29.06.2018 - 15:14 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Bossgegner aus Stahl

Das Internet ist eine reiche Quelle an Anleitungen für Hobby-Auto-Schrauber. Da kann man leicht auf den Gedanken kommen: Ist ja gar nicht so schwer, die Federn am Volvo 240 zu wechseln. Doch der Teufel steckt im Detail.

Der Volvo aufgebockt und ohne Feder hinten links.
von tow Kontakt Profil

Männer sind schon immer Duelle von existenzieller Bedeutung eingegangen: Kapitän Ahab gegen den weißen Wal, die Brüder Wright gegen die Schwerkraft, Asterix gegen Cäsar. Meine Nemesis war fünf Zentimeter lang, knapp einen Zentimeter dick und aus Stahl: Eine Schraube an meinem 30 Jahre alten Volvo 240.

Gemäß dem Motto vieler Hobby-Autoschrauber „Mangelndes Wissen und grenzenlose Selbstüberschätzung“ mache ich mich eines Tages auf, die ermüdeten hinteren Federn am alten Volvo zu tauschen. Neue waren schnell bestellt. Online-Shopping kann ich. Dann noch ein, zwei Youtube-Videos als Vorbereitung anschauen – diese Aktion wird ein Kinderspiel.

Vor dem Ausbau der Federn muss ich den Wagen aufbocken. Siehe da: Auch diese profane Tätigkeit ist Gelegenheit, etwas zu lernen. Zum Beispiel: Nicht jede Stelle am Unterboden eines alten Volvos, die ausschaut, wie ein Stahlträger, ist ein solcher. Ab und zu handelt es sich dabei nur um eine dünne Lage Blech, die sich unter mehreren Zentimetern Unterbodenschutz als Stahlträger tarnt. Der Wagenheber fällt auf diese Tarnung allerdings leider nicht herein – das Blech verliert.

Diese Aktion bringt mir einen unplanmäßigen Aufenthalt in der Werkstatt meines Vertrauens ein. Mit dem milden Lächeln eines Mannes, der des Öfteren die Fehler von Dilettanten ausbügelt, zückt der Mechaniker das Schweißgerät und verschließt das Loch am Unterboden.

Zurück zu den Federn. Die sind auf jeder Seite unten mit je einer Schraube fixiert. Die zugehörigen Muttern waren 30 Jahre lang Regenwasser und Streusalz ausgeliefert. In weiser Voraussicht habe ich deswegen einen Mutternsprenger besorgt, ein Werkzeug, dass dafür gebaut ist, vergammelten Muttern den Garaus zu machen. Problem: Der Mutternsprenger ist „Made in China“, Schraube und Mutter „Made in Sweden“. Nach zwei Versuchen ist das Werkzeug hinüber. Die Mutter hat nur einen kleinen Kratzer.

Glücklich ist, wer Nachbarn hat, die handwerklich fit und gut ausgerüstet sind. Einer sieht meine bemitleidenswerten Mühen und bringt mir seinen elektrischen Fuchsschwanz samt Bimetall-Sägeblatt. Letzteres hat 30 Sekunden später das Zeitliche gesegnet. Ist das ein sarkastisches Lachen aus Richtung der Schraube? Warum muss ich auch einen alten Volvo fahren? Die gleiche Schraube an einem alten Alfa Romeo wäre beim Anblick dieser Säge zu braunem Staub zerfallen.

Wenn nichts anderes hilft, braucht man für den Bossgegner die ultimative Waffe: König Artus‘ Schwert, Bud Spencers Faust, einen Winkelschleifer, im Volksmund auch „Flex“ genannt. Besonders praktisch wäre da einer mit Akku – denke ich mir. Im Baumarkt werde ich fündig. Die Urgewalt einer Flex ohne Kabel? Ein Traum. Aus dem ich schnell erwache. Nach wenigen Umdrehungen an der Schraube steht die Trennscheibe stets still. Die Kraft des Akku-Geräts reicht nicht aus.

Es gibt Momente, da will man nicht mehr. Momente, in denen einem der Gedanke, Bus zu fahren, plötzlich gar nicht mehr so schlimm vorkommt. Doch dann kommt der Widerwille. Dann dreht der Kapitän Ahab in uns allen zurück auf Kurs offene See, um Moby Dick einmal mehr nachzusetzen. Ich hole eine vorsintflutliche Flex aus dem Keller und verlege ein Verlängerungskabel durch die halbe Nachbarschaft. Dann geht es in den Endkampf. Zehn Minuten später ist die erste Schraube Geschichte. Ich muss sie ober- und unterhalb des Längsträgers durchschneiden und dann raushämmern. Egal. Ich habe gewonnen, habe mich nicht in die Knie zwingen lassen.

Die neuen Federn sind in nicht einmal 20 Minuten eingebaut. Ein souveränes Lächeln umspielt meine Lippen. Wusste ich doch, dass die Aktion ein Kinderspiel wird.

Die alten, ermüdeten Federn sind aus-, neue Federn eingebaut. Und das Heck hängt nicht mehr runter.

Schraube und Beilagscheibe sind eine untrennbare Einheit eingegangen.

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Kommentare

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Siegfried Götz

Geile Geschichte. Bitte mehr davon, Käpt'n Ahab :-)

02.07.2018
Dominik Wenz

Klasse Artikel! Ein paar schöne Lacher am Sonntagmorgen, danke dafür (:

01.07.2018

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