12.06.2019 - 15:44 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Leben in Armut: "Du musst jeden Tag kämpfen"

Einmal griechisch essen gehen, davon träumt Andrea Gebhard. Die 49-Jährige ist voll erwerbsunfähig und lebt mitten in Weiden am Existenzminimum. Ein Blick in ihren Alltag und Teil zwei unserer Serie zum Thema Armut.

Andrea Gebhard in ihrer Wohnung nahe der Weidener Innenstadt. Obwohl sie soziale Kontakte hat, fühle sie sich darin manchmal eingesperrt, sagt sie. Weil sie aus finanziellen Gründen nicht häufig rauskommt.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Gewalt, Depressionen, Mobbing, Burnout, Suizidversuche, fast zwei Jahre Psychiatrie, zweieinhalb Monate im Frauenhaus, Alpträume mit Erinnerungen, die ihr den Schlaf rauben: Andrea Gebhard listet viele negative Lebenserfahrungen auf. Mehr, als die 49-Jährige verkraften kann. An der Wand in ihrem Wohnzimmer, das sie üppig mit Blumen und Dekoration geschmückt hat, hängt ihr Meisterbrief: Sie ist Floristmeisterin. Wenn sie darüber redet, leuchten ihre Augen. Mit Blumen zu arbeiten, das wäre ihr Traum gewesen. Doch es kam alles ganz anders.

„Ich bin nicht mehr belastbar für den ersten Arbeitsmarkt“, sagt sie. Seit 2008 bekommt sie eine volle Erwerbsminderungsrente in Höhe von rund 640 Euro. Diese stockt sie mit 120 Euro Grundsicherung vom Sozialamt auf. In Deutschland bezogen 2017 nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Statistik 125 337 Menschen Grundsicherung, davon fast 42.000 Frauen über 65 Jahre. Für einen Alltag, wie ihn Millionen Deutsche leben, reicht das Geld nicht. „Du musst jeden Tag kämpfen.“

Weiden in der Oberpfalz

„Die Zuzahlungen hätten mich heuer umgebracht“

Die 49-Jährige hat einen neuen gesundheitlichen Rückschlag zu verkraften: Erst kürzlich hat sie die Diagnose Morbus Crohn bekommen, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung. Ein Verdacht auf Zöliakie (eine durch Glutenunverträglichkeit verursachte Magen-Darm-Erkrankung) wird derzeit geprüft. Dabei kämpft sie ohnehin seit Jahren um ihre Gesundheit. 15 Tabletten nimmt sie täglich, und jede zweite Woche kommt schon seit zehn Jahren ihre Therapeutin zu ihr nach Hause. Sie unterstützt die Weidenerin im Alltag, gibt Orientierung, Mut und hilft, Probleme anzugehen. „Probleme runterschlucken geht nicht mehr.“

Andrea Gebhard interessiert sich für Wirtschaft, Politik, Umweltschutz. Sie schaut Sendungen wie „Fakt“ und „Monitor“. Sie setzt sich für mehr finanzielle Unterstützung für arme Menschen ein, schreibt Briefe an das Sozialministerium und den Bundespräsidenten. Und sie glaubt an Gott.

Einmal griegisch essen gehen: Das ist einer der Wünsche von Andrea Gebhard.

Im Alltag dreht sich viel um Geld, das nicht da ist. „Ich muss immer zu Fuß gehen“, erzählt sie zum Beispiel. „Aber ich finde das gut, weil es die Umwelt schützt." Supermärkte, ihr Hausarzt und die Weidener Innenstadt sind nur wenige Gehminuten von ihrer Wohnung entfernt. Wenn ihr 22-jähriger Sohn sie besucht, macht sie ihm was zu essen – „wenn im Kühlschrank was drin ist“.

Pro Monat stehen der Weidenerin 212 Euro für Lebensmittel, Kleidung, Haushaltsgegenstände, Putzmittel, Zuzahlungen für Medikamente und Freizeit zur Verfügung. „Die Zuzahlungen hätten mich heuer umgebracht“, sagt sie. „Da kannst dich gleich aufhängen.“ Deshalb beantragte sie eine Befreiung von den Zuzahlungen. Mit Erfolg.

