14.04.2019 - 17:15 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Druckwelle bis zur Konradshöhe

Für den 13-Jährigen waren die letzten Kriegstage in Weiden ein Abenteuer. Bis zu dem Moment, als die Druckwelle der Explosion eines Güterzuges Josef Prölß vom Giebelfenster des Hauses der Tante auf der Konradshöhe zurückschleuderte.

70 Jahre später muss Josef Prölß immer noch an die verheerende Explosion des Zugs denken, die er vom Giebelfenster eines Hauses auf der Konradshöhe beobachtet hatte.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Es ist der Moment im Leben des 86-jährigen Weideners, den er noch heute deutlich vor Augen hat: "Das kleine Fenster ohne Verglasung im Spitzgiebel war mein Ausguck", erzählt der langjährige Werksleiter von Wilden in Pfreimd, "da war noch nicht alles verbaut, du hast in den Bahnhof reinschauen können."

Zwei Züge habe er dort am 16. April 1945 gesehen mit dem Symbol des Roten Kreuzes auf dem Dach der Waggons. "Ob da Gefangene drin waren, weiß ich nicht", zitiert er aus seinen Erinnerungen, "jedenfalls stand dazwischen ein kleiner Güterzug mit vielleicht sechs Waggons, eine Lok habe ich nicht gesehen." Auf einmal habe er zwei Tiefflieger genau auf den Güterzug zufliegen sehen.

Brennender Zug

"Die zielten haargenau auf den Zug", sagt Prölß, "der fing zu brennen an." Ganz sicher sei er sich da, auch wenn andere Zeitzeugen erst später Treffer bemerkt haben wollen, als der Zug sich bereits in Bewegung gesetzt habe. "Das war mehr als Abenteuer, da bekam ich zum ersten Mal Angst", schildert der eingefleischte CSUler, "der Bahnhof war vielleicht 500 Meter Luftlinie von unserem Haus weg." Dann habe er beobachtet, wie sich der Güterzug in Bewegung gesetzt habe. Richtung Bayreuth sei er gefahren, und bis "vielleicht 150 Meter hinter das Seltmann-Gelände" sei er gekommen.

Dann die Explosion, so gewaltig, dass er sie da oben am Fenster noch voll abbekommen habe. "Ein Feuerball, wie man ihn Kriegsberichten im Vorderen Orient kennt." Was ihn seitdem immer beschäftigt habe: "Die Flieger flogen gezielt an der Bahnlinie, die wussten, was da geladen war." Als er schließlich vor ein paar Wochen die Hintergründe zur Ladung dieses Zuges las (siehe Infokasten), wollte er unbedingt auch seine Geschichte erzählen: "Das muss ich noch abschließen."

Der Teenager hatte sich nach seinem traumatischen Erlebnis gleich auf Spurensuche gemacht: "Es gab da oben einen alten Herrn Beer mit einem Baugeschäft, der Schwiegervater meines Onkels." Ihm habe er seine schmerzhafte Beobachtung geschildert. "Der ist ein, zwei Tage später runter und hat sich den Unglücksort angeschaut." Der habe ihm anschließend von einem riesigen Krater erzählt, den die Sprengkraft der Ladung aufgerissen habe. "Eine fürchterliche Zerstörung der Siedlung", habe Beer konstatiert, "ein Großteil der Explosionsenergie ging offenbar den Hang rauf."

Was bei diesem Unglück mit der Lok passiert sei, habe er sich seitdem immer gefragt: "Die war ja unter Dampf, das müsste einen zusätzlichen Explosionsherd gegeben haben." Weitere Indizien zu der Katastrophe vom 16. April 1945 fand Beer bei der Schwester seines Vaters, die nach Schwarzenfeld geheiratet hatte. "Ich freute mich immer auf einen Besuch bei der Familie, da war immer was los."

Dieses Mal aber sei es nicht um Spiel und Spaß gegangen, sondern einige ältere Herren hätten lebhaft über die Weidener Explosion gesprochen. "Sie erzählten, dass sie einige Tage zuvor Fluorsäure beim Werk in Stulln verladen hätten." Natürlich sei das nur Spekulation, aber der zeitliche Zusammenhang sei schon frappierend. "Fluorwasserstoffsäure ist die hochreaktivste Flüssigkeit, die es gibt", beschreibt der Kunststofffertigungs-Ingenieur den Stoff, "der als Treibstoff für die V2-Raketen der Nazis in Peenemünde verwendet wurde." Die Fluorchemie Gruppe in Stulln besteht noch heute.

Flusssäure im Waggon?

"Hier schließt sich für mich der Kreis", sagt der alte Herr, "das wäre auch eine Erklärung, warum die Flieger so zielgenau auf den Zug losgingen." Was den einstmals jüngsten Schustermeister Bayerns - den Schuhladen am Oberen Markt gab er vor seinem Wechsel zu Wilden auf - wunderte: "In Weiden war der Schreck wohl so riesig, dass es auf einen Schlag so viele Tote gab, dass kaum mehr jemand darüber sprach.

Dabei hatte man den eigentlichen großen Bombenangriff auf Weiden glimpflich überstanden: "Der Bombenteppich hat die Stadt um 300 Meter östlich verfehlt." Getroffen worden seien der Fußballplatz der SpVgg und der Flutkanal: "Wir hatten den größten Spaß, weil darin riesige Löcher waren, in denen man wunderbar baden konnte." Auch die Wiesmann-Zeche sei knapp verfehlt worden: "Aber der Bau stand durch die Wucht ganz schief." Das eigentliche Ziel des Angriffs: das kriegswichtige Ausbesserungswerk der Eisenbahn.

Vorgeschichte einer Weltkriegs-Katastrophe:

Weidener Trauma

Die Vorgeschichte eines Weidener Kriegsdramas: Am 16. April 1945 fährt Lokführer Johann Wilhelm Grünwald (49) einen Sprengstoffzug aus der Stadt Weiden – unter Beschuss. Der Zug explodiert. „Als ich in dem Buch über das Kriegsende in Weiden von dem Zug las, war ich elektrisiert“, erzählt der Erbe eines Bakelit-Presswerks bei Marktredwitz. „Ich wusste sofort, das ist der Zug mit sieben Waggons unserer Munition.“ Auch Schilderungen, nach denen gelber Rauch aufstieg, seien charakteristisch: „Typisch für Pikrinsäure“, sagt Rudolf Zeitler. Sei Vater habe die explosive Fracht aus dem Werk geschafft und zusammen mit russischen Zwangsarbeitern am ehemaligen Bahnhof Seußen verladen. „Der Zug fuhr erst nach Marktredwitz und anschließend nach Weiden“, erzählt Zeitler.

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