24.09.2021 - 13:52 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Artenvielfalt behindert Bauleitverfahren für Ziegler-Ansiedlung nicht

Schon jetzt steht fest: Flora, Fauna und Tierbestand im Engelmannsholz sind wesentlich umfangreicher als gedacht. Dennoch ist die Bauleitplanung für die Ziegler-Ansiedlung nicht gefährdet.

Auf 35 Hektar im Süden von Tirschenreuth will die Ziegler-Group für 220 Millionen Euro einen Standort (grob eingezeichnete Fläche) für die Herstellung von modernen Fertighäusern aus Holz bauen. Im Zuge der Bauleitplanung werden umfangreiche Umweltprüfungen durchgeführt. Einen Zwischenbericht gab Planer Dietmar Narr in der Septembersitzung des Stadtrats.
von Lena Schulze Kontakt Profil

Landschaftsarchitekt und Stadtplaner Dietmar Narr vom Planungsbüro NRT referierte in der Stadtratssitzung am Donnerstagabend im Kettelerhaus über die ersten Ergebnisse der Bestandsaufnahme im Areal rund um das Engelmannsholz. Dort plant die Ziegler-Group, auf 35 Hektar einen Standort für die Herstellung von modernen Fertighäusern aus Holz für 220 Millionen zu errichten.

Frühzeitig alle Fakten kennen

Die Bestandsaufnahme für Flora, Fauna und Tiere am geplanten Industriestandort sowie im Gebiet drum herum laufen seit Dezember 2020. Parallel werden aktuell Boden-, Wasser- und Verkehrsgutachten erstellt. Narr betonte, dass dieser Zwischenbericht nichts Abschließendes sei. „Wir sind immer noch bei der Arbeit. Aber wir haben keinen Anlass, etwas unter den Tisch zu kehren.“ Untersucht wurde ein weit größeres Areal – nicht nur das Bebauungsplangebiet –, um die funktionalen Zusammenhänge zu verstehen. Die Ergebnisse würden in die Planung mit einfließen. „Wir sind sehr gründlich und wollen, dass uns da nichts entgeht! Wir wollen frühzeitig alle Fakten kennen.“ Bei den Umweltprüfungen werde mit spezialisierten Biologen aus der Region zusammengearbeitet. Auch werde die Untere Naturschutzbehörde am Landratsamt einbezogen.

Narr machte deutlich, dass die Fläche grundsätzlich frei von Schutzgebieten ist. Das Areal sei ein Lebensraumkomplex, in dem Moor, Offenland sowie Waldgebiet aufeinanderträfen, erklärte Narr. Mitten im geplanten Industriegebiet gebe es eine Erhöhung samt Bachlauf, Nasswiesen und Buchen. Die Planer interessiere auch, welche Auswirkung die Bebauung auf die angrenzenden Gebiete, etwa das Moor, habe oder wie das Bewässerungssystem funktioniere. „Wir schauen ganz genau hin und fertigen eine detaillierte Kartierung“, versprach Narr. Die Ackerlandschaft an der B15 mache dem Büro keine Sorgen.

Acht Fledermausarten

Die Artenvielfalt im Gebiet um Engelmannsteich und -holz sei größer als gedacht. „Wir haben bisher mehr als 150 verschiedene Arten gefunden“, spricht Narr eine Vielzahl von verschiedene Tieren und Vegetationstypen an. Am artenreichsten seien die Feldermäuse. Vor einigen Jahren ließ die Stadt Nistkästen für die Tiere aufhängen. Es wurden acht verschiedene Fledermausarten festgestellt. „Das ist bemerkenswert.“ Besonders auch deren Reproduktionsvorkommen und Aktivität – Narr berichtete von 287 Aufnahmen pro „Batcoder“ pro Nacht. „Da müssen wir aufpassen. Da kann man nicht darüber wegsehen.“ Die Tiere müssten gesichert und umgesiedelt werden. Da auch Randbereiche untersucht wurden, müsse nun festgestellt werden, in wie weit das Planungsgebiet betroffen sei. Im Feuchtwaldgebiet südöstlich des Engelmannsteich gebe es Höhlenbäume, die verpflanzt werden müssten.

An sonstigen Säugetieren wurde vermehrt Biber sowie Eichhörnchen, Bisam, Rehe, Füchse oder Igel nachgewiesen. Für die Haselmaus gibt es keinen Nachweis. Von 120 Niströhren ist keine besetzt. Bei den Vögeln wurden 100 Arten nachgewiesen, davon 58 Arten mit Brutnachweis. Allerdings handelt es sich nicht um störungsempfindliche Arten. „Die Arten, die uns Probleme machen würden, haben wir hier, im Planungsgebiet nicht brütend“, verdeutlichte Narr. Fisch- und Seeadler seien nur als Nahrungsgäste in renaturierten Bereichen. Der Uhu wurde südöstlich im Kaolin-Abbaugebiet gesichtet.

An Reptilien wurden Blindschleichen, Ringelnattern und vier Kreuzottern nachgewiesen. Letztere stehen auf der Roten Liste und gelten in Bayern als „stark gefährdet“. Amphibien, wie Kröten und Frösche, kommen besonders am Gewässerrand und in Waldflächen vor.

Kartierungen wurden ebenfalls für Tagfalter, Libellen und Heuschrecken gemacht. Bei den Tagfaltern ist die Auswertung laut Planer noch im Gang. Bisher wurden 40 Arten im Gebiet nachgewiesen, 6 davon stehen auf der Roten Liste. Bei den Libellen wurden 30 Arten entdeckt, davon 3 Rote-Liste-Arten. Im Gebiet gibt es 15 Heuschrecken-Arten, davon auch die Gefleckte Keulenheuschrecke, die auf der Roten Liste steht.

Verfahren im Zeitplan

„Die hohe Artenvielfalt ist schön, das freut mich“, gab Narr zu. Einige Arten „machen natürlich Arbeit, aber es wurde nichts gefunden, was die Planung infrage stellen würde.“ Die Planer würden sich damit arrangieren.

CSU-Fraktionsvorsitzender Huberth Rosner erkundigte sich, wohin etwa die Fledermäuse verpflanzt werden. Darauf antwortete Narr, dass der Prozess noch in vollem Gange sei. Wenn die Ausgleichsflächen feststehen, erörtere man die Umsiedlung gemeinsam mit Stadtförster Stefan Gradl und dem Fledermausbiologen. Manfred Zandt, Fraktionssprecher der Freien Wähler, fragte nach dem Zeitplan. Derzeit seien alle Beteiligten mit Arbeit eingedeckt, antwortete Narr. Ende des Jahres könne er dazu genauere Angaben machen, doch man sei im Zeitplan. Konrad Schedl, Sprecher der Fraktionsgemeinschaft Bündnis 90/Die Grünen und SPD, erklärte, dass man nicht gegen das Projekt sei, es aber kritisch begleite. „Ihr Bericht hat meine Bauchschmerzen vergrößert.“

Diese Bedenken kann Alfred Scheidler (CSU) verstehen. Was ihn beruhigte, seien die Ausgleichs- und Kompensationsmaßnahmen in einem späteren Schritt: „Da kann viel gemacht werden.“ Dem stimmte Jürgen Steinhauser (FW) zu. Die Stadt engagiere sich in Sachen Naturschutz und Artenvielfalt. Auch Ziegler möchte nachhaltig produzieren.

Stahl informierte, dass kürzlich ein konstruktives Gespräch mit der „Aktivgruppe Engelmannsholz" geführt wurde. Die Stadt möchte das Bauleitverfahren für die Bürger so transparent wie möglich halten.

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