19.03.2021 - 09:30 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Faktencheck: Lungenschäden durch Corona-Impfung?

Auf Whatsapp kursiert eine Sprachnachricht, die sich auf Dr. Sherri Tenpenny (USA) bezieht. Diese warnt vor Schäden an Lunge und Körper durch die Corona-Impfung. Ein Experte aus Regensburg klärt auf.

Verursacht der Impfstoff "Comirnaty" von Biontech/Pfizer gegen das Coronavirus schwere Schäden im Körper? Dieses Gerücht kursiert gerade in einer Whatsapp-Nachricht. Totaler Unsinn, sagt ein Mediziner aus Regensburg.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Die Unsicherheit gegenüber der Corona-Impfung ist bei vielen Menschen groß. Und das nicht erst seit den Bedenken gegenüber dem Astrazeneca-Impfstoff, er könnte in Zusammenhang mit dem Auftreten einer seltenen Thrombose-Form stehen. Nach einem Interview mit Dr. Sherri Tenpenny in den USA kursiert seit Kurzem auch in Deutschland eine Whatsapp-Nachricht, die diese Bedenken befeuert. In der rund 11 Minuten langen Sprachnachricht, übersetzt eine bislang unbekannte Frau Tenpennys Aussagen ins Deutsche, und erklärt, warum die Corona-Impfung von Biontech/Pfizer zu Schäden im Körper und schließlich zum Tod führen könnte.

Hintergrund zur Person

Obwohl Tenpenny und damit auch die Übersetzerin in der Sprachnachricht mit medizinischen Fachbegriffen um sich werfen und vermeintlich logische, wissenschaftliche Zusammenhänge erklären, ist der größte Teil der Informationen in der Nachricht an den Haaren herbeigezogen, wie Professor Bernd Salzberger, Bereichsleiter Infektiologie am Uniklinikum Regensburg und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, erklärt: "Da kennt jemand die Grundlagen der Immunologie nicht."

Ein Hintergrund-Check zur Person macht deutlich: Der vermeintlichen Ärztin fehlt bei ihren Aussagen wissenschaftliches Wissen. Professor Salzberger erklärt: "Die Dame ist „Osteopathin“, das heißt, sie hat ihr Medizinstudium nicht an einer wissenschaftlichen Universität gemacht. Das merkt man an vielen Stellen, an denen sehr merkwürdige Vorstellungen von immunologischen Prozessen erörtert werden."

In den USA ist Tenpenny als Anti-Impf-Aktivistin bekannt, die die wissenschaftlich widerlegte Hypothese vertritt, Impfungen könnten Autismus auslösen. 2015 wurde eine Vortragsreise zu ihren Büchern in Australien abgesagt, da sie mit ihren Ansichten zur Impfung "gegen den wissenschaftlichen Konsens verstoße".

Behauptungen im Faktencheck

Prof. Bernd Salzberger hat einen Blick auf die Behauptungen in der Sprachnachricht von Sherri Tenpenny geworfen und erklärt, was wahr daran ist – und was nicht.

Behauptung: Der Impfstoff von Pfizer beruht auf einem Mechanismus, der nie zuvor in einem Impfstoff eingesetzt wurde.

Antwort: "Das ist insofern richtig, als ein solcher Impfstoff zum ersten Mal zugelassen wurde und nun breit eingesetzt wird. Die Entwicklung von Impfstoffen mit diesem Mechanismus läuft allerdings schon seit ungefähr 20 Jahren." Warum setzt man die neuen Impfstoffe überhaupt ein? Wie beim Robert-Koch-Institut nachzulesen ist, haben mRNA-basierte Impfstoffe den Vorteil, dass eine große Anzahl Impfdosen innerhalb weniger Wochen hergestellt werden kann. Dies ist bei bisherigen, herkömmlichen Impfstoffen nicht der Fall.

Behauptung: Die Reaktion auf das Spike-Protein (aus dem Impfstoff) erzeugt im Körper einen nicht-neutralisierenden Antikörper, der eine antikörperabhängige Verstärkung erzeugt und so die ständige Selbst-Replikation des Spike-Proteins ermöglicht.

Antwort: Was hoch wissenschaftlich klingt, ist "Unsinn", sagt Professor Salzberger. "Man hat anfangs befürchtet, dass durch Antikörper eine Infektion schwerer verlaufen könnte – doch ist seit langem klar, dass das für SARS-CoV-2 nicht gilt." Auch das Robert-Koch-Institut sagt eindeutig: "Sie [Anmerkung d. Redaktion: die mRNA aus dem Impfstoff] wird nicht in DNA umgebaut und hat keinen Einfluss auf die menschliche DNA, weder in Körperzellen noch in Keimbahnzellen. Nach dem Abbau der mRNA findet keine weitere Produktion des Antigens statt."

Behauptung: Das Spike-Protein im Impfstoff (und die Antikörper dagegen) verursachen Schäden im Körper. Dabei bindet die RNA an Antikörpern und wird deshalb nicht von den Makrophagen aufgenommen. RNA wird freigesetzt und vervielfältigt sich. Über diesen Mechanismus wird die RNA aus dem Impfstoff in unsere Zellen und unsere DNA transportiert.

