11.06.2019 - 18:26 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Armut in Weiden und im Landkreis Neustadt hat viele Gesichter - Serie

Von Armut sind rund 16 Prozent der Menschen bedroht. Hoch ist das Risiko für Menschen über 65, Junge und Alleinerziehende. Wie zeigt sich Armut in Weiden und dem Landkreis, was bedeutet sie für die Betroffenen? Wir starten eine Serie.

Andrea Gebhard (links) ist Frührentnerin in Weiden, das Ehepaar Franz und Jaroslava Kraus lebt in Waidhaus von neun Euro am Tag, Susanne Menzel zieht in Weiden alleine drei Töchter groß. Sie geben in in unserer Serie in den nächsten Tagen Einblick in ihr Leben mit wenig Geld. Bilder: Gabi Schönberger (2) / Sonja Kaute (1)
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Armut hat viele Gesichter. Man kann sie durch Daten und Statistiken sichtbar machen, sie zeigt sich an Orten wie Kleiderkammern und Lebensmittelausgaben und natürlich in Einzelschicksalen. In Bayern sind über 200 000 Menschen auf Lebensmittelspenden angewiesen, darunter fast 50 000 Rentner. Die Zahl der Bedürftigen ist allerdings noch größer, wie Josef Gebhardt, Vorsitzender der Tafel Weiden – Neustadt, weiß. Er hat mit diversen Kundengruppen zu tun: Langzeitarbeitslose, Menschen mit Krankheits-, Unfall- oder Trennungs-Geschichten, Rentner, Sozialhilfeempfänger, Asylbewerber. Er spricht von verschämter Armut. „Die Menschen beantragen zum Teil kein Wohngeld oder keine Grundsicherung, weil sie sich schämen oder in den Ämtern zu schnell abgewimmelt werden.“

Vor Jahren habe die Tafel erhoben, wie viele Menschen in Weiden und dem Landkreis Hartz IV und Sozialhilfe bekommen. „Davon kamen höchstens 60 Prozent zu uns. Vor allem alleinstehende Seniorinnen schämen sich. Sie müssen erst mehrere Male zu uns kommen, bevor sie das überwunden haben. Sie gehören zu der Generation, die gelernt hat, dass man mit dem, was man hat, auskommen muss.“ Oft sei es so, dass ein Abholer mit anderen über die Tafel spricht und sich diese erst dann trauen, ebenfalls hinzugehen. Viele der Tafel-Kunden können genau sagen, wie viel Geld sie am Tag ausgeben können, damit es bis zum Monatsende reicht. „Manche Kunden sind ein Mal in der Woche da, manche drei Mal“, erzählt der Tafel-Leiter.

Andrea Gebhard aus Weiden lebt von einer Erwerbsminderungsrente sowie Grundsicherung. In einem weiteren Teil unserer Serie geht es um sie.
Weiden in der Oberpfalz

1400 Abholer in 2018 an der Tafel

Drei Ausgabe-Tage gibt es. Ein Abholer besteht im Schnitt aus 2,5 Personen. „Das kann ein Ein- oder ein Zehn-Personen-Haushalt sein“, so Gebhardt. Somit leben deutlich mehr Menschen von den Lebensmitteln, als es Abholer gibt. Beispiel: Im Jahr 2018 wurden in Weiden und im Landkreis 33 676 Lebensmittelkörbe an knapp 1400 Abholer ausgegeben. Damit wurden 1966 Erwachsene und 1112 Kinder versorgt (siehe Grafik). Der Anteil der Kinder unter den Menschen, die von den Lebensmitteln der Tafel leben, hat stark zugenommen. 2013 waren es „nur“ 451 Kinder. Alleinerziehende gelten neben älteren Frauen als besonders armutsgefährdet. Seit zwei Jahren unterstützt die Tafel daher gezielt Kinder mit Büchern, Schultaschen sowie Gutscheinen für Schulmaterial. Erst kürzlich ging eine Spende von 600 Kinderbüchern ein.

So hat sich die Zahl der Abholer an der Tafel Weiden - Neustadt seit 2013 entwickelt.

Andrea Gebhard aus Weiden gehört zu den langjährigen Tafel-Kunden. Aus gesundheitlichen Gründen bezieht die 49-Jährige eine volle Erwerbsminderungsrente und stockt diese mit einer Grundsicherung auf. Sie findet: „Die Tafeln werden von der Regierung zu wenig unterstützt. Die Weidener Tafel muss bis auf die Kaltmiete alles Geld selber einbringen. Die Leute da arbeiten echt hart. Denen wird nichts geschenkt.“ Auch ein 72-Jähriger aus der ehemaligen Sowjetunion ist seit zehn Jahren Kunde. „Die Mitarbeiter hier sagen einem auch mal was Gutes. Wenn es einem nicht so gut geht, wird man wieder aufgebaut. Das ist ganz wichtig für arme Leute“, sagt er.

