15.05.2019 - 14:09 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Europa als Sehnsuchtsort"

Die Familie von Margot Käßmann hat Migrationshintergrund, wie sie verrät. Das Thema Flüchtlinge ist aber auch aus anderen Gründen eine Herzensangelegenheit für die Sechzigjährige. Mit Jost Hess tauscht sie sich dazu kundig aus.

Im Franz-Joachim-Behnisch-Saal der Regionalbibliothek unterhielt sich die frühere Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann als Botschafterin des Kinderhilfswerks Terre des Hommes mit dem Leiter des Weidner Arbeitskreises Asyl, Jost Hess. Dieses "Werkstattgespräch" verstand sich als Begleitung zur Ausstellung "Alle in einem Boot. - Karikaturen zu Afrika und Europa", die in der Regionalbibliothek zu sehen ist.
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Dass die frühere Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Dienstag Abend in der Regionalbibliothek beim Talk mit Hess "Hitzewallungen" bekam, hatte weder mit ihrem Gesprächspartner, noch mit ihrem Alter, noch mit dem Thema zu tun - es war schlicht zu warm im Franz-Joachim-Behnisch-Saal. Dem konnte abgeholfen werden, und als dann auch noch die Probleme mit den bollernden Mikrofonen gelöst waren, setzte Jost Hess zu einem langen Eingangsstatement an.

"Wir haben im Arbeitskreis Asyl Weiden täglich mit Flüchtlingen zu tun", versicherte Hess, der auch in der Organisation Terre des Hommes tätig ist, die den Gesprächsabend mit verantwortet hat. Margot Käßmann hat ebenfalls engste Kontakte zu Terre des Hommes - ist sie doch seit eineinhalb Jahren Botschafterin des internationalen Kinderhilfswerks. Hess erinnerte im Zwiegespräch an die schlimmen Schicksale, die hinter den Fluchtbiografien stecken würden, und bedauerte, dass die Bundesrepublik ihr "phantastisches Grundgesetz" gerade beim Flüchtlingsschutz eingeschränkt habe.

Dass ihr das Thema Flucht "bis heute nahe geht", machte Margot Käßmann unter anderem daran fest, dass ihre Familie in den Wirren des Zweiten Weltkriegs von Hinterpommern nach Hessen verschlagen wurde: "Eine Schwester meiner Großmutter hatte dort einen Förster geheiratet." Während die Familie Käßmann damals wusste, wohin sie sich wenden konnte, sei das bei den modernen Flüchtlingen nicht der Fall. "Aber sie haben Europa als Sehnsuchtsort", sagte sie; Europa habe Amerika in dieser Rolle abgelöst.

Ein paar Mal zeigte Käßmann klare Kante. "Die Länder im Norden haben es sich zu leicht gemacht und Italien und Griechenland allein gelassen", klagte sie mit Blick auf die Bewältigung der Flüchtlingsströme. Natürlich wisse sie, "dass es eine große Angst vor Migration gibt" - mit den bekannten innenpolitischen Folgen nicht nur in Deutschland. Sie mahnte mehr Diskussion an: "Wir müssen auch mit den AfD-Wählern reden." Und es müsse klar sein: "Es gibt Asylgründe - und es gibt keine." Wer keinen Fluchtgrund habe, sollte auch nicht bleiben dürfen; und auch nicht jene, die die Vorgaben des Grundgesetzes missachten und nur in "Parallelwelten" leben wollten, Stichwort Araber-Clans in Berlin-Neukölln.

Ob es aber sinnvoll sei, einen Asylbewerber, der sich integriere, Deutsch könne und Altenpflege lerne, abzuschieben und dafür eine Altenpflegekraft aus Korea einreisen zu lassen, sei fraglich. Käßmann plädierte für einen "zweiten Weg" neben den üblichen Verfahren.

Wie komplex das Thema ist, arbeiteten Hess und Käßmann auch an ihren Gedanken zum "Braindrain" in Afrika heraus. Gemeint ist, dass dort die besten und intelligentesten jungen Leute weggehen. "Wer baut dann das Land auf?" fragte Käßmann, die entsprechende Erfahrungen in Ruanda gesammelt hat.

Diskutiert wurde überdies, dass die deutsche Regierung mit ihrer Genehmigung von Waffenxporten in Krisengebiete Fluchtursachen fördere. "Wir sollten nicht Waffen liefern, sondern zur wirtschaftlichen Verbesserung der Situation beitragen", forderte Hess, der einen solchen Willen der Regierenden vermisste.

Asyl, Flucht und Migration sind Themen, die Politik und Gesellschaft vor große Herausforderungen stellen. Integration wird dabei heiß diskutiert - auch von Margot Käßmann und Jost Hess, die sich am Dienstag zu einem "Werkstattgespräch" in der Regionalbibliothek getroffen haben.
Vor der Veranstaltung im Franz-Joachim-Behnisch-Saal der Regionalbibliothek unterhielten sich die beiden Referenten Margot Käßmann (Mitte) und Jost Hess mit der Buchhändlerin Maria Rupprecht (links), die Käßmanns zahlreiche Publikationen auf einem Büchertisch bereit hielt.

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Dr. Jürgen Spielhofen

Und es müsse klar sein: "Es gibt Asylgründe - und es gibt keine." Wer keinen Fluchtgrund habe, sollte auch nicht bleiben dürfen; und auch nicht jene, die die Vorgaben des Grundgesetzes missachten und nur in "Parallelwelten" leben wollten.

Klare Worte von Frau Dr. Käßmann! - Dies ist der Standpunkt der AfD von Anfang an. Wenn nun der Beifall von der "falschen Seite" beklagt wird, dann liegt es wohl daran, dass der gesunde Menschenverstand parteiübergreifend ist und auf Dauer nicht ausgeblendet werden kann!

17.05.2019