12.03.2021 - 14:48 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Beispielloser Händler-Protest in Weiden: 1100 Stühle vor die Tür gestellt

Ebenso beeindruckend wie bedrückend ist das Bild der leeren Stühle in der Fußgängerzone – eine Protestaktion gegen die anhaltende Schließung der Läden und Lokale. OB Jens Meyer beklagt eine "himmelschreiende Ungerechtigkeit".

von Helmut KunzProfil

Der Weidener Einzelhandel und die Gastronomie in der Innenstadt organisierten am Freitag eine deutschlandweit einmalige Protestaktion. Mit mehr als 1100 leeren Stühlen vor dem Alten Rathaus machten die Händler und Wirte deutlich, wie viele Beschäftigungsverhältnisse in der Innenstadt auf dem Spiel stehen. 350 Hüte, die auf den Stühlen verteilt waren, symbolisierten diejenigen Arbeitsplätze, die der Lockdown bereits gekostet habe. Einzelhandelsverbandssprecher Tobias Sonna hofft, dass der stille Protest auch in anderen Städten Anklang finden werde. 1300 Arbeitsplätze – "das entspricht einem Großbetrieb, einem Automobilzulieferer, der drei Monate geschlossen hat", betont er.

Tobias Sonna kündigt die beispiellose Aktion an

Weiden in der Oberpfalz

Wer ab 11 Uhr über den Marktplatz schlenderte, war über die Bestuhlung erstaunt: Stühle standen hier in Reih und Glied, doch sie dienten nicht zum Verweilen, auch als Sitzgelegenheiten nicht für ein Konzert. Die Händler und Gastronomen protestierten. Ihr Motto: „Wir stehen auf, wir können nicht länger sitzen und schweigen.“ Man wolle endlich wieder zurück an die Arbeit gehen und für den Erhalt von Existenzen und Arbeitsplätzen kämpfen.

"Wir können Hygiene"

„Wir können Hygiene. Das beweist der Handel doch bereits jetzt“, sagt Sonna. „Die Lebensmittelgeschäfte sind doch offen. Das entspricht 80 Prozent der Menschenkontakte. Und trotzdem sind die Werte nicht nach oben geschossen.“ Insgesamt seien in der Weidener Innenstadt 250 Händler, Gastronomen und andere Betriebe durch den Lockdown betroffen. Hier müsse endlich nachgebessert werden.

Die Installation der Initiative „Wir sind Weiden“ wolle bildlich verdeutlichen, wie viele Beschäftigte durch den anhaltenden Lockdown gefährdet seien. „So steht jeder Stuhl nicht nur für einen Arbeits- und Ausbildungsplatz, sondern auch für einen leeren Platz und den dadurch fehlenden Gast in den zahlreichen Restaurants, Cafés, Bars und Kneipen.“

Für eine aussagekräftige Beschäftigtenzahl, die durch die Stuhl-Ensembles zum Ausdruck gebracht wurden, hatte man alle Arbeitsplätze von der Max-Reger-Straße bis zum Unteren Tor, einschließlich aller Seitenstraßen in der Innenstadt, ermittelt. Für jeden aktuell noch vorhandenen Arbeitsplatz wurde ein Stuhl vor dem Alten Rathaus aufgestellt. Zu sehen nur am Freitag. „Als ich hier ankam, hatte ich Gänsehaut“, bekennt Oberbürgermeister Jens Meyer. „Grundsätzlich bin ich ein Verfechter des harten Kurses. Wir sollten ja Menschenansammlungen vermeiden.“ Aber diese stumme Protestaktion halte er für mehr als legitim. „Hier wird mal ein Hilfeschrei deutlich nach außen losgelassen. Dafür wurde es höchste Zeit.“

