04.10.2019 - 16:33 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Bohm plant wieder: Jetzt bei den Preußen

Hansjörg Bohm bleibt als Ideengeber für die Weidener Stadtentwicklung in Erinnerung. Im Oktober 2016 kündigte er als Baudezernent der Stadt Weiden. Als Ideengeber ist er nun an neuer Wirkungsstätte gefragt – im Kreis Havelland bei Berlin.

Stets mit Fliege und der Brille am Band. So kennen ihn die Weidener. Regierungsbaumeister Hansjörg Bohm ist sei Anfang August Baudezernent und Wirtschaftsförderer im Landkreis Havelland (Brandenburg).
von Josef-Johann Wieder Kontakt Profil

Als Bau- und Planungsdezernent war Bohm in Weiden (von 2010 bis zum 30. November 2016) stets bereit, neue Wege mitzugehen. Aufgrund der Personalknappheit in seinem Dezernat (immerhin rund 300 Mitarbeiter) machte er das Instrumentarium der vorhabenbezogenen Bebauungspläne hoffähig. Der Bahnfan wartete mit unorthodoxen Anregungen auf, darunter mit der Idee, das viel zu kleine und starksanierungsbedürftige Rathaus auf das Bahnhofsareal zu verlegen, oder die Naabwiesen für lukrative Wohnbebauung freizuräumen.

Auch nach seiner überraschenden Kündigung im Oktober 2016, über deren Hintergründe er seitdem beharrlich schwieg, blieb Bohm in Weiden und war damit ein gesuchter Ansprechpartner. Nun ist der 58-Jährige ins 400 Kilometer entfernte Rathenow umgezogen.

ONETZ: Sie haben Weiden hopplahopp verlassen.

Hansjörg Bohm: Ganz so wild war´s nicht. Es ist ja auch schon ein paar Monate her. Seit August leite ich das Dezernat IV im Landkreis Havelland. Das ist der westliche Teil der brandenburgischen Mittelmark, zwischen der Altmark in Sachsen-Anhalt und der Bundeshauptstadt Berlin. Zu meinem Geschäftsbereich gehören die Untere Denkmalschutzbehörde, das Kataster- und Vermessungsamt samt Gutachterausschuss, das Bauordnungsamt, das Gebäude- und Immobilienmanagement samt Kreisbauhof sowie das Referat für Kreisentwicklung und Wirtschaftsförderung. Ganz ähnlich also wie in meiner Funktion als Weidner Bau- und Planungsdezernent.

ONETZ: Wie kam´s?

Hansjörg Bohm : Überraschend und recht schnell. Im Frühjahr 2019 las ich die Stellenausschreibung. Kurz vor Ostern schickte ich meine Bewerbung ab. Zwei Monate lang hörte ich aus dem Havelland nichts. Ende Juni wurde ich zum Vorstellungsgespräch geladen. Am 9. Juli hatte ich die Stellenzusage, und am 9. August zog ich in Rathenow ein. Das war der schnellste Umzug meines Berufslebens. Am 12. August, einem Montag, trat ich meinen Dienst an.

ONETZ: Sie sind gelernter und praktizierender Stadtplaner, auch Bahnexperte. Was verschlägt Sie in eine Landkreisverwaltung?

Hansjörg Bohm : Gute Frage. Eigentlich gibt´s für meinen Berufsstand in einem Landkreis nichts zu tun, von Flächennutzungsplan-Genehmigungen einmal abgesehen. Stadt- und Bauleitplanung läuft ja in Städten und Gemeinden. Aber das Havelland ist etwas Besonderes. Erstens ist die Kreisentwicklung und die Wirtschaftsförderung mit dabei. Beides habe ich immer als unverzichtbaren Teil räumlicher Entwicklungsplanung gesehen – da wirkt die hohe Regensburger Schule nach, die ich in den Neunzigerjahren genoss. Zweitens gibt´s im Havelland ein Güterverkehrszentrum, das expandieren will. Drittens entwickelt der Landkreis auf dem ehemaligen Rangierbahnhof Wustermark einen Bahn-Technologie-Campus. Und viertens gehört ihm mehrheitlich ein Schienenverkehrs-Unternehmen, die Havelländische Eisenbahn. Muss ich noch mehr sagen?

