er schenkt dem Anderen Redezeit und hört aktiv zu. Im besten Fall wiederholt er das Gehörte und vermittelt so seinem Gesprächspartner das Gefühl, dass dessen Anliegen angekommen ist. Das entschleunigt die Situation auch. Der Zuhörer signalisiert Interesse, was zugleich auch ein Zeichen von Wertschätzung ist.

ONETZ: Und auch ein Geschenk.

Andrea Wiedel: Ja, sozusagen ein immaterielles Geschenk für mein Gegenüber. Ich zeige ihm, dass ich mich für ihn interessiere.

ONETZ: Was sind typische Fehler in der zwischenmenschlichen Kommunikation?

Andrea Wiedel: Wir wissen manchmal zu schnell die angebliche Lösung. Da wären zum Beispiel gut gemeinte Ratschläge, wie "Du solltest zum Arzt gehen..." oder "Ich an deiner Stelle würde...". Sätze, die mit "du" beginnen, überschreiten eine unsichtbare Grenze zum Adressaten und können sein Selbstwertgefühl empfindlich treffen. Wir kommentieren die Handlungen anderer Menschen und stellen eine Diagnose über seine Eigenschaften. Der reagiert oft verärgert und verweigert jegliche weitere Diskussion. Fachleute sprechen von Kommunikationsblockaden. Die können auch die Folge sein, wenn wir unserem Gegenüber, das uns gerade sein Herz ausschüttet, mit Vergleichen kommen oder mit unserer eigenen Geschichte noch eins draufsetzen. Beim Anderen kommt das so an: Mir hört keiner zu, meine Sorgen interessieren niemanden. Auch Trost und Mitleid können falsch verstanden werden. Ich selbst fühle mich wohl dabei, wenn ich tröste, doch eigentlich lass' ich mein Gegenüber allein mit seinen Sorgen.

ONETZ: Wie kann man es besser machen?

Andrea Wiedel: Oft braucht es nur kleine Veränderungen im eigenen Verhalten. Im gemeinsamen Dialog sollten wir eine Ebene finden. Dabei werden die Grenzen des Gegenübers immer respektiert. Manchmal ist auch schweigen besser als nur zu reden. Wir müssen mehr Bewusstsein dafür entwickeln, wie Kommunikation unsere Beziehungen pflegt. Aber dabei ganz wichtig: Bleiben Sie authentisch. Sie können lernen, ein guter Zuhörer zu sein, aber zu viel Methodik kann es auch kaputt machen. Ein einfaches "Hast du mal Zeit, ich möchte dir was erzählen", bewirkt manchmal mehr.

ONETZ: Beeinträchtigen Smartphone, Tablet & Co unsere Fähigkeiten zur Kommunikation und damit zum Zuhören?

Andrea Wiedel: Jein, die Mediennutzung halte ich nicht für ausschlaggebend. Die Ursachen liegen vielmehr in der heutigen Gesellschaft. Es wird immer hektischer, und alles muss perfekt sein - im Privaten wie im Beruflichen. Emapthie und Mitgefühl für andere bleiben dabei oft der Strecke. Hilfreich für ein aktives Zuhören ist aber in jedem Fall, wenn das Handy mal ausbleibt.

ONETZ: Sachbücher zum Thema Zuhören gibt es bereits einige. Für welche Zielgruppe ist Ihres gedacht?

Andrea Wiedel: Es ist ein ganz einfaches Buch für jedermann mit vielen Tipps. Ein Leitfaden, eine Gebrauchsanweisung. Ich verwende bewusst viele Praxisbeispiele aus dem Alltag, wie sie sich mit Freunden und in der Familie ereignen. Darin finden sich die meisten wieder. In einem Quiz zu der Frage „Wie kommuniziere ich eigentlich?“ kann sich jeder selbst testen und reflektieren.

Zur Person:

Zur Person

Andrea Wiedel (52) arbeitete nach ihrem Jurastudium als Rechtsanwältin und ist seit 2012 freiberuflich als Kommunikationstrainerin und Coach tätig. Außerdem ist sie zertifizierte Trainerein für gewaltfreie Kommunikation, empathisches Counselling und hat eine Mediationsausbildung. Sie begleitet Privatpersonen und Unternehmen in den Bereichen Kommunikation, Coaching und Empathie. Seit 2018 berät Wiedel in der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) in Weiden Menschen mit einer psychischen oder körperlichen Beeinträchtigung. Andrea Wiedel lebt mit ihrer Tochter in Bayreuth. (shl)

"Zuhören ist ein Geschenk" sagt Autorin Andrea Wiedel.

EUTB-Beratungsstelle in Weiden

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