21.06.2019 - 12:49 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Serie "Gesichter der Armut": "Ich bin ganz überwältigt"

„Andrea, was hast du da losgetreten?“ Das hat sich Andrea Gebhard vergangene Woche gefragt. Sie hatte in der Serie „Gesichter der Armut“ von Oberpfalz-Medien über ihr Leben berichtet. Viele Leser reagierten prompt.

Überwältigt von den Hilfsangeboten: Frührentnerin Andrea Gebhard (49) freut sich nach der Veröffentlichung des Artikels über sie im Rahmen der Serie "Gesichter der Armut" über Hilfe und Zuspruch der Leser von Oberpfalz-Medien.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Das Schicksal von Andrea Gebhard, die als Frührentnerin nahe der Weidener Innenstadt wohnt, hat viele Leser berührt. Auf keinen anderen der bisher veröffentlichten Artikel der Serie reagierten so viele Menschen mit Hilfsangeboten. Die 49-Jährige kann aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten und bekommt eine Erwerbsminderungsrente (640 Euro), die sie mit 120 Euro Grundsicherung aufstockt. Als Wünsche hatte die Weidenerin vier Dinge angegeben: einmal griechisch essen gehen, ihre Wohnung malern, der SPD beitreten und Urlaub am Meer machen. Einer von diesen Wünschen ist schon am Tag nach der Veröffentlichung des Artikels über sie in Erfüllung gegangen.

Weiden in der Oberpfalz

„Am Freitag bin ich mit einer jungen Frau und ihrer Familie beim Griechen essen gewesen. Es war ein sehr guter Abend“, erzählt die 49-Jährige. „Ich bin ganz erleichtert Heim gekommen und habe danach gut geschlafen. Es geht ja auch darum, dass man überhaupt mal rauskommt“, so Gebhard, die sich in ihrer Wohnung nach eigener Aussage manchmal eingesperrt fühlt, weil das Geld zum Rausgehen fehlt.

Die junge Frau, die sich so spontan mit Andrea Gebhard getroffen hat, heißt Tanja Max. „Es war mir einfach ein Anliegen, die Frau kennen zu lernen und ihr etwas Freude zu bereiten. Wir haben vereinbart, in Kontakt zu bleiben“, erzählt sie. Sie möchte dafür keine „Lobhudelei“, aber anregen, „im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas zu helfen und nicht immer über die eigene Situation zu klagen. Damit sind wir nämlich alle ganz schnell dabei“.

"Ich bin ganz überwältigt"

„Es berührt mich sehr, dass es solche Verhältnisse in meiner nächsten Umgebung gibt. Man weiß es ja, aber ich verdränge es wohl auch“, schreibt ein Leser, der Andrea Gebhard helfen möchte, an die Redaktion. Eine ältere Leserin aus der Nähe von München schreibt: „Ich bin auch Rentnerin und nicht reich, habe ein Leben lang gearbeitet für eine bescheidene Rente.“ Sie möchte langfristig helfen: „Ich könnte jeden Monat ein Päckchen mit Sachen, die man nicht in der Tafel bekommt, schicken.“ Eine andere Frau schreibt: „Wenn Andrea Gebhard möchte, lade ich sie gerne auf ein Eis ein. Dann kann sie mich kennenlernen und dann immer noch entscheiden, ob ich ihr sympathisch genug bin, um mit mir und meinen Freundinnen Essen zu gehen.“

Neben Einladungen zum Griechen gehen auch Angebote für Kleiderspenden in der richtigen Konfektionsgröße und Hilfe bei der Renovierung der Wohnung ein. Es melden sich Privatleute, Geistliche und ein Firmenleiter. „Hauptsache, Frau Gebhard fühlt sich wohl“, schreibt eine Frau, die Farbe zum Anstreichen spendieren möchte. „Ich bin zwar selber kein Großverdiener, aber lieber verzichte ich auf ein Mal Essengehen.“ Eine ältere Dame überlegt fieberhaft, wie sie mit einem Teil eines Erbes finanziell helfen könnte.

Andrea Gebhard ist sichtlich bewegt und überwältigt, als sie die Liste mit möglichen Helfern und deren Kontaktdaten von der Redaktion überreicht bekommt. „Ich bin ganz überwältigt“, sagt sie und bedankt sich für die vielen Rückmeldungen. Bei wem sie sich zurückmeldet, ist ihr selbst überlassen. Auch auf direktem Wege haben sie positive Reaktionen erreicht. Zum Beispiel diese Tage beim Einkaufen.

"Jesus Maria!"

