10.07.2021 - 09:16 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Ermittlungen gegen Flossenbürger KZ-Wärter (96)

Ist er der letzte noch lebende SS-Wachmann des Konzentrationslagers Flossenbürg? Die Staatsanwaltschaft Weiden ermittelt gegen einen 96-Jährigen aus Unterfranken. Sein Wehrpass weist ihn als Mitglied des SS-Totenkopf-Sturmbanns aus.

Die Staatsanwaltschaft Weiden ermittelt gegen einen 96-Jährigen. Er soll 1945 der SS im Konzentrationslager angehört haben. Sein Wehrpass – und 1159 weitere – ist in Prag aufgetaucht. Im Bild ein Teil der letzten Wärter von Flossenbürg.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Ein "Sack voller Wehrpässe"

Die Vorermittlungen führte die Zentrale Stelle Ludwigsburg. Sie ist seit 1958 bundesweit zuständig für die Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Leiter Oberstaatsanwalt Thomas Will bestätigt dies gegenüber Oberpfalz-Medien; Oberstaatsanwalt Christian Härtl bestätigt für die Staatsanwaltschaft Weiden die Übernahme des Falls. Weiden ist aufgrund des Tatortprinzips zuständig.

Ausgangspunkt ist der Wehrpass des heute 96-Jährigen. In Tschechien sind vor einigen Jahren die Wehrpässe der letzten SS-Wärter des Konzentrationslagers Flossenbürg von 1945 aufgetaucht. 1160 Stück. Darunter sind Männer aus ganz Deutschland: ein Klempner aus Hamburg, ein Kaufmann aus Karlsruhe, ein Tischler aus Eger, Hilfsarbeiter, Fleischer, Landwirte... Einige auch aus der Oberpfalz.

Einer lebt noch: der 96-Jährige aus Unterfranken. Bundesweit laufen nach Auskunft des Ludwigsburgers Oberstaatsanwalts Will aktuell zehn Ermittlungsverfahren, nur dieses eine betrifft Flossenbürg. Bei den anderen geht es um Beschuldigte aus den KZ Buchenwald, Ravensbrück, Neuengamme, Sachsenhausen sowie dem Kriegsgefangenenlager Stalag VI C in Bathorn. Zudem sind drei Anklagen erhoben: gegen Personal der KZ Stutthof und Sachsenhausen.

Wird es im Fall des 96-Jährigen in Weiden soweit kommen? Laut Oberstaatsanwalt Härtl können noch keine Aussagen zum Gesundheitszustand des Beschuldigten getroffen werden. Gleiches gilt für seine Rolle im System.

Die Situation 1945

Alle Wehrpässe aus dem Archiv tragen den Stempel des "SS-Totenkopf-Sturmbanns Flossenbürg". Und der ganze große Teil der Männer kam erst Anfang 1945, also in den letzten Kriegsmonaten, als Wachpersonal nach Flossenbürg. Julius Scharnetzky, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Leitung der KZ Gedenkstätte, beschreibt die Lage in diesem Zeitraum: "Die Situation war geprägt von Überfüllung." Tausende Häftlinge treffen aus den geräumten Lagern im Osten Europas ein. Sie haben tagelange Fußmärsche oder Transporte in offenen oder geschlossenen Güterwaggons hinter sich. Sie sind entkräftet und nach jahrelanger Verfolgung und Inhaftierung in einem schlechten körperlichen Zustand.

Im Hauptlager mangelt es nicht nur an Platz, sondern auch an Medikamenten und Nahrung. Um die Jahreswende 1944/1945 grassiert eine Fleckfieberepidemie. Im Februar 1945 sind auf dem Gelände etwa 15000 Gefangene untergebracht, die Normalbelegung liegt bei 4000.

Zwischen Januar und April 1945 sterben im Hauptlager Flossenbürg laut Scharnetzky nachweislich mindestens 3458 Häftlinge an den Bedingungen oder durch gezielte Tötungen der SS. Da die Verbrennungsanlagen nicht mehr ausreichen, beginnt die SS, die Toten unter freiem Himmel zu verbrennen.

Das Lagersystem explodiert regelrecht. Soldaten der aufgelösten Luftwaffe werden als Wärter in Konzentrationslagern eingesetzt, ebenso Wehrmachtssoldaten. Die Inhaber der gefundenen Wehrpässe waren zum Großteil vorher an der Front eingesetzt. "Diese Männer wurden nominell Mitglieder der SS, aber ohne deren Insignien", meint Scharnetzky. "Sie trugen weiter ihre Wehrmachtsuniformen." Zum 31. Januar 1945 zählte die SS-Totenkopf-Sturmbann in Flossenbürg und den Außenlagern 2564 männliche Angehörige und 515 Aufseherinnen. Das Verhältnis lag bei 16 Gefangenen auf einen Wärter und 5 weiblichen Häftlingen pro Aufseherin.

Woher kommt der "Sack" voll Wehrpässe, der jetzt für das Ermittlungsverfahren sorgt? Nazis waren "berühmt" für überbordende Bürokratie. Fein säuberlich wurde alles notiert. Mit Anrücken der Westalliierten versuchte die SS-Registratur möglicherweise, die verräterischen Wehrpässe in Sicherheit zu schaffen. Außer Griffweite erschien die besetzte Tschechoslowakei.

