13.07.2020 - 18:03 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Exotische Falter oder Giftspinnen: Manfred Ströhle aus Weiden kennt sie (fast) alle

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Bei exotischen Fundtieren ist Insektenkundler Manfred Ströhle oft Nothelfer. Zuletzt fischte er eine Giftspinne aus dem Olivenbaum eines Pirkers. Seine Leidenschaft aber gehört Schmetterlingen. Sie schaffen es sogar in seinen Kühlschrank.

Schmetterlinge
von Stephanie Hladik Kontakt Profil

Am liebsten schlägt sich Manfred Ströhle in Ostafrika durch den Urwald Äthiopiens. Dorthin brachte ihn sein Hobby, das Erforschen und Sammeln von spinnerartigen Nachtfaltern, bereits 15 Mal. "Es ist mein Lieblingsland", sagt der 63-jährige Insektenkundler und Polizist im Ruhestand, der auch Mitbegründer des Entomologischen Arbeitskreis Nordostbayern ist. Im Moment herrsche in dem Land aber Krieg. Auch andere Reiseprojekte müssen aufgrund der Corona-Pandemie warten. Heuer sollte es nach Westafrika auf die Insel Sao Tomé und Principe in Äquatornähe gehen. "Wir wollten im März fliegen, als die Reisewarnung kam." So war Ströhle als Experte für giftige Tiere zumindest zur Stelle, als die gefährliche Trichternetzspinne auf einem aus Spanien importierten Olivenbaum in Pirk landete.

Die Welt ist eben ständig bei ihm zu Hause zu Gast. Der Entomologe steht im Austausch mit internationalen Insektenforschern und Museen (z. B. in Südafrika, Polen, Russland). Gerade hat er mehrere Falter aus Äthiopien für eine Sendung nach Brasilien fertig gemacht. "Viel Arbeit. Die Schmetterlinge werden in kleinen Tütchen verschickt. Natürlich muss alles genau für den Zoll beschriftet sein", erklärt der Experte. Einem polnischen Studenten, der eine neue Schmetterlingsart auf Mauritius entdeckt hat, unterstützt er bei dessen Doktorarbeit mit Vergleichsfaltern aus Afrika. "Es macht Spaß, und du lernst immer wieder neue Leute kennen", schwärmt Ströhle. "Wir hatten in der Vergangenheit oft bis zu 17 Gäste aus aller Welt im Haus."

250 000 Schmetterlinge

Bereits mit 5 Jahren packte ihn die Leidenschaft. "Da brachte ich den ersten Wolfsmilchschwärmer nach Hause. Mein Vater baute eine Zuchtkiste, und als die ersten Schwärmer schlüpften, präparierte er diese und bestellte den ersten Schaukasten. Nachdem drei Kästen an der Wand hingen, kaufte mir meine Mutter einen Sammlungsschrank, damit die Tiere nicht verblassten. Mit 14 Jahren reiste ich durch Europa. Und mit 20 ging's nach Marokko, das war meine erste entomologische Reise. Heute zählt meine wissenschaftliche Sammlung 2000 Kästen", sagt der Weidener stolz. Sie beherbergt rund 250 000 präparierte Insekten. Das Wissen darüber habe er sich ohne ein Studium erarbeitet. Es könnte, so Ströhle, die größte Sammlung in Europa sein. Genau wisse er das aber nicht.

Sein Hobby begeistert die ganze Familie. Während die älteren Kinder außer Haus sind, helfen die beiden jüngeren Söhne Tim (14) und Dominik (16) sowie Ehefrau Liliya bei der Aufzucht der Falter. Seine Frau dolmetscht auch, wenn notwendig. Die gebürtige Ukrainerin hat selbst Spaß an den Tieren und züchtet unter anderem Gespenstheuschrecken. Die Hochzeitsreise führte das Paar vor 20 Jahren nach Tuva an die Grenze zwischen China und Sibirien. "Ein einziges Abenteuer", lacht die 42-Jährige.

