15.10.2021 - 16:27 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Aus Eisen-Knorr wird Ziegler: Ein Lebenswerk wechselt den Besitzer

Eisen-Knorr und Dieter Kirchgeßner, das klang Jahrzehnte wie Jupp Heynckes und FC Bayern. Eine Ära mit viel Erfolg und Umsatz. Nun zieht sich der Unternehmer zurück und überlässt Stefan Ziegler mit einem spektakulären Deal das Feld.

Zwischen Armaturen und Schrauben, Werkzeug und Fertigteilen hat Dieter Kirchgeßner einen Großteil seines Lebens verbracht. Nun legt er die Firma Eisen-Knorr samt ihrer Mitarbeiter in die Hände von Stefan Ziegler.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Nach der Eröffnung des NOC im September 2019 ist dies wohl die aufsehenerregendste Nachricht aus dem Weidener Einzelhandel: Die Ziegler-Group aus Plößberg übernimmt zum 1. Januar 2022 Eisen-Knorr in der Pressather Straße mit seinen knapp 200 Mitarbeitern. Das teilten beide Seiten am Donnerstagabend mit. Der Vertrag wurde in den vergangenen Tagen unterzeichnet.

Damit geht die 54 Jahre währende Ägide von Dieter Kirchgeßner als Knorr-Inhaber zu Ende. Der 84-Jährige freut sich über den Coup, in den bis vor Kurzem außer dem Personal nur wenige eingeweiht waren. Der wichtigste Grund für Kirchgeßner: Die Firma bleibt ein Familienunternehmen in Weiden. "Ich hätte auch andere Interessenten gehabt." Nach Informationen von Oberpfalz-Medien war darunter ein Kandidat aus Österreich.

Ein Porträt von Dieter Kirchgeßner zum 80. Geburtstag

Wie zu erwarten, halten beide Parteien auf die Frage nach dem Kaufpreis dicht. Kirchgeßner deutet jedoch an, dass er wesentlich mehr hätte rausholen können. Der Betrag liege bei weitem nicht im zweistelligen Millionenbereich. "Ach, was sind ein paar Hunderttausend Euro hin oder her, es ging mir um den Forstbestand der Firma vor Ort. Der Ziegler hat ein gutes Geschäft gemacht", lacht der Patriarch, dem sein hellwacher Verstand in jedem Satz anzuhören ist.

Der neue Eigentümer imponiert ihm. "Stefan Ziegler ist 41. Ich war in dem Alter genauso ein Spinner." Was Kirchgeßner damit meint: Er selbst hat in seiner Laufbahn acht Firmen übernommen und sich bemüht, immer mit an der Spitze der technischen und gesellschaftlichen Entwicklung zu sein. Bei Ziegler ist Knorr inzwischen bereits die 21. Tochter. Eine weitere Übernahme unter dem Sparten-Oberbegriff "Dekoration" ist laut einem Unternehmenssprecher demnächst geplant.

Fit dank Hallenbad

Dieter Kirchgeßner gibt zu, dass er sich lange gewünscht hätte, dass eines der Kinder Ralph, Bernd oder Sonja in seine Fußstapfen tritt, doch er hat längst seinen Frieden damit gemacht, dass es nicht so gekommen ist. "Sie haben eben andere Begabungen, die man im Lauf der Zeit schätzen lernt, und sie sind glücklich mit ihrem Leben."

Eine Grund-Zufriedenheit ist dem Eisenwarenhändler alter Schule jedenfalls anzumerken. Er hat jetzt mal ein bisschen mehr Zeit, mit Ehefrau Sigrid in Bad Füssing auszuspannen. Fit genug für neue Aufgaben ist er. Im Haus hat er ein Hallenbad, in dem er täglich 300 bis 400 Meter seine Bahnen zieht. "Und ich bin an allem interessiert. Das beginnt damit, dass ich eure Zeitung jeden Morgen von vorn bis hinten durchlese."

Innenleben für Ziegler-Häuser

Mit dieser Einstellung sieht sich der Knorr-Chef in der Tradition seiner Vorgänger. "Ich bin der neunte Besitzer am neunten Standort, und wir sind immer gewachsen." Fortschritt sei die ganzen 250 Jahre seit der Gründung die Devise gewesen. "Das erste private Telefon in Weiden hatte die Firma Knorr."

