13.06.2019 - 16:52 Uhr
Reichenau bei WaidhausOberpfalz

Leben in Armut: "Ich habe richtig gut verdient"

Wenn die Temperaturen sinken, ist es kalt bei Franz und Jaroslava Kraus in Reichenau bei Waidhaus. Das Ehepaar kann nicht heizen, weil Geld fehlt. Es lebt von neun Euro am Tag. Teil drei der Serie zum Thema Armut von Oberpfalz-Medien.

Jaroslava und Franz Kraus, 69 und 59 Jahre alt, mit ihrem Kater Michel. Das Ehepaar lebt in Reichenau bei Waidhaus. Wenn es kalt ist, können sie aus Geldmangel ihre Wohnung nicht heizen.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Den Optimismus verlieren die beiden trotz allem nicht: „Wir sind voller Euphorie“, erzählt Franz Kraus aufgeregt. Seine 69-jährige Frau hatte kürzlich ein Vorstellungsgespräch. Nun hilft sie ein paar Tage im Monat in einer Backstube aus. Auch Franz Kraus freut sich: Das Jobcenter hat gerade zugesagt, für zwei Jahre die Lohnkosten des Arbeitgebers zu übernehmen, falls es Arbeit für ihn findet. „Damit hat ein Arbeitgeber so gut wie keine Unkosten. Das ist mehr als ein Hoffnungsschimmer“, sagt er. „Davon habe ich geträumt. Ab heute schlafe ich ruhiger. Die ganzen kleinen Schritte scheinen doch zum Erfolg zu führen.“

Wenn alles gut läuft, könnte er sich die Zahn-Operation leisten, die längst fällig wäre. Vielleicht könnte er die Sickergrube am Haus irgendwann instand setzen. Die 5 500 Euro, die investiert werden müssten, sind momentan ein utopischer Betrag. Es wäre damit aber längst nicht getan: Das Haus braucht einen Anstrich. Der Gasofen ist kaputt. Das Holz, mit dem sie ebenfalls heizen könnten, ist „knapp geworden“. Im Haus mit den 80 Zentimeter dicken Wänden helfen nur dicke Pullover gegen die Kälte.

„Habe richtig gut verdient“

Sollte Franz Kraus Arbeit finden, könnte er seinen Führerschein neu beantragen. Dann könnte er endlich der Tafel Weiden-Neustadt etwas zurückgeben. Das wäre ihm wichtig. „Ich wüsste nicht, wo wir ohne die Tafel wären“, betont er, und seine Frau stimmt zu. Seit sechs Jahren kauft das Ehepaar zwei Mal in der Woche seine Lebensmittel und das Futter für drei Katzen dort. „Wenn ich einen Führerschein hätte, würde ich der Tafel sofort meine Unterstützung anbieten“, so Franz Kraus.

Er wurde in Pleystein geboren und war in seinem früheren Leben Maschinenbauer in Schwandorf. „Ich war auf Montage und hatte Schichtdienst“, erzählt er. „Ich habe richtig gut verdient.“ 2005 jedoch erlitt er einen Schlaganfall, und danach kamen weitere schwere gesundheitliche Probleme hinzu. „Ich bin in ein Loch gefallen und war total verzweifelt“, erinnert er sich. „Auf einmal stürzt das ganze Leben ein, man hat keine Sicherheit und keine Zukunft mehr.“ Franz Kraus bezieht Hartz IV. Auch heute noch hat der 59-Jährige gesundheitlich zu kämpfen, aber aus dem tiefen Sumpf hat er sich mühevoll herausgeboxt. Deshalb möchte er versuchen, wieder in seinen alten Beruf einzusteigen. „Zum Beispiel als Schlosser-Helfer. Die Metallverarbeitung war mein Leben.“

Franz Kraus (59) war früher Maschinenbauer in Schwandorf, bis ihn ein Schlaganfall und Folgeerkrankungen aus dem Berufsleben rissen. Er hofft ebenso wie seine Frau Jaroslava Kraus (69), dass beide bald wieder arbeiten können.

