Weiden in der Oberpfalz
25.03.2022 - 13:50 Uhr
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Demenzerkrankte in Weiden: Krieg in der Ukraine weckt Erinnerungen an eigene Kriegserlebnisse

Die Bilder vom Krieg in der Ukraine sind für niemanden leicht zu verkraften. Bei Menschen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt haben, können sie schlimme Erinnerungen wecken. Die Geschäftsführerin eines Pflegedienstes berichtet.

"Seit dem Kriegsausbruch in der Ukraine sind unsere Gäste sehr traurig und sprechen täglich und immer wieder aufs Neue über den Ausbruch des Krieges und somit auch über ihre eigenen erschütternden Kriegserlebnisse", schrieb Sabine Kroy-Leci kürzlich an die Redaktion von Oberpfalz-Medien. Die Geschäftsführerin des Pflegedienstes Sonnenschein, der in der Pressather Straße in Weiden eine Tagespflegeeinrichtung und Wohngruppe speziell für Menschen mit Demenz betreibt, zeigt sich tief berührt. "Wir hören ihnen zu, halten Hände und sprechen viel mit ihnen. Sie erzählen und erzählen, weinen und sind teilweise richtig verzweifelt." Sie weiß: "Wenn die Senioren etwas belastet, haben sie es den ganzen Tag dabei. Es kommt immer wieder."

Die Bilder und Nachrichten aus der Ukraine sind besonders für Menschen, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, schwer zu verkraften. In manchen Fällen wecken sie Erinnerungen an tief vergrabene Kriegserlebnisse. Dies kann auch bei Senioren mit Demenz passieren. Bei ihnen sei zwar das Kurzzeitgedächtnis stark eingeschränkt. "Aber der Krieg war plötzlich wieder total präsent", so Kroy-Leci über die Erfahrungen in ihrer Tagespflege. Viele der bis zu 30 Gäste lebten noch im Familienverbund und bekämen so zu Hause über Schulkinder oder Radio und Fernsehen Kriegs-Nachrichten mit. Auch wenn sie vielleicht nicht verstehen können, was es aktuell damit auf sich hat: Durch die Bilder erinnern sie sich an Bilder aus ihrer Vergangenheit. "Kriegsgeschehen ist für Senioren immer mit Angst verbunden. Wir, die wir den Krieg nicht erlebt haben, können uns gar nicht vorstellen, wie schlimm das ist."

Kerzen und Gebete im Bunker

In den Gruppenstunden der Tagespflege regen Themenrunden, Erinnerungsarbeit und Erlebnisreisen die Senioren regelmäßig und gezielt zum Erzählen und Erinnern an. "In letzter Zeit kamen sie dann immer wieder und immer mehr auf Kriegserlebnisse zu sprechen." Das Team sprach über das Problem. "Wir haben überlegt, was oder wie wir miteinander helfen können, ob wir das Thema aktiv angehen oder nicht." Doch dann habe eine ältere Dame in der Tagespflege die Antwort selbst gegeben. "Sie hat gesagt, dass sie früher im Bunker Kerzen angezündet und gebetet haben. Am nächsten Tag haben wir mit einigen unserer Gäste Hoffnungskerzen gebastelt und mit ihnen gebetet." Das Vater Unser hätten alle Gäste im Kreis mitbeten können. Für das Team ein ergreifender Moment, der diesen Tag besonders machte. Die Geschäftsführerin, seit 34 Jahren in der Altenpflege tätig, spricht von einem "aufwühlenden und emotionsvollen Tag in unserer Tagespflegeeinrichtung". Nach dem Gebet seien die Senioren ruhiger und zufriedener gewesen, der Krieg sei nicht mehr ganz so präsent. "Licht und Gebet bedeuteten schon immer Hoffnung", sagt Kroy-Leci.

Man könne aber natürlich nicht immer alle für alles begeistern. Niemand werde gezwungen, Aktivitäten mitzumachen. Sie lege in ihrer Einrichtung Wert darauf, die individuellen Fähigkeiten der Gäste zu berücksichtigen. Deshalb werden diese je nach Grad der Demenz in Gruppen eingeteilt, so dass die Aktivitäten zu ihren Fähigkeiten passen. "Bei uns gibt es keinen Tisch mit 20 Leuten, an dem nur drei Leute etwas verstehen." Kroy-Leci hat früher in Seniorenheimen gearbeitet – eine Zeit, an die sie sich nicht so gerne erinnert. "Ich habe die Arbeit dort nie so umsetzen können, wie ich mir das vorstelle." Was sie dort erlebt habe, sei für sie schlimm gewesen. Deshalb habe sie sich mit einer Kollegin, Christine Späth – die nun mit ihr zusammen Geschäftsführerin ist – selbstständig gemacht. "Bei uns ist niemand alleine, außer er möchte das", sagt sie über die Tagespflege. "Demenzerkrankte wollen nicht alleine sein. Aber Angehörige denken oft, dass es so ist und dass sie gerne viel fernsehen."

"Hand halten, reden lassen"

Angehörigen, die sich zu Hause ebenfalls mit den Kriegserinnerungen von Senioren konfrontiert sehen, rät Kroy-Leci: "Je mehr man drüber spricht, desto kleiner wird das Problem." Drüber reden könne befreiend sein, auch wenn es wichtig sei, ein Trauma nicht erneut durchleben zu lassen. Es gelte vielmehr, zuzuhören: "Hand halten, reden lassen – auch, wenn es immer Dasselbe ist." Bei Demenzkranken plädiert sie dafür, sie dort abzuholen, wo sie gerade sind und nicht dagegen zu reden. "Es soll ja nicht zu Aggressionen führen."

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BesserWissen03.08.2021
Hintergrund:

Beschwerden, die auf eine Demenzerkrankung hindeuten können

  • Vergessen kurz zurückliegender Ereignisse
  • Schwierigkeiten, gewohnte Tätigkeiten auszuführen
  • Sprachstörungen
  • nachlassendes Interesse an Arbeit, Hobbys und Kontakten
  • Schwierigkeiten, sich in einer fremden Umgebung zurechtzufinden
  • fehlender Überblick über finanzielle Angelegenheiten
  • Fehleinschätzung von Gefahren
  • ungekannte Stimmungsschwankungen, andauernde Ängstlichkeit, Reizbarkeit und Misstrauen
  • hartnäckiges Abstreiten von Fehlern, Irrtümern oder Verwechslungen

Quelle: Bundesgesundheitsministerium

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