31.01.2019 - 17:45 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Artenschutz-Volksbegehren stößt auf unterschiedliches Interesse

„Jetzt haben wir die ersten fünf Minuten, wo’s mal ruhiger ist“, schnauft Martin Oppitz gegen 15.30 Uhr durch. Im Weidener Rathaus sind er und seine Kollegin am Donnerstag die Mitarbeiter mit der höchsten Besucherfrequenz.

Mit großem Aufgebot startet das Artenschutz-Aktionsbündnis um 8 Uhr zur Unterschriftenaktion am ersten Tag der Eintragungsfrist seines Volksbegehrens. Einer der ersten, der sich nach Nicole Merbald (sitzend) vom Landesbund für Vogelschutz einträgt, ist OB Seggewiß (stehend, Dritter von rechts).
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Mit 399 Unterschriften für mehr Artenschutz bei 32 552 Stimmberechtigten ist Weiden in der Region am Nachmittag Spitzenreiter bei den Eintragungen zum Volksbegehren "Rettet die Bienen". Die Initiatoren konnten am ersten Tag auf prominente Unterstützung zählen. Gleich um 8 Uhr trug sich OB Kurt Seggewiß in die Liste ein, die SPD-Stadtverbandsvorsitzende Sabine Zeidler tat es ihm gleich.

Auch im Neustädter Rathaus sorgt das Begehren für erhöhte Schlagzahl. "Ganz kurz, da wartet schon wieder ein Haufen Leute", antwortet Thomas Kost auf die telefonische Frage, wie es läuft. Gegen 14 Uhr hatten sich 60 von rund 4500 berechtigten Bürgern eingetragen.

Einen Steinwurf weit weg, in Altenstadt, mobilisiert die Kampagne weit weniger Naturfreunde. Bis Mittag ließen sich gerade mal 28 Eintragungswillige von 4000 Berechtigten sehen, berichtet Wolfgang Zwack von der Gemeindeverwaltung. Er kann sich noch gut an das Volksbegehren zu rauchfreien Gaststätten 2009 erinnern. "Da waren es am ersten Tag deutlich mehr."

Ähnliches berichtet Markus Friedl von der Verwaltungsgemeinschaft (VG) Pleystein. In Georgenberg und der Stadt Pleystein kamen nur 40 Unterzeichner ins Rathaus. Richtig erklären kann sich Friedl das nicht. "Aber es gibt auch Leute, die angerufen haben, weil sie erst heute aus der Zeitung vom Volksbegehren erfahren haben", wundert er sich. Auch in Windischeschenbach und Grafenwöhr war es bis Mittag eher mau.

Der umgekehrte Effekt ist in Vohenstrauß zu beobachten. Da zieht der Artenschutz wesentlich stärker als der Nichtraucherschutz, berichtet Bürgermeister Andreas Wutzlhofer. Er ist eines der prominentesten Zugpferde, das das Artenschutz-Aktionsbündnis für sein Anliegen eingespannt hat. Wutzlhofer ist CSU-Bürgermeister und -Kreisrat. Seine Partei ist eher auf der Linie des Bauernverbands, der wenig von der Initiative hält. Wutzlhofer hat damit kein Problem. "Es werden weitere Parteikollegen und Stadträte unterschreiben", prophezeit er.

Er unterstütze das Begehren nicht, weil er sich gegen die Partei stellen wolle, sondern weil er die Chance sieht, etwas für die Landwirte zu verbessern. Habe das Begehren Erfolg, sei die Landespolitik verpflichtet, kleinen Bauern zu helfen, sollten sie wegen Umstellung auf mehr Ökologie Nachteile erleiden. Daran könne er nichts Negatives finden.

Damit klingt er fast so wie der Weidener Agrarökologe Andreas Gmeiner vom Aktionsbündnis. Er kündigt weitere Schläge auf die Werbetrommel an, bis die Eintragungsfrist am 13. Februar endet. Neben Infoständen ist unter anderem ein "Bienenschwärmen" am Oberen Markt geplant. Dabei sollen Eltern ihre Kinder in Insektenkostüme stecken und an den kommenden beiden Montagen von 14.30 bis 16 Uhr in die Altstadt mitbringen. Damit lasse sich ein Ja zur Artenvielfalt via Faschingsgaudi transportieren.

Zudem wollen Öko-Aktivisten mit "Rathauslotsen" vor allem in Weiden Passanten zur Unterschrift animieren. Diese Werber auf den Straßen müssen aber eine Bannmeile rund ums Rathaus einhalten. Das betrifft die Dr.-Pfleger-Straße, die Kurt-Schumacher-Allee und die Weigelstraße.

