29.08.2019 - 12:03 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Der erste Eindruck zählt

Viele Wege führen zur großen Liebe. Einer davon führt durch Reinhold Langs Büro. Er vermittelt Partnerschaften. Seit mittlerweile 33 Jahren ist er im Auftrag der Liebe unterwegs.

Es ist nie zu spät für das große Glück.
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Swipe. Was für ein fürchterliches Tattoo am Oberarm. Weg, ab damit nach links. Oh, hübsche Augen. Rechts. Ein Match! Innerhalb von Sekunden entscheiden sich Singles, ob sie jemanden kennenlernen möchten - oder eben nicht. Die Informationen: Bild, Name, Alter. Das reicht nicht, findet Reinhold Lang.

In Zeiten von "Tinder" & Co. hat er sich spezialisiert. "Wer zu mir kommt, ist meist bei der Partnersuche im Internet schon gescheitert", sagt Lang. Er sei nicht die erste Wahl, das wisse er. "Aber eigentlich finde ich das ganz gut so." Es komme nur zu ihm, wer es wirklich ernst meine. Reinhold Lang, 63, ist Partnervermittler. Sein Geschäftsmodell ist das genaue Gegenteil zum schnelllebigen Tinder: Erst nach einem zwei- bis dreistündigen Gespräch unter vier Augen nimmt er jemanden in seine Kundenkartei auf. Dann startet Amor den Datenabgleich: Alter, Religion, Figur, Bildung, Raucher, Hobbys, Kinder, Partnerwünsche. Interessen und Angaben müssen grob übereinstimmen, das ist die Grundlage. Alles andere basiert auf Langs Erfahrungswerten.

Für ihn zählt besonders der erste Eindruck von einem Menschen. Er sitzt in einem Ledersessel und blättert durch seine Kartei. Blaues Hemd, rot-grau-blau gestreifte Krawatte, Jeans. In einer Mappe "seine" Singles, ordentlich in Klarsichthüllen abgelegt, manche mit Foto. "Regensburg, Luhe, Eschenbach, Hirschau, Burglengenfeld, Oberviechtach. Alles Neuzugänge." Immer wieder betont er, er sei kein Kuppler, sein Job sei es, Informationen zu vergleichen und weiterzugeben. Man könnte denken, er sei aus der Zeit gefallen.

Aus den Kontaktanzeigen

Er erzählt von einer Dame, "68 Jahre, geschieden, aus dem Raum Amberg". Redet er über seine Kunden, wirkt es manchmal, als würde er Kontaktanzeigen vorlesen. Doch er liest nicht, er hat alles im Kopf. Die Ambergerin war auf der Suche nach einem wohlhabenden, gebildeten Mann in ihrem Alter - unbedingt aus der Region. "Bei ihren Ansprüchen aber habe ich gleich gesagt: Das habe ich nicht." Trotz seiner Skepsis war sie zuversichtlich und kündigte an, sie warte gerne auch längere Zeit auf den Richtigen. Und so lange sollte es gar nicht dauern, da meldete sich ein Witwer, weit über 80, bei ihm. Perfekt würde er passen, dachte sich Lang. Ein ehemaliger Unternehmer, Amberger noch dazu. "Und er wollte die Frau unbedingt kennenlernen." Sie aber wollte keinesfalls einen Mann über 75 - schließlich wolle sie noch Sex haben, habe sie gesagt. Lang lacht. "Als ich dem Herren das erzählt habe, meinte er: Das mit dem Sex, das kriegen wir schon hin."

Reinhold Lang vermittelte die beiden und gab dem Senior die Möglichkeit, ihr sein Alter selbst zu beichten. Was er nach mehreren Treffen auch tat. Die Folge: Ein erbost-empörter Anruf der Frau. Und - einige Monate später - doch eine Beziehung. "Hält bis jetzt", sagt Lang. Hätte er nicht Amor gespielt, hätten die beiden wohl nicht zusammengefunden.

Sex und Lügen

Lang will wissen, wer sein Kunde ist, wo er herkommt und wieso seine letzte Beziehung zu Bruch gegangen ist. Er will wissen, welche Schicksalsschläge der Suchende hinter sich hat und was er sich für die Zukunft wünscht. "Online sind viele nur auf der Suche nach schnellem Sex - dafür lügen sie dann auch, was das Zeug hält", sagt der 63-Jährige. Seine Kunden suchen ernsthafte Beziehungen. Gerade ältere Menschen, geschieden oder verwitwet, wenden sich oft an ihn. Lang betreut - "spezielle Fälle" nennt er es - zum Beispiel eine evangelische Pfarrerin. Mehrmals bekräftigt er, dass er nicht mit Masse dienen kann. "Wenn jemand nur möglichst viele Namen und Adressen sammeln möchte, muss ich sagen, dafür bin ich nicht zuständig." Einem Neukunden sendet er anfangs drei bis fünf Kontaktvorschläge. "Wenige, aber ordentliche."

Die Liebe ist sein Geschäft. Das hört man. Im Wortschatz wenig "Liebe", "Leidenschaft" oder "Gefühl". Stattdessen fallen Wörter wie "Partneranalyse", "Diskretion", "Erstkontakt" und "Anspruch". Macht er einen Vorschlag, der von beiden Seiten akzeptiert wird, rückt er nur die Telefonnummern heraus. Keine Adressen, keine Fotos. Datenschutz. Ist jemand nur per Post erreichbar, bekommt der Brief ein paar Tage Vorsprung vor der E-Mail.

