19.07.2018 - 17:49 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Diskussion um Grothe-Schule

Im Weidener Rathaus ist die Diskussion über die Namensgebung der Franz-Grothe-Schule angestoßen worden. Die städtische Musikschule ist nach dem gleichnamigen Komponisten benannt, einem der populärsten deutschen Komponisten und Dirigenten des 20. Jahrhunderts.

Seit 66 Jahren existiert die Franz-Grothe-Schule in Weiden. Jetzt gibt es Diskussionen um die Namensgebung.

(ca) Problem nur: Zu Franz Grothes Werk gehören auch Durchhalte-Hits aus dem "Dritten Reich", wie beispielsweise "Wenn unser Berlin auch verdunkelt ist" aus dem Jahr 1942. Grothe war NSDAP-Mitglied. Von 1940 bis 1945 leitete er das Deutsche Rundfunkorchester. Grothe war stellvertretender "Fachschaftsleiter Komponisten" der Reichsmusikkammer und Sendegruppenleiter für gehobene Unterhaltungsmusik beim Großdeutschen Rundfunk.

Reiner Leibl, der Personal- und Kulturdezernent der Stadt Weiden, bestätigt die Debatte: "ein sehr sensibles Thema, mit dem man sehr ernst umgehen muss". Der Vorstoß kam nach NT-Informationen "von außerhalb". Leibl geht davon aus, dass der Stadtrat noch heuer eine Vorlage dazu bekommt. Die Franz-Grothe-Stiftung selbst beschäftige sich aktuell mit diesem Kapitel im Leben des Komponisten. Die Stiftung habe eine wissenschaftliche Biographie in Auftrag gegeben, die im Herbst vorliegen soll. Stadtarchivarin Petra Vorsatz habe zudem eine Dissertation aus dem Jahr 2004 über "Unterhaltungsmusik im Dritten Reich" recherchiert. Diese wissenschaftlichen Arbeiten könnten Basis für die Weidener Entscheidung sein.

Die Problematik um Franz Grothe ist nicht unbekannt. In der Dresdner Staatsoper sollten zum Silvesterkonzert im Dezember 2017 UFA-Melodien gespielt werden - auch von Grothe, der praktisch der Babelsberger Hauskomponist war. Um das Programm des Konzerts entbrannte eine kontroverse Diskussion, weil ein Teil der gespielten Werke aus der Zeit des Nationalsozialismus stammte. Der Chefdirigenten der Sächsischen Staatskapelle Christian Thielemann hielt eisern am Programm fest.

Die städtische Musikschule besteht seit 1952. Die Namensgebung Franz-Grothe-Schule erfolgte 1988 auf Basis eines Stadtratsbeschlusses. Finanziell unterstützt wird die Musikschule regelmäßig von der Franz-Grothe-Stiftung in München.

Kommentar:

Gute Laune am Abgrund

Die Welt stand am Abgrund. Und Franz Grothe schrieb 1941 die Filmmusik zu "Rosen in Tirol". Oder das Lied "So schön wie heute, so müsst' es bleiben" und den Durchhalte-Schlager "Wir werden das Kind schon schaukeln". Der Berliner Komponist hielt das Volk bei Laune und steht damit in einer Reihe mit Hans Moser, Heinz Rühmann und Marikka Rökk, deren Karriere im Dritten Reich ungebrochen weiterging - und hinterher auch.
Der Stadtrat soll das Kind jetzt schaukeln und überlegen, ob die städtische Franz-Grothe-Schule nicht lieber einen anderen Namen bekommen soll. Der Namensgeber war Opportunist. Er ist nicht wirklich belastet, aber eben auch nicht unbelastet. 1980 scheute man sich zumindest nicht, Grothe das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland anzuheften.
Vorsicht vor Hypermoral: Allzu große Empörung über Franz Grothe kann die tatsächlich unfassbare Dimension der Verbrechen des Nationalsozialismus verharmlosen, der zig Millionen Menschen den Tod brachte.

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