30.11.2020 - 14:29 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Corona: Weidener Weihnachtsaktion für Bedürftige gestrichen

Nun auch noch das. Wegen der Coronapandemie muss die Stadt Weiden die Weihnachtsaktion für Bedürftige abblasen. Ersatzlos. Rund 900 notleidende Bürger gehen heuer leer aus.

Normalerweise bekommen Bedürftige ihre Weihnachtsspende nach persönliche Vorsprache im Rathaus. Doch die ist heuer nicht möglich.
von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Anfang der 1970er Jahre schlüpfte Oberbürgermeister Hans Bauer in die Rolle des Weihnachtsmanns. Seine Absicht: Bedürftige Weidener sollen sich zum großen Fest über ein ebenso schönes wie nützliches Geschenk freuen dürfen – ein Paket mit Grundnahrungsmitteln. Mehr als 30 Jahre sammelte die Stadt dafür regelmäßig Spenden. Seit der Amtszeit von Oberbürgermeister Kurt Seggewiß gibt es alle Jahre wieder Geldspenden in bar statt Lebensmittelpakete. Doch sein Nachfolger muss nun eine bittere Entscheidung verkünden: Die Weihnachtsaktion der Stadt fällt heuer aus. Ersatzlos.

Auch der Christkindlmarkt findet nicht statt

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Grund ist erneut die Coronapandemie – und das bürokratische Prozedere der Weihnachtsaktion. Die Auszahlung der Spende erfolgte stets nach persönlicher Vorsprache auf Antrag, die Bedürftigkeit musste nachgewiesen werden. Jährlich kamen dazu 900 Betroffene ins Neue Rathaus. Die Stadt erläutert die Gründe, weshalb das in diesem Jahr nicht möglich ist:

  • Das Rathaus schränkt den Publikumsverkehr ein. Die persönlichen Vorsprache mit Antragsaufnahme sei im erforderlichen Umfang angesichts der hohen Corona-Infektionszahlen nicht möglich, informiert Stadtsprecherin Roswitha Ruidisch. "Zum Schutz aller sind Kontaktbeschränkungen auch im Parteiverkehr notwendig."
  • Von einer Auszahlung an alle Bedarfsgemeinschaften sei aus datenschutzrechtlichen Gründen abzusehen. Ruidisch präzisiert: Ein Austausch der streng geschützten Sozialdaten zum Zweck einer Spendenausreichung aus datenschutzrechtlichen Gründen sei zwischen Behörden grundsätzlich nicht möglich. Daher müssten die Spendenempfänger im Rathaus ihre Bescheide etwa des Jobcenters vorlegen.
  • Das Spendenvolumen sei zudem für eine pauschale Überweisung an alle bedürftigen Bürger nicht ausreichend.

Worauf genau müssen die Betroffenen verzichten? Seit 2012 gab es bei der Weihnachtsaktion 20 Euro für jeden Erwachsenen und 25 Euro für jedes Kind in einer Bedarfsgemeinschaft. Knapp 1000 Kinder und Jugendliche wären theoretisch für diese Art von Geschenk infrage gekommen – so viele leben nach einer Statistik der Bundesagentur für Arbeit in Weidener Bedarfsgemeinschaften. Erfreulich dabei: 2020 sind es laut Ruidisch rund 70 Unter-18-Jährige weniger als noch 2018.

In einer Stellungnahme bedauert OB Jens Meyer, dass die diesjährige Aktion ausfallen muss: "Ich bitte alle Bürgerinnen und Bürger um Verständnis für diese Entscheidung, die uns sehr schwer gefallen ist. Spenden werden in diesem Jahr nach Möglichkeit an Projekte der freiwilligen, sozialen Kinder- und Jugendarbeit sowie an Initiativen der Obdachlosigkeit gehen. Damit wird die Stadt Weiden auch die Schwächsten zu Weihnachten unterstützen.“

Um eine Art Ersatz bemüht sich Stadtrat Ali Zant (Grün.Bunt.Weiden): mit einer "kleinen Spendenaktion". "Da dieses Jahr finanzielle Zuwendungen der Stadt Weiden für finanziell schwache Familien gestrichen wurden und die Armut in Weiden steigt, sammle ich Geschenke für Kinder, die auf die Tafel Weiden/Neustadt angewiesen sind", kündigt er an. Wer dafür spenden möchte, könne ihm ab sofort jeden Samstag von 10 bis 12 Uhr die Spende im Bürgerbüro der Linken, Braunmühlstraße 6, vorbeibringen. Bevorzugt seien Spielzeug, gerne auch gebraucht aber funktionsfähig, und haltbare Süßigkeiten. Von anderen Lebensmitteln und kaputten Gegenständen bittet er abzusehen.

Ende der Aktion ist der 19. Dezember. Zwei Tage später übergibt Zant die Sachen der Tafel, welche die Verteilung übernimmt. "Geschenke können dort von bezugsberechtigten MitbürgerInnen, bevorzugt mit Kindern in der Familie, abgeholt werden", erklärt der Stadtrat. "Ich denke, dass so vielen finanziell schlecht gestellten Kindern geholfen werden kann." Sein Aufruf verhallt nicht ungehört: Drei Privatpersonen hätten bereits gespendet. Zudem leerte eine Ergotherapie-Praxis ihre Kaffeekasse – und kaufte für 230 Euro hochwertige Spielwaren.

Serie zur Armut in Weiden

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