Unterstützung von lokaler Politik

Denn mit Blick auf die Öffnung in anderen Städten sei das, was hier in Weiden passiere „eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wenn Discounter Valentins-ware verkaufen dürfen oder wenn sich Menschentrauben an einem Montag oder Donnerstag bei den Discountern an den Wühltischen um die Ware reißen“. Und auch, wenn in Richtung Regensburg oder Ingolstadt ein regelrechter Einkaufstourismus einsetze. Meyer: „Wir können nicht hinnehmen, dass im Gegenzug unsere Weidener Innenstadt zunehmend verwaist.“ Die Händler hätten in der Vergangenheit bewiesen, dass sie Hygienekonzepte gut umsetzen. Die Forderung des Rathauschefs: „Öffnung ja, mit klugen Hygienekonzepten. Ich bin überzeugt, dass das funktionieren kann.“

Auch Landtagsabgeordneter Christoph Skutella (FDP) erkennt eine Ungleichbehandlung gegenüber anderen Branchen. „Wir hoffen auf die Einsicht der Staatsregierung.“ So wie es jetzt sei, sei es nicht sinnvoll. „Der Einzelhandel braucht eine Perspektive und keine Salamitaktik.“ Nach Überzeugung des Weidener CSU-Fraktionschefs Benjamin Zeitler sind die von den Inzidenzzahlen abhängigen Öffnungsschritte dauerhaft nicht umsetzbar. „Gerade in unserer Region.“

Die schrittweise Öffnung einzelner Branchen sorgt auch bei den Händlern und ihren Kunden für Unmut. „Seit dem ersten Lockdown haben wir ebenfalls viel in den Schutz unserer Kundschaft und in Hygienemaßnahmen investiert und mussten dann doch schließen", sagt Schmuckhändlerin Ursula Pöllmann. "Der Einzelhandel und die Gastronomie waren noch nie für ein Infektionsgeschehen verantwortlich, deshalb können wir die anhaltenden Schließungen nicht nachvollziehen und wollen öffnen.“

"Click & Collect" oft keine Alternative

Das Einkaufen mit vorheriger Terminvereinbarung wäre ein erster Schritt, einen Teil der Kosten zu decken und die Kundepflege aufrecht zu erhalten, denn "Click & Collect" rentiere sich für viele Unternehmen nicht. „Damit können wir keinen nennenswerten Umsatz machen. Christine Weiss vom gleichnamigen Schuhhaus: "Der Großteil der Kunden entscheidet spontan, ob er dieses oder jenes kaufen möchte, und auch nur dann, wenn er ausgiebig gestöbert oder anprobiert hat. Die Innenstädte kämpfen bereits seit Jahren um Kundschaft. Deshalb trifft es uns umso härter, und wir fordern nun die sofortige Öffnung, sei es auch mit Terminvereinbarung.“

Jene zu schützen, die von einer Infektion gefährdet seien, sei keine Option, sondern oberstes Gebot. Zum Standard gehörten seit März 2020 das Betreten nur mit Maske, Desinfektionsmittel an jedem Eingang, Spuckschutz im Kassenbereich, begrenzte Personenanzahl im Geschäft, teils mit digitaler Besucherkontrolle und Einhaltung der Abstandsregeln, erklärt Sonna. „Das hat uns alles viel Geld gekostet, aber diese Hygienemaßnahmen wirken. Um unsere Unternehmen und die Arbeitsplätze in der Innenstadt zu sichern und zu erhalten, sind wir dringend auf Kundschaft angewiesen. Wir sind uns jedoch auch bewusst, dass die Besucherfrequenz in der Innenstadt nicht von heute auf morgen hochschnellt. Vielmehr rechnen wir noch Monate mit verminderten Besucherzahlen und blicken weiterhin auf ein herausforderndes Jahr. Deshalb ist es für uns so wichtig, dass wir lieber heute als morgen öffnen können."

Der Stadtrat diskutiert die Lage der Innenstadt

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Die Stuhl-Aktion

  • Initiatoren: Gemeinschaft "Wir sind Weiden", unterstützt vom Handelsverband Bayern
  • 1100 verwaiste Stühle: Sie stehen für die Zahl der Arbeitsplätze in der Weidener Innenstadt (eigentlich über 1300) und die ausbleibenden Gäste in den Lokalen. Mehr als 250 sind vom Lockdown betroffen
  • 300 Hüte auf den Stühlen: Jeder Hut symbolisiert einen bereits verloren gegangenen Arbeitsplatz
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