Adolf Küblböck vom Landesbund für Vogelschutz und Mitstreiter Manfred Häring aus Hannersgrün hatten im Vorfeld Vereine in Kohlberg, Kaltenbrunn, Etzenricht und Weiherhammer angeschrieben, um gemeinsam um 17 Uhr im Rathaus Weiherhammer zu unterzeichnen. 38 Mitglieder von SPD, Siedlergemeinschaft, OWV, Sportverein und Imkern waren gekommen. Sie hätten auch Verständnis für die Gegenseite, sagt Häring: "Ich kann die Landwirte schon verstehen, wenn sie sich deswegen vor Riesenbürokratie fürchten, aber es geht halt um die Natur."

Kommentar:

Artenschutz ist städtisch

Der erste Eindruck muss nicht der richtige sein. Trotzdem: Es scheint, je kleiner und ländlicher eine Gemeinde, desto weniger mobilisiert das Thema Artenschutz. Nun ist Weiden beileibe keine Großstadt, dennoch kennen hier wohl weniger Kinder als auf dem Land Pfauenauge, Dompfaff oder Laubfrosch aus eigener Anschauung.
In den Dörfern ist die Sache heikler. Mancherorts droht das Volksbegehren tatsächlich Unfrieden zu stiften, wenn sich Unterzeichner sträuben, namentlich in der Zeitung genannt zu werden. Doch die Welt wird von mehr Tier- und Pflanzenschutz bestimmt nicht untergehen, auch wenn manche Aktivisten intolerante Töne anschlagen, die in Richtung Bepflanzungsvorschriften für Gärten gehen.
Die Prognose mag nach dem ersten Tag verfrüht sein, aber das Thema emotionalisiert so, dass es als erstes nach dem Nichtraucher-Volksbegehren gute Chancen hat, die Hürde zum Volksentscheid zu nehmen.

Friedrich Peterhans

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Hilde Lindner-Hausner

Kurzbericht vom Aktionsbündnis aus der VG Weiherhammer mit Info zu den Öffnungszeiten:
Volksbegehren Artenschutz - Großer Andrang in Weiherhammer bereits am ersten Eintragungstag
Um dem Ganzen einen guten Start zu geben, luden Dolf Küblböck, Manfred Häring und Bienenzüchter Reiner Kunkel vom örtlichen Aktionsbündnis "Volksbegehren Artenvielfalt" BürgerInnen aus den Gemeinden Weiherhammer, Kohlberg und Etzenricht zur gemeinsamen Unterzeichnung gleich am Donnerstag in das Weiherhammerer Rathaus ein. Rund 40 Personen, darunter Gemeinderäte, Mitglieder aus den Vereinen Landesbund für Vogelschutz, Imkerverein, Oberpfälzer Waldverein, Sportverein, der Siedlergemeinschaft, aus der Vereinsgemeinschaft sowie Vertreter der SPD und der Freien Wähler trafen um 17 Uhr zusammen und reihten sich in die Warteschlage vor dem Bürgerbüro ein.
Dolf Küblböck vom Landesbund für Vogelschutz bedauerte: "Wie es bisher läuft ist Sägen an dem Ast, an dem unser aller Leben und die Zukunft hängt." Ziel des Volksbegehren Artenvielfalt ist es, den Artenschutz in Zusammenwirken mit kleinstrukturierter Landwirtschaft entsprechend im bayerischen Naturschutzgesetz zu verankern" Er freute sich über den begeisterten Start, denn in etwa 100 Bürger_innen folgten dem Aufruf bereits am ersten Tag.
Die Teilnehmer wünschten sich, dass die insgesamt erforderliche eine Million Eintragungen sehr bald erreicht sein wird. "Dies ist ein Stück lebendige Demokratie. Wir rufen alle Einwohner auf, diese Chance für eine intakte Natur zu nutzen, und sich bis zum Fristablauf am 13. Februar in den Rathäusern einzutragen."
Die wahlberechtigten Bewohner Kaltenbrunns, Kohlbergs und Etzenrichts können sich auch in Weiherhammer eintragen. Personalausweis ist erforderlich.
Mehr Information und Öffnungszeiten der Rathäuser: www.volksbegehren-artenvielfalt.de.
Weiherhammer Verwaltungsgemeinschaft
Mo - Fr 8.00 - 12.00
Mo - Mi 8.00- 12.00 und 13.00 – 16.00
Do 31.1.2019 8.00 - 12.00 und 13.00 – 18.00
Do 7.2.2019 8.00 - 12.00 und 13.00 – 20.00
Sa 9.2.2019 10.00 – 12.00

Etzenricht Rathaus Weidener Str. 14
Di 13:45 - 17:00
Mi 10:30 - 12:00
Do 17:00 - 19:00

Kaltenbrunn Rathaus Marktplatz 17
Mo 8.00 - 9.00
Do 17.00 - 18.00
Kohlberg Rathaus Marktplatz 1
Mo 8.00 - 10.00
Mi 18.00 - 20.00
Fr 14.00 - 16.00

02.02.2019