ONETZ: Das erklärt einiges. Sind Sie dort inzwischen "angekommen"?

Hansjörg bohm : Unbedingt. Längst habe ich meine neue Heimatstadt Rathenow schätzen und lieben gelernt, auch wenn ich bei weitem noch nicht alle Ecken kenne. Das versuche ich mit regelmäßigen Wochenend-Spaziergängen nachzuholen, so wie seinerzeit in Weiden. Rathenow ist mit 25.000 Einwohnern etwa so groß wie meine Geburtsstadt Öhringen, nur gut halb so groß wie Weiden, aber viel urbaner. Ganze Straßenfluchten drei-, viergeschossige Gründerzeit. In einer dieser Straßen liegt meine schöne Wohnung, übrigens nur gut fünf Fußminuten vom Kreishaus entfernt. Auch viel Wiederaufbau-Architektur in noch größeren Formaten aus der DDR-Zeit, inzwischen bestens durchsaniert. Rathenow wirkt durch seine städtebauliche Substanz viel größer, als es tatsächlich ist – fast schon großstädtisch. Und das, obwohl die historische Altstadt kriegsbedingt fast völlig verschwunden ist. Sicher liegt das am enormen Aufschwung, den Rathenow ab Anfang des 19. Jahrhunderts mit der optischen Industrie nahm. Eulen nach Athen, Kohlen nach Newcastle, Brillen nach Rathenow tragen ...

ONETZ: Aber Ihre neue Heimat ist nicht nur die Stadt, sondern auch das flache Land.

Hansjörg Bohm: Und wie. Das „Land“ im Havelland fasziniert mich nicht minder. Von Bahn und Straße aus sieht man oft kein einziges Haus, weil die Dörfer weit auseinander liegen. Mit weniger als 100 Einwohner pro Quadratkilometer ist Brandenburg noch dünner besiedelt als das ebenfalls nicht gerade „dichte“ Bayern. Im Unterschied zu unseren krummen Haufen- oder Weilerdörfen sind die Dorfstraßen gerade, breit, manchmal angerförmig mit mehrreihigen Alleen angelegt. Da spürt man die mittelalterliche Ostsiedlung. Nicht nur Städte, sondern auch Dörfer waren großzügig geplant. Die Mark, ein Land mit anderem Maßstab.

ONETZ: Sie klingen begeistert. Sehen Sie keine Probleme, die der Lösung harren?

Hansjörg Bohm: Nennen wir´s „Herausforderungen“. Die vielleicht größte ist das strukturelle Ost-West-Gefälle im Landkreis. Im Osten der Berliner Speckgürtel mit anhaltender Stadt-Umland-Zuwanderung bei Wohnen und Gewerbe, niedrige, fast bayerische Arbeitslosenquote, gute Verdienstmöglichkeiten, aber bereits Anzeichen von Wachstumsstress. Was passiert mit den letzten Freiflächen? Werden die auch noch zugesiedelt? Der Pendlerverkehr verstopft hoffnungslos die B 5. Werden stattdessen die Schienenstrecken nach Berlin ausgebaut? Anders dagegen die Mitte und der Westen. Deutlich höhere Arbeitslosenquote, schlechter bezahlte Arbeitsplätze, Abwanderung vor allem aus den Dörfern. Wie ist dort die Grundversorgung zu halten – Lebensmittler, Bank, Schule, Arzt? Erklärtes Ziel des Landrats ist, diesen ländlichen Raum zu stärken, das Entwicklungsgefälle einzuebnen. Dabei möchte ich ihm helfen. So wird einem „Stadt“-Planer sozusagen ein „Land“-Planer.

ONETZ: Wie kommen Sie mit den Einheimischen klar?

