14.06.2019 - 14:15 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Serie "Gesichter der Armut": "Ich sehe keinen Grund, beschämt zu sein"

Drei Töchter hat Susanne Menzel aus Weiden. Weil das Geld knapp ist, geht sie zur Tafel. Schämen tut sie sich nicht. „Jeden kann es treffen“, sagt sie. Dies ist Teil vier der Serie zum Thema Armut von Oberpfalz-Medien.

Susanne Menzel (37) aus Weiden lebt von wenig Geld. Sie ist ausgebildete Altenpflegerin und hat eine Weiterbildung zur gerontopsychiatrischen Fachkraft absolviert. Seit zwei Jahren ist sie Kundin bei der Tafel Weiden - Neustadt, wo sie beim Aufbau des dortigen Flohmarktes mitgeholfen hat.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich die letzten zwei bis drei Jahre ohne die Tafel überstanden hätte“, erzählt die Weidenerin. Sie ist nicht nur Kundin, sondern auch Mitglied der Tafel Weiden – Neustadt. „Auch wenn ich mir nur einen Jahresbeitrag von zwölf Euro leiste, ist es mir wichtig, ein wenig zurück zugegeben.“ Sie engagierte sich ehrenamtlich beim Sortieren der Lebensmittel, am Einlass, als Fahrerin, im Büro und beim Aufbau des Flohmarktes an der Tafel. Derzeit macht sie eine Baby-Pause. Doch künftig möchte sie wieder helfen: „Bei der Tafel weiß ich, dass die Hilfe dort ankommt, wo sie benötigt wird.“

Menzel hat drei Töchter im Alter von fast 18, 10 und rund eineinhalb Jahren. Die erste kam, als die junge Mutter 19 Jahre alt war. Zwei Mal war sie verheiratet. Sie hat eine Ausbildung zur Altenpflegerin und eine Weiterbildung zur gerontopsychiatrischen Fachkraft absolviert. Seit zwei Jahren lebt sie von Hartz IV (724 Euro plus ihr zufolge 300 Euro Familiengeld, 588 Euro Kindergeld und 160 Euro Unterhaltsvorschuss). Ein bis zwei Mal pro Woche geht sie zur Tafel, die sie über das Jobcenter gefunden hat. „Ich habe wegen eines Berechnungsfehlers mehrere Monate lang keinen Cent bekommen“, sagt sie. „Die Tafel hat mein Leben gerettet.“ Eigentlich habe sie längst wieder arbeiten wollen. Als sie bemerkt habe, dass sie mit der dritten Tochter schwanger war, sei sie bereits im fünften Monat gewesen. „Eine Schwangere stellt keiner ein.“ Ihr „Nesthäkchen“ bringt sie seit März in eine Krippe. Susanne Menzel hofft, dass sie bald zumindest in Teilzeit wieder arbeiten kann.

Weiden in der Oberpfalz

Schätzlerbad als Luxus

„Finanzielle Herausforderungen sind für mich die Geburtstage der Kinder und Weihnachten, welche ohne Unterstützung meiner Familie und der Tafel eher traurig wären“, sagt sie. Markensachen, so wie sie sich die Kinder manchmal wünschten, könne sie schlichtweg nicht kaufen. „Ferien sind natürlich auch nicht einfach, denn wirklich Urlaub machen können wir nicht. Wir wollten in den Osterferien eigentlich in das ,Crystal Palm Beach’ bei Nürnberg, nur scheiterte dies an den Kosten. Es war ja Ostern auch noch.“ Da die Tafel auf Spenden angewiesen ist, sind nicht alle Waren immer verfügbar. Daher kann es passieren, dass es bestimmte Lebensmittel wie Milchschnitte oder Joghurt, die ihre Kinder mögen, nicht gibt. Manchmal gebe sie dann im Supermarkt ihr letztes Geld dafür aus.

