15.11.2020 - 18:41 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Dr. Tobias Müller aus Weiden hat Covid-Impfstoff selbst getestet

Dr. Tobias Müller hat keine Angst mehr vor Corona. Wahrscheinlich ist er der erste Weidener, der gegen Covid-19 geimpft ist.

Dr. Tobias Müller hat sich getraut. Er ließ einen Impfstoff gegen Covid-19 im Rahmen einer Studie am eigenen Leib testen. Es geht ihm gut, auch wenn er nach der Spritze ein bisschen leiden musste.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

ONETZ: Herr Dr. Müller, Sie sind Mediziner und haben in einer frühen Phase an einem Impfstofftest gegen Covid-19 teilgenommen. Wie kamen Sie dazu?

Dr. Tobias Müller: Ich habe 2012 schon mal bei einer Studie mitgemacht, einen Impfstoff gegen den Tollwuterreger zu finden. Das läuft über das Tropeninstitut der Uniklinik München. Das ergab sich über eine langjährige Verbindung mit Freunden aus dem Studium, die dort arbeiten. In der letzten Augustwoche nahm ich an der Covid-Studie teil.

ONETZ: Was wurde dabei getestet?

Dr. Tobias Müller: Es ging um die richtige Dosierung eines Covid-Impfstoffs für die Tübinger Pharmafirma Curavec (für die Exklusivrechte dieser Firma wollte Donald Trump seitens der US-Regierung im Frühjahr angeblich eine Milliarde Dollar zahlen, Anmerkung der Red.). Dabei wird untersucht, wie der Impfstoff dem Körper präsentiert wird. Es handelt sich um eine klassische Messenger-RNA-Studie (mRNA). Dabei enthält ein Botenmolekül den Bauplan für das sogenannte Spike-Protein des Virus'. Daran wird das Antigen angeheftet und dem Körper präsentiert. Die Produktion des eigentlichen Impfstoffs sollen nach der intramuskulären Injektion die Zellen des Körpers übernehmen.

ONETZ: Wie hat Ihr Körper auf diese Präsentation reagiert?

Dr. Tobias Müller: Die prinzipielle Impfung habe ich gut vertragen. Weil ich eine relativ hohe Dosis bekam, war es trotzdem nicht nebenwirkungsarm, ich hatte Schüttelfrost und Unwohlsein. Das heißt nicht, dass andere auch diese Nebenwirkungen haben müssen. Es hat bei mir jedenfalls funktioniert. Mein Körper hat Covid-Antikörper produziert.

ONETZ: Hatten Sie zu jener Zeit Urlaub, beziehungsweise: Wären Sie nach der Impfung arbeitsfähig gewesen?

Dr. Tobias Müller: Ich hatte zum Zeitpunkt der ersten von zwei Impfungen dienstfrei, um möglichen Nebenwirkungen aus dem Weg zu gehen und niemanden zu gefährden. Ich habe mich soweit stabil gefühlt, war aber froh, nicht arbeiten zu müssen, da Allgemeinsymptome wie Schüttelfrost, Müdigkeit und Kopfschmerz angehalten haben. Die relativ hohe Dosis dürfte bei einer Markteinführung aber sicher nicht zum Einsatz kommen.

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ONETZ: Was unterscheidet den Curavec-Impfstoff, den Sie bekamen, vom Biontech-Pfizer-Impfstoff, der angeblich bald einsetzbar ist?

Dr. Tobias Müller: Ich habe mich damals in der Klinischen Phase eins der Entwicklung testen lassen. Zurzeit ist Curavec in Phase zwei. Biontech hat die letzte, dritte Phase bereits abgeschlossen. Grundsätzlich gibt es verschiedene Präsentationsmöglichkeiten eines Impfstoffs für den menschlichen Körper. Auch der Biontech-Impfstoff ist ein mRNA-Impfstoff, der möglicherweise ohne Adjuvanz auskommt. Das heißt, es werden keine zusätzlichen Proteine benötigt, um das Impfziel zu erreichen. Das muss nicht unbedingt besser sein, es geht dabei um den schnellen Effekt, um einen möglichst guten Erfolg zu erzielen. Daher werden verschiedene Applikationsmechanismen der Hersteller untersucht.

ONETZ: Aus Ihrer Erfahrung als niedergelassener Arzt: Wie hoch ist die Impfbereitschaft in der Bevölkerung?

Dr. Tobias Müller: Sie ist prinzipiell da, aber nur wenn es von seriösen Stellen empfohlen wird. Es ist ein bisschen wie bei einer Wahl: Wie viele Wahlberechtigte bringen Sie dazu, tatsächlich an die Urne zu gehen.

ONETZ: Was sagen Sie Impfgegnern?

Dr. Tobias Müller: Egal, wie man dazu steht, man muss anerkennen, dass Impfungen einen gesundheitlichen Mehrwert bringen. Impfschäden bewegen sich im Promillebereich. Pocken sind heute ausgerottet, weil die Weltgesundheitsorganisation WHO die Welt in den 60er und 70er Jahren durchgeimpft hat. Grundsätzlich ist auch Autofahren immer gefährlicher als Impfen.

ONETZ: Hatten Sie keine Angst, als Sie sich entschieden hatten, am Test eines völlig neuen Stoffs mitzumachen?

Dr. Tobias Müller: Nein, als ich an der Tollwutstudie teilgenommen habe, habe ich das sehr gut vertragen, die Dosis war auch sehr niedrig. Ich musste aber wieder unterschreiben, dass mir bewusst ist, dass die Sache im Extremfall mit dem Tod enden kann. Deswegen sind auch hohe Versicherungsprämien im Spiel, in diesem Fall über eine Million Euro. Darauf hab ich es aber nicht angelegt.

ONETZ: Werden solche Tests von Pharmaunternehmen nicht eher in Entwicklungsländern vorgenommen?

Dr. Tobias Müller: Das ist ein Vorurteil. Es wäre ethisch und moralisch nicht verantwortbar, Menschen nicht umfassend aufzuklären. Deshalb behütet die WHO auch jede Medikamentenzulassung argwöhnisch.

ONETZ: Ihre Einschätzung: Wann sind wir alle mit dem Thema Covid durch?

Dr. Tobias Müller: Das wird wohl die zweite Jahreshälfte 2021 werden. Wenn die Bundesregierung wie geplant zunächst 56 Millionen Dosen für die Bevölkerung bekommt, müssen Sie das halbieren, denn Impfstoffe werden in der Regel zweimal verabreicht. Und dann hängt auch nach der Produktion noch viel Logistik dran: verpacken, Lieferanten bestücken, ins Apothekensystem einpflegen. Das sind schon noch lange Ketten.

Hintergrund:

Zur Person

  • Alter 44 Jahre
  • Geboren in Weiden
  • Studium an der TU München
  • Internist und Rheumatologe
  • Mitglied der Gemeinschaftspraxis Weiden-Ost und Arzt am Hammerweg in Weiden
Dr. Tobias Müller hat sich getraut. Er nahm am eigenen Leib an einer Studie teil, einen Impfstoff gegen Covid-19 zu finden. Es geht ihm gut, auch wenn er nach der Spritze ein bisschen leiden musste.

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