12.07.2019 - 16:59 Uhr
Neustadt an der WaldnaabOberpfalz

Serie "Gesichter der Armut": "Das Alleinsein macht einen kaputt"

Bis vor Kurzem hatte sie keine funktionstüchtige Küche. Ihren Müll kann sie nicht aus der Wohnung bringen, weil sie kaum gehen kann. Sie hat 300 Euro im Monat zum Leben, abzüglich Stromkosten. Teil sechs unserer Serie "Gesichter der Armut".

Das Bett in ihrer Wohnung ist der Mittelpunkt im Alltag einer Frau aus dem Landkreis Neustadt, die namentlich nicht genannt werden möchte. Sie ist schwer gehbehindert, kann sich nur unter Schmerzen bewegen und lebt in ärmlichen Verhältnissen.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Ein Gesicht zu dieser Geschichte gibt es in diesem Teil unserer Serie nicht zu sehen, auch wenn die Serie den Titel "Gesichter der Armut" trägt. In diesem Fall geht der Schutz der Person, über die wir berichten, vor. Die Frau aus dem Landkreis Neustadt hat sich bei Oberpfalz-Medien gemeldet, weil sie erzählen möchte, wie es ist, in Armut zu leben. Wir nennen sie Doris, obwohl sie in Wahrheit anders heißt. Ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt. Doris ist Ende fünfzig.

Doris ist zu 70 Prozent gehbehindert. Eine Erhöhung dieses Status' ist beantragt. Bewegen kann sie sich kaum und nur unter Schmerzen. Die Arthrose sitzt in den Knien, der Hüfte und den Schultern. Selbst in ihrer kleinen Wohnung fällt es ihr schwer, sich fortzubewegen. Hinzu kommen ein manchmal auftretender, unerklärlicher Schwindel, wegen dem sie mehrfach gestürzt ist und sich die Rippen gebrochen hat. Sie hat eine schwere Diabetes. Drei Mal am Tag kommt Pflegepersonal vorbei, um insgesamt fünf Spritzen zu setzen. Ihre Schilddrüse und Nebenschilddrüse waren von einem bösartigen Tumor befallen. Die Operation ist inzwischen erfolgt, musste aber mehrfach wegen anderer gesundheitlicher Probleme verschoben werden. Doris wurde Pflegestufe zwei anerkannt. Wenn ihr Körper besonders heftig streikt, kann sie nur noch um fast 90 Grad gebückt stehen und laufen. Selbst putzen muss sie manchmal so gekrümmt. Ihr Bett ist ihr Lebensmittelpunkt. Um das Möbel herum liegen die wichtigsten Gegenstände, die sie im Alltag braucht: ihr Telefon, ein Heft mit Kreuzworträtseln, eine Fernbedienung, Medikamente, etwas zu trinken, Traubenzucker, ein Müllbeutel, eine Krücke und ein Stoffhund.

300 Euro zum Leben, abzüglich Stromkosten

Viel ist das nicht. Doris bezieht Hartz IV. Etwas mehr als 700 Euro bekommt sie. Das bestätigt ein schriftlicher Bescheid vom Jobcenter. Abzüglich Miete und einem Darlehen (900 Euro für Möbel und eine Waschmaschine sowie 670 Euro Kaution für ihre Wohnung), das sie monatlich mit 120 Euro ans Amt zurückzahlt, bleiben ihr rund 300 Euro. Davon muss sie 50 Euro Stromkosten, Zuzahlungen für Medikamente und medizinische Utensilien bezahlen und ihr Handy-Guthaben aufladen. Ihr Handy ist ihre wichtigste Kontaktmöglichkeit. Sie habe gerade eine Rechnung über 180 Euro für dringend benötigte Sanitärartikel bekommen, erzählt sie. "Die kann ich nicht bezahlen." Von Zuzahlungen befreit ist sie nicht. "Die Armut ist gar nicht das größte Problem", sagt Doris trotz dieser Umstände. "Aber die Einsamkeit. Das Alleinsein macht einen kaputt."

Weiden in der Oberpfalz

Sie erzählt aus ihrem Lebenslauf. Als Doris zum ersten Mal schwanger war, war sie Mitte zwanzig. Das ist jetzt mehr als 30 Jahre her. Der Kindsvater, so sagt sie, verließ sie während der Schwangerschaft. Ihre Mutter habe sie damals unterstützt, damit sie arbeiten gehen kann. Und das tat sie in einer Fabrik, 17 Jahre lang. Rund sechs Jahre davon ging sie nach Feierabend zusätzlich putzen. "Ich wollte nie von jemandem abhängig sein", erzählt sie. Es sei schlimm, heute so auf die Behörden angewiesen zu sein.

"Habe 17 Jahre lang nur funktioniert"

Doris lernte mit ungefähr Mitte dreißig ihren künftigen Ehemann kennen. Zwei Söhne hat sie mit ihm, um die sie sich fortan gekümmert habe. Eigentlich wären es drei gewesen. Ein Baby starb einen Tag vor der Entbindung. 18 Jahre ist das her. Verwunden hat die Frau dieses Ereignis bis heute nicht. "Ich hatte überhaupt keine Zeit zum Trauern", sagt sie mit Verweis auf die beiden anderen Söhne, die damals noch klein waren. "Ich habe 17 Jahre lang nur funktioniert und niemanden zum Reden gehabt." Heute habe sie zu ihren Söhnen und dem Ehemann keinen privaten Kontakt mehr.