Jaroslava Kraus ist gebürtige Slowakin. Aus politischen Gründen zog sie nach Tschechien und gleich nach der Grenzöffnung nach Deutschland. Sie war bereits ein Mal verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn. Ihr erster Ehemann starb. Die 69-Jährige arbeitete in einer Metzgerei und im Haushalt einer Familie. Sie erzählt von Mobbing und von einer Mitbewohnerin, die ihr eine zwölf Zentimeter lange Fleischgabel in den Bauch gerammt habe. Daraufhin sei sie ins Krankenhaus in Vohenstrauß eingeliefert worden. Als Jaroslava in den 1990er Jahren ihren Mann Franz traf, habe sie „sofort Schmetterlinge bekommen“. 1995 heiratete das Paar und lebte zunächst in Schirmitz zur Miete. Das Haus sei jedoch unter den Hammer gekommen, und das Ehepaar habe „von einem Tag auf den anderen“ ausziehen müssen.

Als Notlösung kamen sie im Haus eines Verwandten in Waidhaus unter. In dieser Notlösung leben die beiden nun seit elf Jahren. Sie zahlen 350 Euro Miete plus Strom im Monat. Es bleiben neun Euro pro Tag, für beide zusammen. Diesen Betrag kann Jaroslava, die eine Sozialrente bezieht, aus dem Stegreif nennen. Im Moment hofft die 69-Jährige auf eine Nebentätigkeit auf einem Bauernhof.

„Du gehörst nimmer dazu“

„Von Frühling bis Herbst ist es schön, hier zu wohnen“, sagt sie. „Aber im Winter ist es die Hölle. Wegen der Kälte, und weil ich Angst kriege, wenn ich im Winter Auto fahren soll, weil ich einmal einen schweren Unfall hatte.“ Ohne Auto wären die beiden aufgeschmissen: Busse fahren ab Waidhaus, und bis dahin sind es sechs Kilometer. In Reichenau fährt ein Schulbus. „Der darf keinen außer Schüler mitnehmen“, so Franz Kraus. Ohne Auto kämen sie nicht zur Tafel. „Ich vermisse mein Weiden“, seufzt Jaroslava, die sich in die Stadt verliebt hat. „Aber nicht, wenn man überlegt, wie viel die Miete da kostet“, mahnt ihr Mann.

Unterstützung von anderen Menschen bekommen Franz und Jaroslava Kraus kaum. Es fehlt an sozialen Kontakten. „Du gehörst nimmer dazu. Du bist ein schwarzes Schaf und bleibst es auch“, sagt er. Er sehe die Menschen inzwischen mit anderen Augen als früher. „Man muss durchhalten“, sagt seine Frau.

„Wenn wir mal was Schönes machen wollen, gehen wir im Nebenraum der Tafel auf den Flohmarkt“, sagt der 59-Jährige. Seine Frau flechtet Körbe, Brotkörbe und kleine Tabletts aus Papierfasern. Manchmal findet sie auf dem Flohmarkt Dinge, mit denen sie die Körbe dekorieren kann. Und sie sucht Spender, die weißes Papier abgeben, das sonst auf dem Müll landen würde. Daraus fertigt sie weiße Körbe. Früher sei sie unheimlich gerne schwimmen gegangen und habe sich im Theater Operetten angesehen, erinnert sie sich.

Das ganze Leben sei durch ihre Geldsorgen eingeschränkt, sagt Franz Kraus. Die beiden überlegen lange, wann sie zum letzten Mal auswärts Essen waren. „Das muss vor zwei Jahren gewesen sein. Da hat uns ein Bekannter eingeladen.“

Neustadt an der Waldnaab
Weiden in der Oberpfalz
Weiden in der Oberpfalz
Weiden in der Oberpfalz
Info:

Serie zum Thema Armut

Weil Armut auch ein Thema in unserer Region ist, wollen wir weiter darüber berichten. In einem weiteren Artikel stellen wir bald eine Alleinerziehende aus Weiden vor, die am Existenzminimum lebt und Einblick in ihren Alltag gewährt.

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