Hier schlummerte der Bestand während des Eisernen Vorhangs vor sich hin. Nach der Öffnung der Grenzen zeigten Mitte der 1990er Jahre Briten und Amerikaner großes Interesse. Ihr Ziel: die Aufklärung und Ahndung von Kriegsverbrechen im Nationalsozialismus. "Erst viel später interessierte sich die deutsche Staatsanwaltschaft für die Sammlung", teilt das Prager Militärarchiv mit. Im 21. Jahrhundert nimmt in Deutschland die "Operation Last Chance" Fahrt auf. Das Demjanjuk-Urteil 2011 bedeutet eine Wende: Erstmals genügt einem deutschen Gericht, dass ein Angeklagter "Teil der Vernichtungsmaschinerie" war - ohne konkreten Einzeltatnachweis.

2017 stellt das Prager Militärarchiv die Wehrpässe ungeschwärzt im Internet (www.vuapraha.cz). Die Tschechen sind wenig zimperlich, was die Veröffentlichung von Daten anbelangt: Alle 1160 Karten sind online abrufbar. Angehörigen wird möglicherweise der Kaffeelöffel aus der Hand fallen, wenn sie den Namen des Opas oder Uropas lesen - oder auch nicht. Keiner weiß, wie viel die Familien letztlich über den "Kriegseinsatz" ihrer Ahnen wissen.

Die Zentrale Stelle Ludwigsburg hat die 1160 Wehrpässe nach Überlebenden durchforstet. Der ganz große Teil schied aufgrund des Geburtsjahres aus, über ein Drittel ist vor 1899 geboren. Nur eine Handvoll der SS-Wachmänner ist jünger als der jetzt Beschuldigte (Jahrgang 1924). Der Jüngste ist 1927 in Saarbrücken geboren.

Am Ende blieb nur der Greis aus Unterfranken übrig. Während seines Kriegseinsatzes war er 18 bis 21 Jahre alt. Thomas Will, Leiter der Zentralen Stelle Ludwigsburg, erwidert die Zweifel an der Strafverfolgung, ehe sie geäußert sind: "Es geht letztlich immer um die Frage: Ist das recht oder richtig? Und ich sage: Ja. Es gibt keine Grenzen für Verfolgung." Und: Dieses Ermittlungsverfahren wird ohnehin eines der letzten sein. "Das ist eine biologische Sache.

Nur zehn Verfahren

Ist es zu spät? Die juristische Aufarbeitung der Verbrechen im KZ Flossenbürg lief von jeher "eher mangelhaft", so Julius Scharnetzky, Sprecher der Gedenkstätte. Nach den Dachauer Prozessen (52 Angeklagte aus dem KZ Flossenbürg, 40 Schuldsprüche) vor einem US-Militärgericht kam es vor ostdeutschen Gerichten zu 7, vor westdeutschen Gerichten noch zu 10 Verfahren. Davon verhandelte das Landgericht Weiden gegen fünf Beteiligte, Amberg gegen zwei - bei tausenden "Mitarbeitern" des KZ Flossenbürg

Hintergrund:

Lagerpersonal des KZ Flossenbürg: Fünf Gerichtsprozesse am Landgericht Weiden

In den Dachauer Kriegsverbrecherprozessen ab 1946 verurteilte ein US-Militärgericht auch Lagerpersonal des KZ Flossenbürg. Insgesamt standen 94 Angeklagte vor Gericht. 18 Mal wurde die Todesstrafe verhängt. Vor westdeutschen Gerichten kam es in der Folge nur noch zu 10 Verfahren – bei tausenden „Mitarbeitern“ des KZ Flossenbürg. Das Landgericht Weiden verhandelte letztlich gegen 5 Beteiligte:

  • Adolf Nies: Der 1906 in Weilburg an der Lahn geborene Maschinenbauer kam 1941 zu den Wachmannschaften ins KZ Flossenbürg und führte Hinrichtungen durch. Nies war ab Ende 1944 im Außenlager Bayreuth, dann im Frauenlager Mittweida mit 500 weiblichen Häftlingen eingesetzt. Die Frauen beschreiben ihn übereinstimmend als „brutal“. Nach dem Krieg tauchte er unter. Als ihn die Ehefrau bei einem Wohnortwechsel abmeldet, wird er verhaftet. Das Landgericht Weiden verurteilt ihn 1955 zu 4 Jahren Haft.
  • Hermann Fischer: Geboren 1883 in Coburg, Mediziner und Standortarzt im KZ Flossenbürg. Er assistierte bei der Hinrichtung von Bonhoeffer und Canaris. Das Landgericht Weiden verurteilt ihn 1956 zu 3 Jahren Haft.
  • Baptist Kübler: Kübler war 1. Kommandoführer in Krondorf-Sauerbrunn nördlich von Karlsbad, einem Außenlager des KZ Flossenbürg. Der Bauleiter muss die Gefangenen vor Misshandlungen durch Kübler schützen. Das Landgericht Weiden verurteilte ihn zu fünf Jahren Haft.
  • Franz Christian Weck: Der Dentist, geboren 1903 in Wien, war stellvertretender Leiter der politischen Abteilung. In dieser Funktion wirkte er bei Genickschusshinrichtungen von mindestens 20 Häftlingen mit, in mindestens zwei Fällen hat er nach Erkenntnissen des Landgerichts Weiden selbst geschossen. Die Richter verurteilen ihn 1956 zu 5,5 Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord.
  • Hugo Rochel: Der nur 1,50 Meter große Mann galt unter Häftlingen als „brutalster Kapo“ im Steinbruch des KZ Flossenbürg. Das Schwurgericht verurteilte den Rentner aus Köln 1967 zu lebenslanger Haft.

2014 ermittelte die Staatsanwaltschaft Weiden gegen einen ehemaligen Funker des KZ Flossenbürg

Der Fall Johann Breyer: 2014 stirbt der KZ-Wachmann aus Auschwitz kurz vor der Auslieferung

1967 gab es lebenslänglich für die "Ratte" Hugo Rochel

 

 

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