29.10.2018 - 07:53 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Nach den Anschlägen: Macerata als "zweigeteilte Stadt"

Angst und Hass bestimmten das Leben der Bürger in Weidens italienischer Partnerstadt Macerata kurz nach der Amokfahrt im Februar. Heute erleben Ausländer zum Teil subtile Anfeindungen – und haben dennoch Hoffnung.

Katrin lebt in der Nähe von Macerata. Heute sei der Anschlag dort kaum mehr Thema unter den Bürgern, sagt sie.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

„Der Italiener hat die Tendenz, schnell zu vergessen. Ich meine, dass man momentan kaum noch darüber redet“, sagt Katrin. Sie und ihre Freunde wollen ihren Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen. Katrin, 33 Jahre, hat in Macerata studiert und lebt mit ihrer Familie in der Nähe. Ein gutes halbes Jahr nach den Schüssen auf Afrikaner ist der Anschlag kein großes Thema mehr in der mittelitalienischen Stadt.

Nach dem Amoklauf hatte Katrin Angst, gesteht sie. Auch, weil sie befürchtete, dass auf die Worte, die sie in den sozialen Netzwerken las, Taten folgten. „Ich dachte, dass es zu Ausschreitungen vonseiten der Rechten kommen würde. Dem war aber Gott sei Dank nicht so. Die Italiener sind zu gemütlich.“ Katrin, die Deutsche, hat keine Anfeindungen erfahren. Vielleicht auch, weil sie helle Haut hat und perfekt Italienisch spricht.

Ängstlicher als zuvor

Anders geht es ihrer Freundin Camila aus Brasilien. „Ich habe einen Unterschied im Umgang mit ausländischen und italienischen Studenten bemerkt. Manche Leute sprechen plötzlich Italienisch, weil sie denken, dass ich das nicht verstehe“, erzählt die 28-Jährige, die kürzlich ihr Studium an der Università degli Studi di Macerata abgeschlossen hat. Bei großen Veranstaltungen mit vielen Besuchern ist die junge dunkelhäutige Frau nun etwas ängstlicher als vor dem Anschlag. „Ich denke dann: Das wäre der perfekte Moment, falls jemand etwas ähnliches vor hat wie es im Februar geschah.“ Ein 28-Jähriger hatte damals auf sechs Afrikaner geschossen. Er ist dafür am 3. Oktober zu zwölf Jahren Haft verurteilt worden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Mann aus rassistischen Gründen gehandelt hatte.

„Ich fühle mich heute viel sicherer als in der Woche nach dem Terroranschlag, der Angst unter allen italienischen wie ausländischen Bürgern verbreitet hat“, findet dagegen Othmane. Der Marokkaner ist Italienischlehrer und Erzieher für jugendliche Einwanderer. Macerata war bekannt als Stadt, die Fremde willkommen heißt, berichtet Othmane.

Glücksfall Universität

„Jetzt sehe ich eine zweigeteilte Stadt. Aber wir haben Glück, dass es eine Universität in der Stadt gibt.“ Diese würde Macerata wegen ihrer internationalen Beziehungen Hoffnung schenken, findet der 25-Jährige. Ähnlich sieht es Katrin. Vor allem ältere Italiener seien fremdenfeindlich eingestellt, weil viele nie verreist sind, keine fremden Länder entdeckt haben. „Ignoranz schürt Hass, und hauptsächlich die ältere Generation lässt sich davon anstecken. Unsere Hoffnung sollten wir in die Jugend setzen“, sagt sie.

Große Probleme hätten die Ausländer in Macerata, berichtet die Deutsche. Viele von ihnen wohnen im Viertel La Forza, arbeiten schwarz, verkaufen Drogen, auch, weil sie keine anständige Arbeit finden, sich kaum integrieren können, kaum integriert werden. Auch Katrin, die aus Sachsen-Anhalt stammt, hat dort gewohnt, als sie in Macerata studierte. Sie hatte nie Probleme mit den Nachbarn.

Noch ein großes Problem gibt es in Italien ganz generell, ergänzt Othmane: „Die Rechte erfindet Fake News, um die Leute glauben zu lassen, dass das Hauptproblem die Ausländer sind. Die Politik muss die Menschen sensibilisieren und eine Politik der Integration schaffen, damit das Land wieder nach vorne blicken kann.“

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