Vor rund zwei Jahren habe ihr eine Verwandte geholfen, aus ihrem Zuhause zu flüchten. Aus Angst, dass ihr dort etwas angetan werden würde. Die Ehe war gekippt, auch das Verhältnis zu ihren Söhnen. Doris landete im Frauenhaus. "Ich bin nur mit dem gegangen, was ich am Leib hatte", sagt sie. Nicht einmal Zugang zu Geld habe sie gehabt, weil sie während der Ehe nie eine Kontovollmacht oder ein eigenes Konto gehabt habe. Eine Wohnung für sie zu finden, schien unmöglich. Heute hat sie, ihrer Aussage nach ohne eigene Schuld, 25000 Euro Schulden. Doris meldete Privatinsolvenz an. Die Schulden sind für sieben Jahre stillgelegt.

Im Frauenhaus brachen plötzlich alte Wunden auf. Am Todestag ihres Babys bricht Doris zusammen. "Ich dachte, ich pack's dieses Jahr nicht. Obwohl das schon so lange her war." Wegen Suizidgefahr verbringt sie freiwillig zehn Tage in der geschlossenen Psychiatrie.

Weg zur Tafel zu teuer

Vor zwei Jahren zog sie endlich in eine günstige Mietwohnung im Landkreis Neustadt. Bis vor wenigen Wochen hat sie in ihren zwei Zimmern mehr gehaust, als gewohnt. Ihre einfache Küche stand 14 Monate lang nicht funktionstüchtig in ihrer Wohnung, weil sie sie selbst nicht aufbauen konnte. "Ich habe seit fast zwei Jahren nichts Warmes mehr gegessen", sagt sie. Der Müll stapelte sich auf dem Balkon, weil sie ihn nicht die Treppe runtertragen konnte. "Wie soll das gehen? Ich muss eine Krücke mitnehmen, mich am Geländer festhalten und dann noch den Müll tragen..." Als sie wieder einmal stürzte und ins Krankenhaus musste, lernte sie dort einen Mann kennen, der ihr half. "Er hat mir die Küche vor wenigen Wochen aufgebaut und ist schon zwei Mal von seinem Geld für mich einkaufen gegangen." Doris ist dankbar, aber richtig freuen will sie sich nicht. "Mir ist das peinlich."

Sie wäre berechtigt, zur Tafel zu gehen. Doch Doris weiß nicht, wie sie dort hinkommen soll. "Ich kann nicht zum Bus laufen und in den Bus einsteigen", sagt sie. "Und ein Taxi kostet hin und zurück 30 Euro. Für das Geld kann ich auch jemanden in den Supermarkt schicken."

Ob sie alle Möglichkeiten von amtlicher oder medizinischer Unterstützung ausgeschöpft hat, weiß Doris nicht. "Den Papierkram hat immer mein Mann gemacht." Briefe von offizieller Seite versteht sie nicht immer. Und die Betreuerin, die sich um solche Dinge kümmern sollte, arbeitet ihrer Aussage nach nicht zuverlässig, melde sich vielleicht einmal in einem viertel Jahr. Deshalb beschwerte Doris sich bei der zuständigen Organisation. Seitdem habe sich in den letzten Wochen ein bisschen was getan.

"Wofür bist du überhaupt noch auf der Welt?"

Seit Kurzem hat Doris eine Haushaltshilfe. Sie kommt einmal pro Woche zum Putzen, kauft für sie ein und trägt den Müll runter, den sie noch immer auf ihrem Balkon lagert. Es läuft auch ein Antrag auf Erwerbsunfähigkeitsrente. Vermutlich müsste Doris diese aufstocken. "Ich habe ja nur rund 20 Jahre gearbeitet." Als Doris im Krankenhaus lag und die Betreuerin nicht erreichbar gewesen sei, habe das Krankenhauspersonal entschieden: "Sie können so nicht nach Hause gehen. Wir nehmen Sie in die Kurzzeitpflege auf." Dort erkannte man, dass Doris psychologisch betreut werden sollte. Deshalb kommt jetzt seit Neuestem einmal pro Woche eine Psychologin zu ihr. Sie versuche, Doris zum Rausgehen zu animieren. Bisher ohne Erfolg, wegen der Treppe. Fast zwei Jahre hat es gedauert, bis diese Dinge nun angelaufen sind.

"Das Schlimmste ist, wenn ich den ganzen Tag alleine dasitze. Das macht einen seelisch kaputt", erzählt Doris. "Dann frage ich mich schon, wofür bist du überhaupt noch auf der Welt?" Dann denkt sie an die kleinen Verbesserungen der letzten Wochen und sagt leise: "Momentan geht's mir schon relativ gut."

Info:

Serie zum Thema Armut

Weil Armut auch ein Thema in unserer Region ist, haben wir ihr in einer Serie ein Gesicht gegeben, in Form von Kennzahlen und Einzelschicksalen. Dies ist der sechste Teil.

Weiden in der Oberpfalz
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