Mit dem Einstieg von Ziegler sieht Kirchgeßner den Zug auf diesem Gleis weiterfahren. Die Plößberger setzen stark auf den Holzhaus-Fertigbau. Alles, was unter die Gebäudehülle gehört, könnte Knorr beisteuern: Heizung, Bad, Sanitär, Küche.

Damit rundet die Ziegler-Group ein Produktportfolio ab, an dem samt Knorr 2220 Beschäftigte an 17 Standorten arbeiten. Aus dem 1948 gegründeten Sägewerk ist inzwischen ein Multi mit sechs Branchen und Hunderten Millionen Euro Umsatz geworden: Holz, Logistik, Hausbau, Maschinenbau, Dekoration und Gastronomie. Das ist wohl noch längst nicht das Ende, verkündet die Firmenhomepage und prophezeit „more things to come“ - da kommt noch was.

Mehr zur Übernahme von Eisen-Knorr durch die Ziegler-Group

Weiden in der Oberpfalz

Die Fertighaus-Pläne von Ziegler in Tirschenreuth

Tirschenreuth
Kommentar:

Filetstück für die "Holz Fellas"

Was kaufen die denn noch alles? Das ist der Tenor in den Kommentarspalten sozialer Medien, kurz nachdem die Ziegler-Group sich als neue Knorr-Eigentümerin geoutet hat. Darin schwingt Bewunderung und Besorgnis mit.

Bewunderung, die bis zur Aufforderung reicht, sich alles einzuverleiben, was kein anderer zurzeit haben will, etwa Josefshaus und Vereinshaus, um daraus neue Gastronomie-Erlebnisse zu machen. Etwa in der Art des Steak-Tempels "Holz Fellas" in Wiesau.

Besorgnis einerseits, dass sich der einstige Holzhändler übernimmt und andererseits, dass er ungesunde Monopolstrukturen schafft.

Doch abgesehen von Polemik, dass jeder gerodete Baum auf einem Ziegler-Areal Frevel sei, stimmt der Knorr-Deal auch hoffnungsvoll. Denn je breiter Ziegler aufgestellt ist, desto krisenfester scheint die ganze Unternehmensgruppe. Knorr könnte in diesem Konstrukt ein wertvoller Baustein werden. Denn der Baumarkt im Weidener Westen hat gezeigt, dass er sich Jahrzehnte gegen übermächtige Konkurrenten behauptet hat, deren Werbeslogans aus dem Fernseher jedes Kind auf dem Schulhof nachsingen kann.

Friedrich Peterhans

Hintergrund:

Die Geschichte von Eisen-Knorr

  • 1746: Gründung von Georg Friedrich Zemsch, 1801 übernimmt sein Sohn Johann Friedrich
  • 1834: Johann Caspar Knorr aus Marktredwitz macht sich in Weiden selbstständig, 1841 übernehmen die Zemsch-Söhne Wilhelm und August das Geschäft
  • 1857: Knorr übergibt sein Geschäft an Johann Heinrich Bischoff, 1859 kauft Bischoff von der Witwe Zemsch das Haus Oberer Markt 13. Die Firma heißt nun J.C. Knorrs Nachfolger
  • 1870: Friedrich Mühlhofer aus Vohenstrauß kauft Haus und Geschäft
  • 1906: Bischoffs Neffe Johann Bamler übernimmt das Geschäft
  • 1945: Erich Kirchgeßner wird Teilhaber und 1947 Alleininhaber, 1952 erstmals über 1 Million Mark Umsatz
  • 1962: Sohn Dieter Kirchgeßner wird Teilhaber
  • 1964: Bau an der Pressather Straße
  • 1967: Erich Kirchgeßner stirbt mit 55 Jahren, Sohn Dieter übernimmt
  • 1991: Übernahme der Firma Neumeier
  • 2004: Änderung der Rechtsform in Eisen Knorr AG, Dieter Kirchgeßner ist Vorstand
  • 2006: Günther Kötteritzsch und Carl Rudolf Pfletscher ergänzen den Vorstand
  • 2010: Dieter Kirchgeßner wechselt in den Aufsichtsrat
  • 2021: Verkauf an die Ziegler-Group

 

 

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