Manfred Ströhle sammelt und züchtet Schmetterlinge. Einige Falter sind nach ihm benannt. Seit kurzem auch ein Ohrwurm in Südafrika. "Wir Experten tauschen viel. Nur so können Arten verglichen werden und neue bestimmt werden. Das Präparieren gehört dazu." Im ganzen Haus und im Garten stehen Kübel mit Futterpflanzen für Raupen, dienen Plastikboxen als Brutkästen und im Gemüsefach im Kühlschrank überwintern Schmetterlingskokons. Nebenbei gackern Hühner und begrüßen der belgische Schäferhund und eine Bartagame namens Hugo die Besucher.

Video: Zu Besuch bei Insektenkundler Manfred Ströhle in Weiden

Gefragter Experte

Das Tier aus Australien hat Ströhle vor 5 Jahren zu sich genommen. Ebenso drei amerikanische Kornnattern, die jetzt im Terrarium im Kinderzimmer Heimat gefunden haben. Alles Fundtiere. Bei Polizei, Feuerwehr und der ILS ist Manfred Ströhle als Experte für exotische und giftige Tiere gelistet. So alle zwei Monate sei sein Rat gefragt, erzählt er. Mit Fundtieren hat er auch als Polizist zu tun gehabt. "Sie glauben ja nicht, wo wir die Tiere überall gefunden haben." So "bewachte" Bartagame Hugo einen Schrank voller Rauschgift und die Kornnattern lagen auf einer Mülldeponie. Auch an Ginsterkatzen, einen Waran und einen 4 Meter langen Python kann sich Ströhle erinnern. Wo immer er kann, klärt er über die Haltung von exotischen Tieren auf, durchforstet das Angebot in Privatannoncen. anches Tierleid habe er so schon abwenden können.

Info:

Ströhle: "Einfach mal wachsen lassen"

Traurig wird der Weidener Manfred Ströhle, wenn er durch die Region streift. „95 Prozent der Schmetterlingsarten gibt es nicht mehr“, bedauert der Entomologe (Insektenkundler). Gefragt nach der Gesamtsituation in Weiden und dem Landkreis Neustadt/WN, bezeichnet er diese als schlichtweg „arm“. Noch immer werde auf den Feldern zu viel gespritzt oder auf Monokulturen wie Mais gesetzt.

Bienenfreundliche Blühwiesen alleine reichten nicht. „Auch Raupen und die späteren Schmetterlinge brauchen Futterpflanzen wie Sauerampfer, Klee oder Löwenzahn. Das wächst vor allem auf naturbelassenen Wiesen“, sagt Ströhle. „Diese Flächen sollten so spät wie möglich gemäht werden.“ Auch blühende Straßenränder betreffe das. Hier rückten die Verantwortlichen oft viel zu schnell zur Mahd an.

Der Schmetterlingsexperte will sich für ein Naturschutzprojekt am Brandweiher einsetzen. Hier möchte er den Lebensraum für den seltenen Ameisenbläuling erhalten und Trockenwiesen anlegen, auf denen unter anderem die Futterpflanze des Bläulings wachsen kann, der Große Wiesenknopf. Die Jugendgruppen der Naturfreunde und der Falken hätten Interesse an einer Mitarbeit. Da ein paar Bäume gefällt werden müssten, stünden Gespräche mit dem Eigentümer des Grundstücks noch aus. (shl)

Pirker findet Trichternetzspinne in Olivenbaum

Weiden in der Oberpfalz
Kommentar:

Sagen, was Sache ist

Die meiste Zeit sitzt Manfred Ströhle am Präparationstisch, pikst Schmetterlinge auf Nadeln und beschriftet Zettel mit den Lebensdaten der Falter. Doch mit einem eigenbrötlerischen Insektenforscher hat der 63-Jährige so gar nichts gemein. Sein Expertenblick schweift von Weiden aus weit hinaus in die Welt. Ströhle ist gut vernetzt, vielgereist, genießt als Hobby-Entomologe Anerkennung und sagt, was viel mehr zählt, was Sache ist. Mit Sorge beobachtet er das zunehmende Insektensterben. Er will wachrütteln – Gartenbesitzer ebenso wie Entscheidungsträger in Rathäusern. Er kämpft gegen Schottervorgärten und für mehr blühende Wiesen. Damit Kohlweißling & Co nicht die große Flatter machen.

Von Stephanie Hladik

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