Franz und Jaroslava Kraus leben in Reichenau (Waidhaus) von nur neun Euro am Tag. In unserer Serie geben sie einen Einblick in ihren Alltag.
Reichenau bei Waidhaus

"Ich war früher gut situiert"

Eine ebenfalls langjährige Kundin der Weidener Tafel ist eine 72-jährige, adrett gekleidete Dame. „Ich war durch meinen Ehemann früher gut situiert“, erzählt sie. Als er verunfallte, habe sie geputzt, um Geld zu verdienen. Dann sei sie selbst verunglückt. „Es ging nichts mehr. Ich habe heute gar nichts.“ Im Schnitt bekommen Frauen 50 Prozent weniger Rente als Männer. Seniorinnen, die von nur einem Einkommen leben, sind besonders von Armut bedroht. So kaufen bei der Tafel nach Gebhardts Einschätzung mehr Frauen als Männer ein. Ihre Rentenhöhe sei manchmal erschreckend. Er habe schon Bescheide über 360 Euro gesehen.

Altersarmut sei eine besonders schwerwiegende Form von Armut, heißt es im Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbandes. „Anders als andere Gruppen betroffener Menschen haben ältere Menschen keine Aussichten, aus eigener Kraft im weiteren Lebensverlauf höhere Einkommen zu erzielen. Armut im Alter bedeutet für die Betroffenen Armut fast immer lebenslänglich.“

Susanne Menzel aus Weiden hat drei Töchter. Sie hofft, bald wieder arbeiten zu können und stellt ihren Alltag in unserer Serie vor.
Weiden in der Oberpfalz
Info:

Armut in Weiden und dem Landkreis Neustadt

Wie viele Menschen in Weiden arm sind, könne die Stadt Weiden aufgrund fehlender Daten nicht benennen, heißt es in einer schriftlichen Antwort an Oberpfalz-Medien. Wohl aber gibt es Angaben dazu, wie viele Menschen eine Grundsicherung beziehen:

Im Landkreis Neustadt bezogen im April 2019 nach Angaben des Landratsamtes 529 Personen Grundsicherung im Alter oder bei Erwerbsminderung (250 Frauen, 529 Männer). Fünf Jahre zuvor waren es 512 Personen.

Laut Amt für Soziales der Stadt Weiden beziehen derzeit 650 Bedarfsgemeinschaften Leistungen der Grundsicherung im Alter beziehungsweise wegen Erwerbsminderung auf Zeit (länger als sechs Monate erwerbsgemindert). Eine Bedarfsgemeinschaft könne dabei aus mehreren Personen bestehen. Genaue Personendaten gebe es nicht. 260 der 650 Bedarfsgemeinschaften bestehen aus alleinstehenden Frauen.

Laut Jobcenter (zuständig für Arbeitssuchende in Weiden, Landkreis Neustadt und Tirschenreuth) bezogen Ende Januar 2019 5203 Personen (2542 Männer, 2661 Frauen) Leistungen zur Grundsicherung nach dem SGB II, davon 2050 Personen unter 25 Jahren. Vor zehn Jahren seien es 7851 Personen gewesen – ein Rückgang um fast 51 Prozent.

Die Stadt Weiden schätzt, 75 Prozent der Leistungsbezieher seien Rentner, Menschen im Rentenalter oder mit einer dauerhaften Erwerbsminderung.

Info:

Tafel Weiden – Neustadt: Die wichtigsten Zahlen

In den Ausgabestellen der Tafel Weiden – Neustadt (Weiden, Rothenstadt, Mantel, Floß, Vohenstrauß) arbeiten fast 80 Menschen: 70 Ehrenamtliche, 8 vom Jobcenter Geförderte, 1 Angestellte. Derzeit spenden rund 60 Firmen und Filialen Lebensmittel und Gegenstände für den Flohmarkt. „Es geht um den Lebensmittel-Überschuss“, betont Tafel-Leiter Josef Gebhardt: Die Tafel gibt Lebensmittel weiter, die sonst im Müll landen würden.

