Barrierefreie Fußgängerzone in Weiden: Warum kein Granit aus Flossenbürg?

Weiden in der Oberpfalz
08.05.2023 - 12:57 Uhr
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Zwei Spuren aus Granitplatten sollen die Fußgängerzone barrierefrei(er) machen. Der Auftrag fürs neue Pflaster geht nach Niederbayern – und nicht nach Flossenbürg. Einen Landkreisbürger bringt das auf die Palme.

Testlauf für die Granitplatten in der Fußgängerzone. Der Bauausschuss prüfte auch die farbliche Abstimmung mit dem bestehenden Pflaster (aufgelegte Steine).

Mit Granit, speziell dem aus Flossenbürg, kennt er sich aus. Rund 20 Jahre lang arbeitete Walter Ritter früher für die Granitwerke Jakob, von daher weiß er, wie gefragt ihre Ware in ganz Deutschland war. Der "riesige Platz vor dem Hauptbahnhof in Hamburg" sei mit Gestein aus Flossenbürg gestaltet, erzählt der heute 77-Jährige, große Aufträge seien aus Nürnberg und Fürth gekommen, und auch in München sei jede Menge Granit aus Flossenbürg verbaut. Zum Beispiel. Und die Stadt Weiden? Ausgerechnet sie verschmäht das Qualitätsprodukt aus dem östlichen Landkreis Neustadt. Ritter ärgert sich gewaltig: "Eine Kriegserklärung gegenüber der heimischen Granitindustrie."

Hintergrund: Die Stadt Weiden plant zwei barrierefreie Achsen in der Fußgängerzone, vom Oberen bis zum Unteren Tor sollen Granitplatten auf den beiden Spuren das holprige Pflaster ablösen. Bei einem Test vor Ort entschied sich der Bauausschuss vor kurzem für einen Stein aus Fürstenstein (Niederbayern), auch weil er farblich am ehesten zum Pflaster passt. In die engere Auswahl hatten es zudem Granit aus China sowie ein weiteres Produkt aus Bayern geschafft. Zwei andere Steine waren schon im Vorfeld ausgeschieden – aufgrund mangelnder Rutschfestigkeit. Die Entscheidung der Gremiumsmitglieder für Fürstenstein fiel einstimmig, zumal es auch das günstigste Angebot war.

"Kauft nichts in Weiden!"

Jetzt also die erboste Gegenstimme aus Störnstein, wo der ehemalige Flosser Walter Ritter heute lebt. "Mit Befremden" habe er den Beitrag von Oberpfalz-Medien gelesen, erklärt er. "Vor der Haustüre praktisch wird Flossenbürger Granit abgebaut, circa 25 Kilometer von Weiden entfernt. Warum muss dann ein paar hundert Kilometer entfernt Granit gekauft werden? Kommen die aus dem Bayerwald zum Einkaufen nach Weiden oder die in unserem Raum wohnenden Mitarbeiter der Granitindustrie?" Am liebsten würde der 77-Jährige nun die Landkreisbewohner auffordern: "Bleibt von Weiden fern, kauft nichts in Weiden!"

Was ist dran an den Vorwürfen des Störnsteiners? Oberpfalz-Medien hat bei der Stadt Weiden nachgefragt. In einer schriftlichen Antwort verweist Baudezernent Oliver Seidel auf ein wichtiges Kriterium, welches das Material erfüllen müsse: "Im Mittelpunkt der gestalterischen Überlegungen stehen der sorgsame Umgang mit Veränderungen und die harmonische Fortschreibung der vorhandenen Gestaltung unter Würdigung der Aspekte der Barrierefreiheit, um die vorhandene qualitätvolle Gestaltung der Innenstadt zu wahren. Daher wurde nach einem Stein gesucht, der sich dem bestehenden Pflaster auch farblich am besten annähert."

Flossenbürger Stein zu hell

Die in der Weidener Altstadt verlegten sehr dunklen Pflastersteine kommen aus dem Steinbruch „Lohwiese“ im Bayerischen Wald, der nicht mehr in Betrieb ist. Ähnlich dunkle Steine gibt es laut Seidel in Steinbrüchen in China – oder eben in Fürstenstein im Bayerischen Wald. "Daher stammen unsere für die Bemusterung durch den Bau- und Planungsausschuss ausgewählten Steine aus den genannten Steinbrüchen." Hinzu kommt: "Es gab kein Angebot aus Flossenbürg." Und es stand auch nicht zur Diskussion. "Flossenbürger Granit ist als Stein grundsätzlich für einen Einbau als barrierefreies Element geeignet", räumt der Baudezernent ein. "Jedoch ist er eher hell bzw. blaubräunlich, und fügt sich gestalterisch nicht in die bestehende Situation ein."

Tabu sind die Steine "aus der Nachbarschaft" aber natürlich nicht in Weiden. Bei früheren städtischen Projekten sei immer wieder Flossenbürger Granit verwendet worden, betont Seidel. "Die gesamte Verblendung Hochwasserschutzmauer Schweinenaab wurde zum Beispiel aus diesem Material hergestellt. Auch bei künftigen Projekten wird die Verwendung des Flossenbürger Granits in Erwägung gezogen."

Baubeginn in der Fußgängerzone soll noch in diesem Jahr sein. Vermutlich im Herbst werden die ersten Granitplatten aus dem Bayerischen Wald verlegt. In der Hoffnung, dass dann auch Besucher aus Flossenbürg darauf stehen.

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Weiden in der Oberpfalz28.04.2023
Hintergrund:

Barrierefreie Innenstadt Weiden

  • Baubeginn voraussichtlich Herbst 2023
  • Ziel: Erreichbarkeit aller Fassaden zwischen Oberem und Unterem Tor über barrierefreie Platten, barrierefreie Anbindung des Alten Rathauses
  • Zwei barrierefreie Hauptachsen von Tor zu Tor, Querungen und Plattengelege an den Gebäuden
  • Zwei Bauabschnitte: "Abschnitt West" vom Issy-Les-Moulineaux-Platz über Wörthstraße und Oberes Tor zum Oberen Markt; "Abschnitt Ost" rund um den Unteren Markt durch das Untere Tor bis zum Fußgängerüberweg an der Kreuzung Schlörplatz und Sebastianstraße
 
 

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