24.03.2020 - 15:39 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Coronakrise zwingt auch Ärzte zu kreativen Lösungen im Praxisalltag

Auch in den Praxen der Haus- und Fachärzte in Weiden und im Landkreis Neustadt gilt die Abstandsregel, in der Hoffnung, dass alle so lange wie möglich gesund bleiben. Telefonsprechstunden oder Rezepte "to go" haben Hochkonjunktur.

Gut, dass die Praxis im Erdgeschoss liegt. Bei Allgemeinarzt Dr. Michael Spiegelsberger wird manches Rezept übers Fenster ausgegeben.
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

Wie in einem Call-Center fühlt sich im Moment Dr. Michael Spiegelsberger. Der Allgemeinmediziner aus Weiden und seine drei Mitarbeiterinnen hängen die meiste Zeit am Telefon und versuchen den Patientenfluss zu koordinieren. "Viele haben Fragen zum Coronavirus und sind einfach verunsichert", sagt der Arzt. Viele hätten aber auch Sorge, dass zum Beispiel ihre Medikamente nicht reichen. Sie kann der Arzt relativ schnell beruhigen. Bei manch anderen bedarf es mehr Überzeugungsarbeit.

So kann Spiegelsberger nicht verstehen, warum noch immer Patienten mit Erkältungssymptomen plötzlich in der Praxis stehen, obwohl sie vorher gebeten wurden zu Hause zu bleiben. "Da reden sich meine Mädels am Telefon den Mund fusselig, und dann entscheidet der Patient eben mal schnell in die Praxis zum Abhorchen vorbei zu kommen." Auffällig viele ältere Patienten würden sich nicht daran halten. "Gerade aber sie sollten daheim bleiben. Zum Schutz von uns allen", bittet der Arzt, der außerdem nur noch eine Handvoll Schutzmasken und -kittel vorrätig hat.

Damit die Praxis weiterlaufen kann, haben er und sein Team einige Maßnahmen ergriffen. So wurde unter anderem die Zahl der Wartezimmerstühle halbiert, die Rezepte werden "to go" durchs Fenster im Erdgeschoss gereicht und die offene Sprechstunde für den Moment eingestellt. "Vieles ist auch telefonisch zu erledigen", sagt Spiegelsberger. Die Coronakrise verlange von allen mehr Umsicht und "lässt uns zusammenwachsen".

Nur noch drei Stühle stehen im Wartezimmer von Zahnarzt Dr. Fridolin Wechsler. "Wer erkältet ist wird schon an der äußeren Tür abgefangen. Das Hinweisschild kann man nicht übersehen", sagt der Weidener Zahnarzt. Bevor Patienten an den Empfang treten, sollen sie sich die Hände waschen. Das klappe noch nicht so gut. "Wir müssen immer wieder aktiv dazu auffordern." Das Wartezimmer werde regelmäßig gelüftet und Türklinken sowie Kontaktflächen alle halbe Stunde desinfiziert. Auch sollen noch Klebestreifen auf dem Fußboden als Abstandshalter angebracht werden. Auch wurden virussichere Atemschutzmasken bestellt. "Wir minimieren die Risiken so gut es geht."

Größere zahnmedizinische Operationen werden verschoben. Auch professionelle Zahnreinigungen seien grad nicht optimal. "Dabei entsteht zu viel Sprühnebel", sagt Wechsler. Insgesamt laufe die Praxis mit vier Mitarbeitern auf Sparbetrieb. Zudem würden Überstunden oder Resturlaub abgebaut. Der Zahnarzt will alles tun, um Kurzarbeit zu vermeiden. Seinen Sicherstellungsauftrag als Arzt nimmt Wechsler auch beim zahnärztlichen Notdienst wahr. „Wir müssen jetzt zusammenhalten und helfen, wo Not am Mann ist.“

Helfen wollen auch die Mitarbeiter der Gemeinschaftspraxis Orthopädie im ONZ Weiden. Da Blutkonserven bereits knapp würden plant das Praxisteam die Teilnahme am nächsten Blutspendetermin, wie Dr. Robert Drechsel mitteilt. Zum Schutz der Mitarbeiter würden ebenfalls Maßnahmen greifen, die Dr. Eugen Bratzel auf Anfrage erläutert. „Wir fangen die Patienten schon an der Eingangstür ab und befragen sie eingehend zum Gesundheitszustand. Seit Montag soll – soweit möglich – nur mehr ein Patient sich im Wartezimmer aufhalten. „Wir fragen die Handynummern ab und bitten die anderen Patienten im Auto zu warten. Wir rufen sie dann nacheinander rein“, erklärt Bratzel.

„Im Moment wird alles versucht Kontakte mit Patienten auf das Nötigste zu beschränken. Wir bieten zum Beispiel umfassende Telefonsprechstunden“, so der Mediziner. Seit dem Wochenende seien auch erstmals Videosprechstunden möglich. Ein Versuch. Es gebe aber noch keine Erfahrungswerte mit Patienten. Rezepte online zu bestellen sei mittlerweile auch kein Problem. „Ebenso Hausbesuche, wenn der Patient kein Risiko darstellt.“

Das 30-köpfige Praxisteam wurde geteilt, um im Krankheitsfall „eine zweite Mannschaft in Reserve zu haben, sagt Bratzel. Die Stimmung sei positiv, und gottseidank sei noch niemand krank. Der Orthopädie zollt allen „größten Respekt“, vor allem den Kollegen am Klinikum. „Die sind nicht zu beneiden.“

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Neustadt an der Waldnaab
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