30.08.2018 - 18:10 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Betriebe buhlen um Azubis

Für Bewerber läuft's: Laut Statistik können sie zum Ausbildungsstart am 1. September zwischen 5,2 freien Ausbildungsstellen wählen. Das macht es den Betrieben nicht leichter. Sie buhlen um jeden Azubi.

Viele Firmen buhlen auf dem Ausbildungsmarkt um Bewerber. Diese haben bei dem Angebot die Qual der Wahl das Richtige für sich zu finden.
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

(shl) Metzgereien haben es nach wie vor schwer. "Junge Mädels wollen schick sein. Da passt eine Metzgereifachverkäuferin nicht ins Bild", sagt Bettina Wittmann von der Landmetzgerei Witt in Windischeschenbach. Die Lebensmittelbranche tue sich allgemein schwer. Dabei biete das Metzgerhandwerk so viele Möglichkeiten - im handwerklichen wie im kreativen Bereich. Wittmann schwört auf Praktika. Oftmals helfe das, das Berufsbild zu konkretisieren. Umso mehr ist sie froh, dass zwei Jugendliche jetzt eine Ausbildung zur Fachverkäuferin beginnen. "Wir kennen sogar die Eltern. Wenn die hinter ihren Kinder stehen, dann ist schon viel gewonnen."

"Es ist mehr und mehr ein Kampf, offene Lehrstellen zu besetzen", weiß auch Michael Sollfrank von der Baufirma Hermann Paul, Weiden. Für dieses Jahr wurde er gewonnen. "Zum 1. September fangen zwei Maurerlehrlinge an", freut sich der kaufmännische Leiter. "Ich habe ein gutes Gefühl". Das zählt manchmal mehr als Noten. "Unserem Chef ist vor allem der persönliche Eindruck wichtig. Der Schulabschluss ist zweitrangig." Motivierte Bewerber seien rar. "Ganz schlimm war es einmal, als von zwei Lehrlingen nach einer Woche keiner mehr auftauchte. Den Grund haben wir nie erfahren."

Zweite Chance verdient

Bei solchen Erlebnissen ist es nachvollziehbar, wenn Unternehmer die Lust zur Ausbildung verlieren. So weit ist man bei der Baufirma noch nicht. "Wir brauchen den Nachwuchs, die Auftragsbücher sind voll", sagt Sollfrank. Den jungen Leuten biete man eine persönliche Unterstützung, ortsnah gelegene Baustellen und eine gute Entlohnung. Und wenn der Start mal holprig verläuft? "Dann reden wir. Denn eine zweite Chance hat jeder verdient."

Chancen möchte auch Michael Schieder vom Landhotel "Zum Goldenen Kreuz" in Saubersrieth bieten. Hoffnungsträger sind zwei junge Erwachsene, die jetzt eine Ausbildung als Köchin und Hotelfachwirt anfangen. "Zwei weitere Stellen sind noch unbesetzt. Leider," sagt der Gastronom, der sich über manche glorifizierende Darstellung seines Berufs in TV-Kochsendungen ärgert. Seit drei Jahren bildet Schieder aus. Alle hätten hingeworfen. "Mal waren es die Arbeitszeiten, mal war es einfach der falsche Beruf. Da bist Du machtlos. Wir tun alles, damit sich die Azubis wohlfühlen." Sie erhalten ein Auto (vor allem, um in die Berufschule nach Wiesau zu kommen), einen Bonus für gute Schulnoten, Bezahlung und Urlaub nach Tarif, geregelte Arbeitszeiten. Schieder gibt nicht auf, von seiner eigenen Leidenschaft etwas weiterzugeben. "Diesmal wird es klappen", bleibt er optimistisch.

Bürojob bevorzugt

"Die Bewerber rennen uns nicht gerade die Bude ein, aber so schlecht schaut es auch nicht aus", sagt Florian Knodt. Er leitet bei der Spenglerei Hecht die Abteilung Haustechnik und freut sich ab September über vier junge Kollegen als Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Spengler wollte keiner werden. "Wir hatten zwar Praktikanten, aber die haben abgebrochen." Es sei halt kein Bürojob. "Heutzutage müssen Unternehmen um Mitarbeiter buhlen. Eine Webseite und ein Facebookauftritt sind selbstverständlich. Vier Mal waren wir auf Ausbildungsmessen. Die Gespräche dort sind gut, aber die Bilanz könnte besser sein", sagt Knodt. Er habe das Gefühl, dass die Industrie hier mehr punkten könne, als kleinere Betriebe.

Wer glaubt, dass die Bewerber bei einem Global Player wie Witt Weiden Schlange stehen, der irrt. "Auch wir müssen uns mittlerweile mehr anstrengen, um Jugendliche für das Unternehmen zu begeistern", sagt Ausbildungsbeauftragter Tobias Nerl. 20 Neuzugänge fangen am Montag eine Ausbildung oder ein Duales Studium an. Offene Stellen gebe es noch im IT-Bereich. Über Events und Kooperationen mit Gymnasien versucht Witt einen neuen Ansatz der Lehrlingsgewinnung. Auch auf Instagram werde geworben, um die Schüler "online abzuholen". Angemerkt

GeschlechterRollen verändern sich nur langsam:

In Deutschland gibt es 328 Ausbildungsberufe, doch noch immer ergreifen Mädchen oft einen Beruf aus den Bereichen Soziales, Gesundheit oder Erziehung. Bei den Jungen stehen Informatik und eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker hoch im Kurs, weiß Karin Hartung, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt der Agentur für Arbeit Weiden. "Doch der Blick über den Tellerrand lohnt sich - für Bewerber genauso wie für Unternehmen. Die klassische Rollenverteilung der Geschlechter weicht auf."

Dazu trage auch der Girls' Day und Boys' Day (2019 findet er am 28. März statt) bei. Er sei nach wie vor die beste Gelegenheit für junge Leute, in typische Berufe des jeweils anderen Geschlechts reinzuschnuppern, sagt Hartung. "Nicht selten begeistern sich Mädchen für technische Berufe. Erste Erfolge zeigt die Initiative Klischeefrei, die sich für eine Berufs- und Studienwahl frei von Geschlechterklischees einsetzt. Die Firmen öffnen sich zunehmend." Wichtige Ratgeber bei der Berufswahl bleiben die Eltern. Sie würden die Fähigkeiten ihrer Kinder am besten kennen. (shl)

Info:

Die Betriebe der Region stecken viel Energie in Ausbildung. 2202 Ausbildungsplätze waren bis zum Stichtag Ende August bei der Agentur für Arbeit (Bezirk Weiden) gemeldet. 13,7 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Auf diese Stellen haben sich 1425 Nachwuchskräfte beworben, heißt es im Monatsbericht. Unversorgt blieben 140 Personen. Auf sie kommen 732 unbesetzte Lehrstellen – 5,2 Angebote pro Person. Vor allem Fachverkäufer, Kaufmann im Einzelhandel, Metallbauer und Zerspanungstechniker seien noch gesucht. Auffallend viele Schüler besuchten auch weiterführende Schulen. (shl)

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