03.08.2018 - 10:49 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Armutszeugnis" rettet Leben

Die Aktion "Armutszeugnis" soll aufrütteln, so der Wunsch der Macher. Die Rechnung geht auf: 13 Fälle von Kindesmisshandlung werden dem Verein "Karolina" gemeldet, 6 davon aus der Oberpfalz. Einem Kind retten die Helfer sogar das Leben.

Ein voller Erfolg ist die Plakataktion "Armutszeugnis" für das Ehepaar Tina und Ralf Kiener, die Vorsitzenden des Vereins "Karolina". 13 Fälle von misshandelten Kindern wurden ihnen daraufhin aus dem gesamten Bundesgebiet gemeldet, sechs davon aus der Oberpfalz. Einem kleinen Jungen rettete der Einsatz des Vereins sogar das Leben.
von Jutta Porsche Kontakt Profil

(ps) Dieser krasseste Fall ereignete sich zwar in der Nähe von Köln. Doch der Verein "Karolina" mit Sitz in Floß leistet auch hier die entscheidende Hilfe. "Nachbarn haben uns angerufen und die extreme Dringlichkeit des Falles glaubhaft gemacht", berichtet Tina Kiener. Gemeinsam mit ihrem Mann Ralf leitet sie den Verein "Karolina", der sich die Hilfe für misshandelte Kinder auf die Fahnen geschrieben hat.

Angesichts der Schilderung informieren sie nicht nur Jugendamt, sondern auch Polizei. Und tatsächlich bestätigt sich, dass das Leben des kleinen Jungen in akuter Gefahr war. "Das Kind war schwer misshandelt worden, dehydriert und stark unterernährt", schildert Tina Kiener. "Ein Jugendamt-Mitarbeiter hat gesagt, der Junge hätte die kommende Woche sicher nicht überlebt, wenn er in der Familie geblieben wäre." Die Nachbarn hatten es nicht gewagt, sich direkt an das Jugendamt zu wenden. "Das hören wir immer wieder. Die Menschen leben ja schließlich dort und wollen keinen Ärger mit ihren Nachbarn."

Genau darauf zielte die Aktion "Armutszeugnis" im Juni ab. Sie stellte den Nachbarn, Erziehern, Lehrern oder Verwandten, die in Fällen von Kindesmisshandlung nicht reagiert hatten, ein Armutszeugnis aus. Der Erfolg: 50 bis 60 E-Mails gingen daraufhin bei "Karolina" ein - und zahlreiche Anrufe. "Natürlich war da auch Quatsch darunter", räumt Tina Kiener ein. Zum Beispiel die Anschuldigungen einer Frau, die ihrem geschiedenen Ehemann allem Anschein nach etwas anhängen wollte. Oder die Aufforderung einer Frau, der Verein müsse einen angeblich pädophilen Nachbarn zum Umzug zwingen. "Das ist Sache der Polizei", sagt Tina Kiener. "Um so etwas können wir uns nicht kümmern."

Dafür aber um das Baby aus dem Großraum Weiden, das wegen Unterernährung und schweren körperlichen Verletzungen sofort aus der Familie genommen wurde. Auch hier kam der Hinweis von Nachbarn, "Karolina" schaltete das Jugendamt ein. Das Baby wurde in einer Pflegefamilie untergebracht.

Hilfe brachte die Aktion auch für einen kleinen Jungen aus dem Landkreis Neustadt/WN. "Mehrere Nachbarn haben uns informiert, dass das Kind angeblich seit einiger Zeit nicht mehr zu sehen ist." Im Nachhinein stellte sich heraus, dass der Bub schon seit einiger Zeit unter Beobachtung des Jugendamts stand. Doch da bei der Behörde keine Gefährdungsanzeige vorlag, durften die Fachleute ohne Genehmigung der Eltern nicht mit den Lehrkräften sprechen, erklärt Kiener.

Der Verein "Karolina" habe dann eine Gefährdungsanzeige auf den Weg gebracht, das Jugendamt konnte die Lehrkräfte befragen. Das Kind lebe zwar noch in der Familie, aber das Jugendamt führe verschärfte Kontrollmaßnahmen durch. Kiener: "Die Unterbringung in einer Wohngruppe steht im Raum."

Dass die Aktion "Armutszeugnis" - mit Plakaten in Weiden und Amberg über misshandelte Kinder in der Oberpfalz - bundesweite Resonanz fand, liegt laut Tina Kiener an der Verbreitung über soziale Medien. "Viele haben über Facebook davon erfahren. Die Aktion hat Wellen geschlagen und wirklich viele Menschen wachgerüttelt. Wir wollten den Menschen klar machen, schaut nicht weg." Und das ist gelungen. Deshalb wollen die Verantwortlichen von "Karolina" in Zukunft einmal jährlich eine "krasse Aktion durchführen, die aufrüttelt. Für 2019 planen wir wieder so etwas".

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