11.07.2018 - 15:06 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Berufsrückkehr mit Tieren und Pflanzen

Seit Jahrzehnten werden Menschen mit Handicaps in Umschulungsmaßnahmen an Bürotätigkeiten und einfache handwerkliche Tätigkeiten herangeführt. Das Projekt "Gesunde Soziale Landwirschaft" geht ganz andere Wege.

Projektteilnehmer Viktor Kurbatov gewöhnt sich gerade an Pferde. Mit dabei (von links) Projektbetreuerin Tina Benker von der Arbeitsagentur Weiden, "Reitstall-Chefin" Daniela Beierl und Diplom-Pädagogin Cornelia Wurm von Job-Trans
von Siegfried BühnerProfil

(sbü) "Irgendwie gab es bei ihm in den letzten Jahren permanent Schwierigkeiten im Beruf", erzählt die Diplom-Pädagogin Cornelia Wurm vom Bildungsträger Job-Trans gGmbH über Viktor Kurbatov. Der 58-jährige Russlanddeutsche arbeitete mal hier mal dort, zuletzt reinigte er LKWs. Doch seine starke Sehbehinderung stand immer wieder im Wege. Auch die deutsche Sprache fällt Korbatov sehr schwer. Zeiten der Arbeitslosigkeit waren nicht immer zu vermeiden.

Fast hätte er resigniert, aber mit professioneller Hilfe scheint jetzt eine Rückkehr in berufliche Stabilität möglich. "Wir suchten einen Weg, den Arbeitsuchenden Schritt für Schritt behutsam wieder an das Arbeitsleben heranzuführen", berichtet Projektbetreuerin und Arbeitsvermittlerin Tina Benker von der Arbeitsagentur Weiden.

Handicap mit Potential

Im Projekt "Gesunde Soziale Landwirtschaft" scheint dieser Weg gefunden zu sein. Begonnen wurde am 4. Juni dieses Jahres mit 13 Teilnehmern, darunter Kurbatov. Das Modellprojekt, das aus Mitteln des Arbeitsmarktfonds der Bayrischen Staatsregierung gefördert wird, beschreitet völlig neue Wege. "Wir wollen Menschen mit Handicaps in einer gesunden und natürlichen Umgebung unter professioneller Betreuung zurück in das Berufsleben führen", sagt Job-Trans-Geschäftsführer Bernhard Markl. Der Umgang mit Pflanzen und Tiere wird dabei bewusst als stabilisierendes Element eingesetzt. Umfassende gesundheitliche und sozialpsychologische Betreuung ist während der gesamten elfmonatigen Projektdauer sichergestellt. Landwirtschaftliche Betriebe, ländliche Hauswirtschaft, Forst- und Gartenbau, Tierhaltung kommen vorrangig als Qualifizierungsumgebung in Betracht. Die Projektverantwortlichen denken auch an Gemüseanbau, Bio- und Erlebnisbauernhöfe, Gärtnereien, Teichwirtschaft, Landschaftspflege und Direktvermarktung. Dort sollen die Projektteilnehmer neben den Qualifizierungsphasen in den Schulungsräumen in Praktikumszeiten an eine für sie neue Arbeitswelt herangeführt werden. Aus den Projektmitteln heraus werden die Betriebspraktika unterstützt. So könnte mit dem Projekt beiden Seiten, Betrieben und Menschen mit Handicaps geholfen werden. Der Kräftemangel habe auch längst auf die im Projekt beteiligten Wirtschaftsbereiche übergegriffen, betonen die Projektverantwortlichen. Projektteilnehmer sollen Menschen mit körperlichen oder psychischen Behinderungen oder, in der Terminologie der Arbeitsverwaltung, "Menschen mit multiplen Vermittlungshemmnissen" sein.

Doch zurück zu Projektteilnehmer Kurbatov. Er bestreitet derzeit das erste vierwöchige "Schnupperpraktikum" im Reitstall Beierl im Weidener Stadtteil Frauenricht. "Viktor pflegt die Koppeln und Reitanlagen und darf auch schon einmal das eine oder andere Pferd hinausführen" erzählt Daniela Beierl.

"Arbeit ist genug da"

Praktikumsanleiter André arbeitet in der Nähe des Praktikanten und zeigt die Arbeitsschritte. Auf die Behinderung wird Rücksicht genommen. Dass "Arbeit genug da ist", betont die Chefin. Drei, manchmal vier sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Betrieb würden zur Versorgung der vierzig Pferde "in variabler Haltung" kaum ausreichen. Dazu kommen auch Erntearbeiten auf dem biologisch ausgerichteten Reitstall.

Schwierig sei es, Personal für die körperlich belastende Arbeit zu bekommen. Noch ist der Erfolg des Modellversuchs nicht sicher. "Wir brauchen dringend Betriebe, die bereit sind, Praktikumsstellen zur Verfügung zu stellen", sagt Pädagogin Wurm. Nach dem Schnupperpraktikum sind noch zwei Praktikumszeiten zu absolvieren. Ziel ist es, die Teilnehmer in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu vermitteln. Finanzhilfen von Arbeitsagentur oder Jobcenter stehen zur Verfügung. Und ein zweiter Programmlauf beginnt im kommenden Jahr.

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