Es gebe Dinge, die sie sich und ihren Kindern leiste, um ihnen etwas Gutes zu tun. Dazu gehören eine Jahreskarte im Schätzlerbad (100 Euro) und eine Kabine im Bad (75 Euro). Das Geld dafür habe sie sich zusammengespart. „Meine Kinder lieben das Wasser, und ins Schätzler kommt sogar die Große mit.“ Jahreskarte und Kabine seien „ein Luxus, den wir uns leisten, weil es mir sehr wichtig ist, mit meinen Kindern etwas zu unternehmen“. So seien zumindest die Ausflüge ins Bad gesichert. „Das ist das Mindeste.“ Manchmal sei auch ein Kinobesuch drin. Wünsche wie ein Besuch im Legoland und ein Urlaub in der Türkei ("Da war ich früher mal, für Kinder ist das klasse.“), kann sie nicht erfüllen.

Ein Auto besitzt die 37-Jährige nicht. Sie sei stattdessen viel mit dem Rad (60 Euro, gebraucht) oder dem Bus unterwegs. Die Nutzung des Internets über ihr Handy sei durch Werbung finanziert und kostenlos. Als ihre Tochter ein neues Fahrrad brauchte, habe sie „sehr daran zu knabbern gehabt“, das Geld dafür zu sparen. „Aber ich habe es geschafft.“

"Vielen geht es schlechter"

„Ich lasse mich nicht von Armut unterkriegen. Mir geht es eigentlich gut“, sagt Menzel. Auch, weil sie Unterstützung aus ihrer Familie bekomme. „Ich möchte betonen, dass es vielen Alleinerziehenden schlechter geht als mir. Viele haben keine Perspektive und kaum Selbstbewusstsein, da der Gang zum Jobcenter beschämend sein kann. Dazu kommen immer wieder fehlerhafte Berechnungen oder Anträge werden nicht bearbeitet. Das macht viele mürbe. Umso mehr schämen sich manche Mütter, auch noch zur Tafel gehen zu müssen. Ich sehe keinen Grund, warum man beschämt sein sollte. Es gibt viele Betroffene, und es kann jeden treffen.“

Reichenau bei Waidhaus
Weiden in der Oberpfalz
Neustadt an der Waldnaab
Info:

Serie zum Thema

Weil Armut auch ein Thema in unserer Region ist, haben wir ihr in einer Serie ein Gesicht gegeben, in Form von Kennzahlen und Einzelschicksalen. Dies ist der vierte Teil.

Kommentar:

Viele wollen helfen

Zwei Geistliche melden sich in der Redaktion, weil sie Andrea Gebhard ein Essen spendieren wollen. Mehrere Frauen bieten an, Kleidung zu spenden. Eine anonyme Anruferin denkt sogar darüber nach, einen Urlaub zu spendieren. Viele Menschen fragen ganz allgemein, wie sie helfen können. Schon am ersten Tag, nachdem unsere Serie über Armut gestartet ist, klingelt mein Telefon unaufhörlich, mein Postfach läuft über.
Das Gros der Rückmeldungen ist von Hilfsbereitschaft und Mitgefühl geprägt. Und das in einer Quantität und Qualität, die beeindrucken. Dafür ein herzliches Danke! Auch dafür, dass Andrea Gebhard, Jaroslava und Franz Kraus sowie Susanne Menzel bereit waren, öffentlich über ihre Armut zu sprechen, verdienen sie ein Danke.
Es gibt auch kritische Stimmen. Manche Leser merken etwa an, es gebe Menschen, denen es viel schlechter gehe als den Protagonisten in der Serie. Es ist unmöglich, in einer kleinen Serie pauschal zu zeigen, was Armut im Einzelfall bedeutet. Einzelschicksale können nicht stellvertretend für eine ganze Gruppe Betroffener stehen. Sie verdienen trotzdem eine Stimme.
Alle Hilfsangebote werden in der Redaktion gesammelt, einige Helfer werden von uns hören. Das benötigt jedoch Zeit. Wer ganz allgemein bedürftigen Menschen helfen möchte, kann auch an die Aktion Lichtblicke von Oberpfalz-Medien spenden. Sie unterstützt Menschen in der Region. Wir bleiben dran.
www.oberpfalzmedien.de/verlag/soziales-engagement

Sonja Kaute

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