Die Kundschaft:

- 24 Prozent Rentner

- 23,5 Prozent Minderjährige

- fast 20 Prozent Alleinerziehende

- Von den Abholern in Weiden und dem Landkreis wurde 2018 ein Drittel in Deutschland geboren, ein Drittel sind Flüchtlinge und ein Drittel sind Menschen aus den GUS-Staaten.

- Kunden müssen einen Einkommensbescheid und Ausweis vorlegen. Für die Laufzeit des Bescheides bekommen sie eine Abholkarte. Je nach Anzahl der Personen im Haushalt bekommen sie Lebensmittelkörbe für zwei Personen (2 Euro), drei bis vier Personen (2,50 Euro) oder fünf Personen (3 Euro).

- Am Monatsende kommen Gebhardt zufolge in Weiden bis zu 250 Kunden pro Ausgabetag.

- Die Tafel ist auf Spenden angewiesen und sucht Ehrenamtliche für die Ausgabe, das Sortieren der Lebensmittel und als Fahrer.

Info:

Armut in Deutschland und Bayern: Die wichtigsten Kennzahlen

Jede sechste Person (16,1 Prozent der Bevölkerung, rund 13,1 Millionen Menschen) waren 2017 in Deutschland von Armut bedroht. Das teilte das Statistische Bundesamt im Oktober 2018 mit. In Bayern liegt die Armutsrisikoquote nach Angaben von VdK-Bezirksgeschäftsführer Christian Eisenried bei der Armutskonferenz in Regensburg Mitte April derzeit bei 14,9 Prozent. In der Oberpfalz liege die Quote bei 16,1 Prozent. Das sei der dritthöchste Wert in Bayern.

Eine Person gilt als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 Prozent des mittleren Netto-Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt (mit Berücksichtigung von Renten, Einkommen aus Vermögen und Sozialtransfers). Mittleres Einkommen heißt nicht Durchschnitt, sondern dass es genauso viele Menschen gibt, die mehr verdienen, wie Menschen, die weniger verdienen (Median). Die Berechnung berücksichtigt bereits unterschiedliche Haushaltsstrukturen (Anzahl und Alter der Personen). 2017 lag der Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland bei 1096 Euro im Monat, für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2302 Euro.

Laut Statistischem Bundesamt gelten auch Personen als von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, wenn der Haushalt von erheblicher materieller Entbehrung betroffen ist. Das traf 2017 auf 3,4 Prozent der Menschen in Deutschland zu. Weil ihnen die finanziellen Mittel fehlen, können sie beispielsweise ihre Miete, Hypotheken oder Versorgungsleistungen nicht bezahlen, ihre Wohnungen nicht heizen, nicht jeden zweiten Tag Fleisch oder Fisch essen oder sich eine Woche Urlaub pro Jahr leisten.

Ein hohes Armutsrisiko betrifft Alleinerziehende: Die Risikoquote für diese Gruppe lag im Jahr 2015 bei 36,7 Prozent (Quelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder). Stark gefährdet sind außerdem Frauen über 65 Jahre. Hier lag die Armutsgefährdungsquote laut Statistischem Bundesamt 2017 bei 19 Prozent (Männer: 14,9).

Die Armutsgefährdungsquote ist die am häufigsten verwendete Maßzahl, aber es gibt daran auch Kritik. Diese bezieht sich vor allem auf die Festlegung der 60-Prozent-Linie. Würden sich die Einkommen gesamtgesellschaftlich erhöhen oder verringern, hätte dies nämlich keinen Einfluss auf das Armutsrisiko.

Fast jedes vierte Kind wächst in Deutschland in einem armen Haushalt auf, wie eine im Mai vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung veröffentlichte Studie zeigt. Die Armutsrisikoquote von unter Zehnjährigen hat sich demnach seit 1996 fast verdoppelt.

Laut Statistik der Deutschen Rentenversicherung betrug der durchschnittliche Rentenzahlbetrag Ende Dezember 2017 in Deutschland 1018 Euro (Männer) beziehungsweise 630 Euro (Frauen).

Laut Prognosen des VdK wird im Jahr 2030 jeder vierte Rentner in Deutschland von Armut bedroht sein.

„Verdeckte Armut“: Niemand weiß, wie hoch der Anteil bedürftiger Menschen ist, die zum Beispiel aus Scham die ihnen zustehenden Leistungen nicht beanspruchen.

Info:

Serie zum Thema

Weil Armut auch ein Thema in unserer Region ist, wollen wir weiter darüber berichten. In drei weiteren Artikeln stellen wir in den nächsten Tagen Menschen aus Weiden und dem Landkreis Neustadt vor, die am Existenzminimum leben.

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