Weit und breit einmalig

Die nächste Partneragentur sei locker 300 Kilometer entfernt. Zumindest innerhalb des Berufsverbandes. In Stuttgart. Oder Frankfurt. Und er sei bei weitem der Jüngste seiner Zunft. Als er in das Geschäft mit der Liebe eingestiegen ist, gab es fast 30 Agenturen alleine in der Oberpfalz. Am 15. Februar 1986 hielt er seine erste Gewerbezulassung in Händen. Sein Büro ist im fünften Stock eines Wohngebäudes mitten in Weiden. Ledercouch, Palmen, weiße Gardine, Schrankwand. Seit 33 Jahren hilft er als "Institut Fortuna" der Liebe auf die Sprünge. Mehr als tausend Paare habe er zusammengebracht, sagt Lang.

Er möchte noch einige draufsetzen und "auf jeden Fall noch zehn Jahre weitermachen". Seine Vermittlungsquote liegt bei 80 Prozent. Ein Oberpfälzer meldete sogar seine serbische Cousine an, Bäckerin von Beruf. "Und sie sprach zu dem Zeitpunkt kein Wort Deutsch." Lang fand einen Mann für sie. Friede, Freude, Eierkuchen. "Im Nachhinein habe ich noch zwei Mal mit dem Mann telefoniert. Er war begeistert - und musste nie wieder Brot kaufen." Lang lacht.

Ab und zu klingelt sein Telefon und jemand fragt ihn "Erinnern Sie sich noch an mich?" Wie eine Frau, die kurz nach Neujahr anrief und sich bedankte: 1988 habe Lang der Anruferin den jetzigen Ehemann vorgeschlagen. Volltreffer. Sie sind noch zusammen - und glücklich. Oder ein Mann: "Ingenieur, vor mehr als 20 Jahren vermittelt, Ehe zerbrochen." Ihn habe er wieder in die Kartei aufgenommen - in diesem Fall als neuen Auftrag. "Zerbricht eine junge Beziehung, die ich vermittelt habe, allerdings schon nach einem halben Jahr wieder, ist das etwas anderes. Dann schicke ich beiden - wenn sie möchten - wieder neue Kontaktvorschläge." Flatrate. Aber: "Ob es klickt macht, ist nie berechenbar. Gefühle füreinander kann ich nicht bestellen, auch wenn alle äußeren Umstände passen." Lang habe es zwar im Gefühl, welche Kombination funktionieren könnte und welche keinesfalls - aber Garantie gebe es eben keine.

Das Schöne an seinem Job: "Dass so viele meiner Kunden eine glückliche Zukunft vor sich haben." Jede Geschichte sei anders - und trotzdem sieht er Parallelen, sagt Lang. "Während Männer weniger Wert darauf legen, welchen Beruf die Frau ausübt und wie viel Geld sie verdient, achten sie auf Figur und Aussehen." Die Frau, meint Lang, sorge sich dagegen um die Sicherheit der Familie und möchte sich und ihre Kinder versorgt sehen. Was aber gar nicht funktioniere, sei ein zu gravierender Unterschied in Sachen Bildung.

Mit überzogenen Wunschvorstellungen habe er öfter zu tun. "Frauen ab 50 wünschen sich oft jüngere Männer." Schwierig, findet Lang. Auch umgekehrt: Facharzt in Rente, 86, mehrmals geschieden, sucht Frau um die 40. Langs Einschätzung: "Unrealistisch." Das habe er dem Senior damals erklärt, sei dabei aber auf Unverständnis gestoßen. "Da habe ich meine Mappe zugeschlagen und ihm gesagt, dass er bei mir falsch ist."

An der Nasenspitze

Lang schwört auf sein Feingefühl. Und seine Menschenkenntnis. "Letztes Jahr wollte mir ein Mann erzählen, er arbeite für den Geheimdienst." Er lacht. Betrüger erkenne man, manchmal sogar an der Nasenspitze, sagt Lang. So einfach sei es aber nicht immer: "Senior, gepflegtes Auftreten, saubere Fingernägel, selbstbewusst." Er sei einst Polizist gewesen, habe eine gute Rente und wolle eine betuchte Dame kennenlernen. So weit, so gut, dachte Lang. Doch nach dem ersten Telefonat mit einer Frau, die sich mit ihm getroffen hatte, erhärtet sich sein Verdacht: Ihr hatte er eine komplett andere Version seiner Lebensgeschichte erzählt. "Dazu kamen immer neue Ausflüchte, weshalb er mir das vereinbarte Honorar nicht überweisen könne." Lang nahm ihn aus seiner Kartei. Kaum ein halbes Jahr später stand der "falsche Polizist" wegen Betrugs vor Gericht.

Lang wirbt mit Seriosität und Diskretion. "Was ich tue, tue ich auch aus Erfahrung. Ich hab das ja auch selbst durchgemacht." Seine Frau, gebürtige Ukrainerin, lernte Lang vor 25 Jahren auch durch Partnervermittlung kennen. "Ich wollte mein Glück nicht länger in den Regensburger Bars und Kneipen versuchen." Im Mai 1994 lernte er sie kennen, wenige Monate später waren sie bereits verheiratet. Fast zu schön, um wahr zu sein.

"Während Männer weniger Wert darauf legen, welchen Beruf die Frau ausübt und wie viel Geld sie verdient, achten sie auf Figur und Aussehen", verrät Reinhold Lang.
Reinhold Lang ist Partnervermittler. Sein Geschäftsmodell ist das genaue Gegenteil zum schnelllebigen Tinder: Erst nach einem zwei- bis dreistündigen Gespräch unter vier Augen nimmt er jemanden in seine Kundenkartei auf.
Gerade ältere Menschen, geschieden oder verwitwet, wenden sich oft an Reinhold Lang.

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