"Du wirst einfach so"

Seit zehn Jahren kauft Andrea Gebhard ihre Lebensmittel einmal in der Woche bei der Tafel Weiden-Neustadt. Haushaltsgegenstände und Kleidung findet sie im Sozialkaufhaus der Diakonie oder der Kleiderkammer der Caritas. „Ich bin froh, dass Weiden diese Einrichtungen hat. Woanders kann ich nicht einkaufen.“

Wegen der Medikamente, die sie nehmen muss, hat die Weidenerin zugenommen. In Konfektionsgröße 52 findet sie schwieriger Kleidung als zuvor. „Aber wenn ich ein T-Shirt in 48 finde und es weit geschnitten ist, geht das auch. Ich habe zum Glück auch noch ein paar Kleidungsstücke übrig aus meinem früheren Leben.“ Außerdem unterstützt sie ein Teil der Familie mit Kleiderspenden. „Früher habe ich schon geschaut, wie ich angezogen bin und wie ich ausschaue. Heute ist mir das egal. Du wirst einfach so.“

Seifenreste im Wischwasser

Die Auswirkungen ihrer Armut zeigen sich vor allem in den kleinen Dingen. Die Zeitung liest die 49-Jährige bei ihrer Nachbarin. „Ich benutze meine Gefrierbeutel doppelt, außer es war Fleisch, Wurst oder Käse drin. Ich spüle sie aus und nehme sie noch einmal. Das ist gut für die Umwelt und für meinen Geldbeutel.“ Ins Wischwasser mischt sie Seifenreste, „damit ich nur wenig Putzmittel brauche“. Auch beim Kaffee wird gespart: „Ich benutze den Kaffeesatz zwei Mal. Ich tue einfach am nächsten Tag zwei frische Löffel Kaffeepulver drauf.“ Finanzielle Notfälle sind eine Katastrophe. „Wenn die Waschmaschine kaputt geht, dann bricht als allererstes Panik aus.“

Ein Lichtblick sind für Andrea Gebhard die Menschen in ihrem Umfeld. „Ich habe ein gutes soziales Netz“, sagt sie. „Das schaffst du auch unmöglich alles alleine.“ Menschen kennt sie noch aus ihrer Zeit im Beruf, aber auch durch die Kirche. Dank dieser Kontakte sei sie wieder „fast mitten im Leben“. Einerseits. Andererseits nagt die Einsamkeit an der Weidenerin. „Wenn du nicht unter Leute gehst, kannst du auch niemanden kennenlernen. Manchmal wünsche ich mir schon eine starke Schulter an meiner Seite.“

„Nie das Meer gesehen“

Daheim fühle sie sich teilweise regelrecht eingesperrt. „Das Frühlingsfest würde mich drei Euro für den Shuttle kosten, und dann muss man ja auch Geld für dort haben. Das ist einfach nicht drin.“ An Ostern und Weihnachten sei die Einsamkeit besonders schwer zu ertragen. „Es ist kein Wunder, dass dann die Suizidrate hochgeht.“

Ihre Offenheit im Umgang mit ihrer Armut hilft ihr, Unterstützung zu bekommen. Kleider- und Sachspenden nimmt Andrea Gebhard gerne an. Doch wenn es um Geld geht, so betont sie, versuche sie immer zuerst, sich was abzuknapsen. Andrea Gebhard spart trotz allem. Sie möchte endlich ihre Wohnung malern und den Boden schleifen. „Wenn Geld übrig bleibt, überweise ich das gleich aufs Konto.“ Bis genug Geld da ist, dauert es aber. „Ich hoffe, ich kann heuer oder nächstes Jahr neue Farbe auf die Wände bringen.“ Das ist einer ihrer Wünsche.

Gebhard wäre außerdem gerne politisch mehr aktiv. „Ich bin seit meinem 18. Lebensjahr SPD-Wählerin. Ich würde gerne in die Partei eintreten, aber ich kann mir den Mitgliedsbeitrag nicht leisten.“ Auch die anderen Wünsche der Frührentnerin sind bescheiden. Sie würde gerne griechisch essen gehen und Urlaub am Meer machen. „Ich habe noch nie das Meer gesehen. Es wäre mir egal, welches Meer es wäre.“ Ihr letzter Urlaub ist drei Jahre her und war eigentlich keiner. Da war sie drei Wochen auf Kur, nahe Leipzig.

Neustadt an der Waldnaab
Reichenau bei Waidhaus
Weiden in der Oberpfalz
Info:

Serie zum Thema Armut

Weil Armut auch ein Thema in unserer Region ist, wollen wir ihr ein Gesicht geben. In zwei weiteren Artikeln stellen wir deshalb in den nächsten Tagen Menschen aus Weiden und dem Landkreis Neustadt vor, die am Existenzminimum leben.

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