„Viele Leute haben mir Lob für meinen Mut ausgesprochen. Ich bin positiv überrascht.“ Niemand habe zu ihr etwas Schlechtes gesagt. Jemand habe ihr beim Einkaufen sogar vorgeschlagen, sie solle im Stadtrat vorsprechen. Zu sagen hätte Andrea Gebhard einiges, denn sie ist politisch sehr interessiert. Sie könne zum Beispiel nicht nachvollziehen, warum das Sozialsystem in Österreich und der Schweiz besser sei als in Deutschland. „In Österreich zahlt jeder in das Rentensystem ein. Ich verstehe nicht, dass das in Deutschland nicht funktioniert. Es muss sich politisch dringend etwas bewegen.“

Die 49-Jährige hatte angegeben, seit ihrem 18. Lebensjahr SPD zu wählen. Die Partei habe ihr nach dem Bericht von Oberpfalz-Medien angekündigt, sie zum Schmalzbrotfest des Ortsvereins Stadtmitte einzuladen, erzählt sie. Was sie am 6. Juli am Unteren Markt erwartet, weiß sie nicht. „Ich lasse mich überraschen.“

Stadträtin Hildegard Ziegler (SPD) bestätigt die Einladung. Sie wolle Andrea Gebhard kennenlernen und „Möglichkeiten suchen, sie einzubinden“. Wie das konkret aussehen könnte, sei noch zu erörtern. „Vielleicht sollte sich die SPD mehr öffnen für Menschen, die sich den Mitgliedsbeitrag nicht leisten können. In Zeiten wie diesen sollte man in der Partei dankbar sein für jeden, der sich engagieren möchte.“ Sie hat ihre Anregung an den Bundestags-Abgeordneten Uli Grötsch weitergeleitet.

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Auch die anderen Protagonisten aus der Serie haben Hilfsangebote bekommen, wenn auch nicht ganz so viele wie Andrea Gebhard. Für Susanne Menzel, Alleinerziehende aus Weiden, und ihre Kinder sind einzelne Hilfsangebote eingegangen von Menschen, die Kleidung oder Spielsachen für den Nachwuchs spenden möchten. Die 37-Jährige bedankt sich dafür.

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„Ich würde dem Ehepaar Kraus gerne Brennholz liefern“, schreibt ein Mann. Derzeit befinde er sich auf einer Dienstreise, aber danach werde er sich bei Jaroslava (69) und Franz (59) Kraus melden, um die Lieferung abzusprechen. Das Paar lebt in Reichenau bei Waidhaus von nur neun Euro am Tag und kann nicht heizen, weil das Brennholz ausgegangen ist.

„Jesus Maria“, ruft Jaroslava Kraus aus, als sie von dem Hilfsangebot erfährt. Die Erleichterung, sollte es tatsächlich Holz-Nachschub geben, ist ihr anzuhören. Auch bei Josef Gebhardt, Vorsitzender der Tafel Weiden-Neustadt, sind Spendenangebote eingegangen. Die Betroffenen entscheiden nun selbst, wie sie darauf reagieren werden.

Reichenau bei Waidhaus

Auftakt der Serie

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Eine weitere Betroffene berichtet

Neustadt an der Waldnaab

Reaktionen

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Kommentar:

Nicht arm gegen arm ausspielen

Ab wann ist jemand arm? Wenn es mehr Menschen gibt, die mehr Geld haben als er, als Menschen, die weniger haben? Darf ein armer Mensch nur dann öffentlich zu Wort kommen, wenn er noch weniger Geld hat als diejenigen, die trotz Arbeit arm sind? Oder nur jemand, bei dem sich alle Menschen einig darüber sind, dass es an dessen Lebenslauf nichts zu kritisieren gäbe?
Wer im Sozialbereich arbeitet, kennt die Frage, warum ausgerechnet die eine oder die andere Person unterstützt wird. Entsprechend gab es neben einer erfreulichen Welle von Hilfsbereitschaft und Zuspruch auch kritische Äußerungen zur Serie „Gesichter der Armut“ von Oberpfalz-Medien. „Da kann ich mich nur aufregen. Es wäre auch mal ein Bericht sehr schön, wie wenig Geld übrig bleibt, wenn man in Deutschland eine Arbeit hat und ohne Unterstützung vom Staat leben muss. Ich denke an Frauen, die Jahrzehnte lang gearbeitet haben und am Schluss schlechter leben als die, die schon immer vom Sozialamt gelebt haben.“ So schreibt sich zum Beispiel ein Leser den Frust von der Seele.
Sicher würden ihm viele andere zustimmen. Und sicher ist ein Aspekt von Armut das Thema „arm trotz Arbeit“. Was wir jedoch in der Berichterstattung nicht wollen: Arm gegen arm ausspielen.
Wenn es weitere von Armut betroffene Menschen gibt, die bereit sind, öffentlich über ihren Alltag zu berichten, dürfen sich diese gerne melden.

Sonja Kaute

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