Antwort: "Das ist soviel Unsinn, dass man es gar nicht im Einzelnen bewerten mag", sagt Professor Salzberger. "RNA kommt im Körper nicht isoliert vor, die würde sofort abgebaut. Und RNA bindet nicht an Antikörper – da kennt jemand die Grundlagen der Immunologie nicht." Auch beim Bundesministerium für Bildung und Forschung heißt es: "Bei mRNA handelt es sich um ein Botenmolekül, das nicht in die DNA einer Zelle eingebaut werden kann und relativ schnell vom Körper abgebaut wird. Eine Veränderung des Erbguts, das heißt eine Beeinträchtigung der Keimzellen (Eizellen/Spermien), kann damit nicht stattfinden."

Behauptung: Das Spike-Protein (und die produzierten Antikörper) aus dem Impfstoff können die Lunge und das Lungengewebe zerstören. Es kann zu Eiter und Blutungen kommen.

Antwort: "Dafür gibt es erneut keinerlei Anhaltspunkte", sagt Salzberger. Beim RKI heißt es: "Bei in Europa zugelassenen Impfstoffen wurde im Rahmen kontrollierter klinischer Prüfungen beim Menschen deren Qualität und Herstellung, Unbedenklichkeit und Wirksamkeit geprüft." Wie bei jeder Impfung, könnten auch nach der Covid-19-Impfung Impfreaktionen und Nebenwirkungen auftreten. Bisher sind vor allem leichte Symptome bekannt: "Die häufigste lokale Reaktion waren Schmerzen an der Einstichstelle. Unter den systemischen Reaktionen waren Abgeschlagenheit sowie Kopfschmerzen die häufigsten Ereignisse." Schwere unerwünschte Ereignisse mit hohem Schweregrad und solche, die als lebensbedrohlich klassifiziert wurden, traten in der Impfstoff- und Placebogruppe gleich häufig auf. Weder in der Impfstoff- noch in der Placebogruppe traten Todesfälle auf, die auf die Injektion des Impfstoffs oder der Kochsalzlösung zurückzuführen waren.

Behauptung: Die gebildeten Antikörper gegen das Spike-Protein können die eigenen Makrophagen angreifen und zerstören.

Antwort: "Antikörper greifen keine Makrophagen an, das ist Unsinn", erklärt Professor Salzberger. Makrophagen ("Fresszellen") haben die Aufgabe in den Körper eingedrungene Erreger wie Bakterien, Viren oder Toxine zu vernichten.

Behauptung: Menschen werden kurze Zeit nach der Impfung mit dem Pfizer-Impfstoff gegen das Coronavirus schwer erkranken oder sterben.

Antwort: Für die Unwahrheit der These ist für Professor Salzberger die Realität der beste Beweis: "Die ersten Studien mit dem Biontech-Impfstoff sind jetzt vor einem Jahr gelaufen – nichts passiert bisher." Auch das RKI erklärt: Die Erfahrungen mit vielen Impfstoffen über viele Jahre hätten gezeigt, dass die meisten Nebenwirkungen kurze Zeit nach der Impfung auftreten. Impfstoffe würden aber auch nach der Zulassung durch das Paul-Ehrlich-Institut weiter aktiv überwacht, sodass hier immer mehr Erkenntnisse zur Langzeitsicherheit, insbesondere sehr seltenen Nebenwirkungen, in den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen gewonnen werden. Das Institut veröffentlicht regelmäßig Sicherheitsberichte zu den Covid-19-Impfstoffen, die im Internet einsehbar sind. Nach Informationen des Berichts vom 4. März kamen bislang vor allem vorübergehende Lokalreaktionen und Allgemeinreaktionen vor, die bereits aus den Zulassungsstudien bekannt waren. Zu anaphylaktischen (starken allergischen) oder schwerwiegenden Reaktionen kam es nur in seltenen Fällen.

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Hintergrund:

Impfstoff-Typen

  • Lebendimpfstoffe: Lebendimpfstoffe enthalten Erreger, die sich zwar noch vermehren können aber deren krankmachende Eigenschaften abgezüchtet wurden. Beispiele sind Impfstoffe gegen Mumps, Masern und Röteln.
  • Totimpfstoffe: Totimpfstoffe enthalten abgetötete, also nicht mehr vermehrungsfähige Krankheitserreger. Hierzu zählt man auch solche Impfstoffe, die nur Bestandteile oder einzelne Moleküle dieser Erreger enthalten. Beispiele sind Impfstoffe gegen Hepatitis A und Influenza.
  • Genbasierte Impfstoffe (mRNA/DNA): Bei diesen Impfstoffen werden gentechnische Informationen für den Aufbau eines Proteins (eines Antigens) übertragen. Ähnlich der Infektion mit einem Virus, beginnt die Zelle mit der Produktion von Proteinen, die als Antigene dem Immunsystem präsentiert werden und eine Immunantwort auslösen.
  • Vektorimpfstoffe: Vektorimpfstoffe bestehen aus für den Menschen harmlosen Viren, den sogenannten Vektoren. Die Vektoren sind im Menschen nicht oder nur sehr begrenzt vermehrungsfähig. Beispiele für Vektorimpfstoffe sind der Impfstoff gegen Ebola oder der Corona-Impfstoff von Astrazeneca.

Quelle: Bundesministerium für Bildung und Forschung

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