10.09.2019 - 13:51 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Berufung gegen Urteil des Landgerichts Tirschenreuth erfolgreich

Erfolg hatten zwei in Tirschenreuth verurteilte Männer mit ihrer Berufung. Amtsgerichtsdirektor Thomas Weiß hatte die beiden vorher wegen gefährlicher Körperverletzung zu eineinhalb Jahren ohne und zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt.

Symbolbild.
von Autor RNSProfil

In Weiden wurde eine Verurteilung zu einfacher Körperverletzung daraus und die drohenden Gefängnisaufenthalte zu relativ kleinen Geldstrafen abgeändert.

Als sich eine Gruppe von Schülern, die in einem Ort im Landkreis Tirschenreuth ihren Blockschulunterricht hatte, abends in der Pizzeria eines 42-Jährigen im Februar vergangenen Jahres daneben benahm, verwies dieser einen 22-Jährigen des Lokals. Beim Hinausgehen warf der stark alkoholisierte junge Mann – absichtlich oder versehentlich – einen Kaugummiautomaten im Eingangsbereich um. Das dadurch herausgefallene Geld soll er eingesteckt haben. Der Wirt und dessen Ehefrau wollten später dessen Personalien von einem der noch im Lokal verbliebenen Schüler bekommen. Dieser ebenfalls alkoholisierte und ebenfalls 22 Jahre alte Mann verweigerte jedoch die Auskunft. Daraufhin schlug ihn der Besitzer der Pizzeria mit der Faust ins Gesicht. Der 22-Jährige fiel drei oder vier Stufen einer Treppe im Freien hinunter. Beim Versuch zu flüchten, stellte ihm der 24-jährige Adoptivsohn des Wirts ein Bein und trat den auf dem Boden Liegenden dann mit dem Fuß.

Viele, sich widersprechende Aussagen von Zeugen erschwerten die Wahrheitsfindung schon vor dem Amtsgericht in Tirschenreuth. Ebenso vor der Strafkammer in Weiden. So sagte zum Beispiel ein 21-jähriger Stammgast der Pizzeria mit Shisha-Bar, dass der Geschädigte auf der Treppe ausgerutscht sei und nicht durch den Schlag zu Fall gekommen sei. Andere berichteten in Briefen an die Justiz, dass es eine Schlägerei zwischen dem 22-Jährigen und seinem gleichaltrigen Mitschüler gegeben habe. Vielleicht rührten seine Verletzungen daher?

Hinzu kommt, dass die Aufklärungsarbeit der Polizei anscheinend sehr mangelhaft gewesen war. Laut den Verteidigern der beiden Angeklagten sollen sie zahlreiche Zeugen nicht befragt haben, obwohl sich diese sogar angeboten hätten. Videoaufnahmen, die die Vorgänge auf der Straße hätten beweisen können, seien nicht sichergestellt worden. Bei Belastungszeugen sei es „drunter und drüber“ gegangen, behauptete Rechtsanwalt Johannes Büttner (Regensburg). Entlastungszeugen seien nicht gehört worden – oder es sei sogar ein Ermittlungsverfahren wegen Falschaussage gegen sie eingeleitet worden, wenn sie etwas gesagt hatten, das nicht ins Bild gepasst habe. Im Nachhinein war erst jetzt bekannt geworden, dass der 22-Jährige, der den Automaten beschädigt hatte, wenige Monate später – anscheinend im Drogenrausch – mit dem Auto durch die Glastür in einen Verbrauchermarkt gerast war, um dort die Kasse auszurauben. Der Geschädigte selbst zeigte sich im Gerichtssaal äußerst merkwürdig. Seinem wirren Redefluß war zu entnehmen, dass er „gerne mal acht bis zehn Bier“ trinke, dass er eine Vorstrafe wegen Rauschgiftbesitzes hat und dass er das Fehlen eines Weisheitszahns nach dem Vorfall erst später entdeckt hatte.

Die Anträge der Rechtsanwälte Büttner, Richard Duchek und Stephan Müller lauteten unisono auf Freispruch. Die Ungereimtheiten würden nicht für eine Verurteilung reichen. Die Aussage des angeblichen Opfers sei „gebetsmühlenhaft auswendig gelernt“ gewesen, sagte Duchek. Trotz aller Ungereimtheiten glaubten Richter Reinhold Ströhle und die Schöffen den Beteuerungen der Angeklagten nicht ganz. Wären die Verletzungen durch einen Streit unter den Schülern entstanden, wie sie glaubhaft machen wollten, so hätten sich diese blitzschnell, vor dem Eintreffen der Polizei, gegenseitig absprechen müssen, um es dem Gastwirt in die Schuhe zu schieben. Allerdings äußerte Ströhle ein „gewisses Verständnis“ für die Reaktion des älteren Angeklagten. Wenn sich junge Leute im Lokal Zigaretten anzünden, dann frech werden und randalieren, sei Wut und Erregung verständlich.

Dass sich der jüngere Angeklagte nicht zu dem Tumult vor dem Lokal begeben hatte, sondern brav an der Bar weiter gemacht habe, sei schlichtweg unglaubhaft, so Ströhle. Die Körperverletzungen seien nacheinander begangen worden, also liege keine „gefährliche Körperverletzung“ vor. Die Verletzungen des Geschädigten hätten sich als minder schwer herausgestellt und waren vorher übertrieben worden. Daher verhängten Ströhle und die Schöffen nur 60 Tagessätze à 20 Euro für den 42-jährigen Familienvater, der für Frau und vier Kinder zu sorgen hat, und 60 Tagessätze à 13 Euro für seinen Adoptivsohn, der Auszubildender ist. Beide waren bislang unbescholten.

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