Hansjörg Bohm: Mich überraschte, wie freundlich ich in der Kreisverwaltung und im Dezernat aufgenommen wurde. Unglaublich nette und hilfsbereite Kolleginnen und Kollegen, von Barrieren zwischen Brandenburgern und schwäbischem Zuwanderer keine Spur. Freilich werde ich noch viele Wochen, ja Monate brauchen, bis ich alle 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter allein aus dem eigenen Dezernat wirklich kenne. Mein Hauptziel in der jetzigen Einlern-Phase ist, Netzwerke zu knüpfen, vielen Menschen inner- und außerhalb der Kreisverwaltung zu begegnen, ihnen zuzuhören, ihnen viele Löcher in den Bauch fragen.

ONETZ: Was wird aus dem Güterverkehrszentrum Weiherhammer?

Hansjörg Bohm: Zusammen mit einer Wiesbadener Fachfirma seit brachte ich dieses Projekt seit 2010 auf den Weg, anfangs mit Weiden als Standort und, nachdem dieser sich als nicht machbar erwies, in Weiherhammer. Weitere geeignete Adressen legten wir zunächst beiseite. Es ist kein Geheimnis, dass ich nach meiner Kündigung bei der Stadt Weiden die Projektentwicklung für das Güterverkehrszentrum Weiherhammer freiberuflich weitertrieb. Bis Ende 2018 sah das ganz gut aus. Dann war eine grundlegende Konzeptanpassung notwendig, die auch die beiden Ansiedler, über die Sie kürzlich berichteten, zu berücksichtigen hatte. Beide – Güterverkehrszentrum und neue Unternehmen – hätten sich ideal ergänzt. Doch seit letztem Jahr gewann ich zunehmend den Eindruck, dass ein Güterverkehrszentrum in Weiherhammer nicht wirklich gewollt ist. Vielleicht war man deshalb an einem „Sowohl-als-Auch“ nicht interessiert. Auch griff bislang niemand besagte Standort-Alternativen auf. Das Ergebnis ist bekannt. Was soll´s – das Thema Schiene-Straße-Containerlogistik begegnet mir im Havelland wieder, hier in einer ganz anderen Liga und einschließlich Binnenschifffahrt.

ONETZ: Was sagen Sie zum NOC?

Hansjörg Bohm: Gegen Widerstände konkurrierender Projektentwickler, aber auch aus der Stadtverwaltung konnte ich den Standort Macerata-Platz / Dänner-Eck durchsetzen, welcher das „Scharnier“ zwischen westlicher und östlicher Innenstadt bildet. Rückblickend ein Kompliment an Sonae Sierra und an Fondara, die beide hier mitzogen. Baufortschritt und gelegentliche -pausen durfte ich fast täglich beobachten. Leider bekam ich die Eröffnung nicht mehr mit. Ich wünsche dem NOC den Erfolg, den es verdient, dass es die letzten Ladenlücken schnell schließt, dass es mithilft, Weiden als überregional attraktive Einkaufsstadt wieder qualitätvoll aufzustellen – auch und gerade wider den Zeitgeist der Einzelhandels-„Amazonisierung“.

ONETZ: Vermissen Sie Weiden?

Hansjörg Bohm: Teils, teils. Ganz sicher die werktägliche Nachmittags-Stammlokalrunde mit kontroversen, gerade darum höchst anspruchsvollen Disputen vorwiegend zu Geschichts-Themen. Ich nenne jetzt keine Namen. Ebenso die legendären Sommerfeste der Stadtgärtnerei und die Weihnachtsfeiern in der Bauhof-Kantine. Schließlich halten die Frauen und Männer an der Vohenstraußer Straße die Stadt am Laufen, sind daher das wahre Zentrum des Bau- und Planungsdezernats. Auch einige Exkolleginnen und -kollegen in der Kernverwaltung. Daneben gibt´s Etliche, ohne die ich bestens klarkomme. Ich nenne wieder keine Namen …

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.