25.11.2019 - 19:39 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Feueralarm im NOC: Flucht mit Hindernissen

Der Feueralarm am Kathrein-Sonntag im Nordoberpfalz-Center in Weiden wirft Fragen auf: Wie kommen Rollstuhlfahrer aus dem Gebäude? Aufzüge dürfen im Ernstfall nicht benutzt werden, auch die Rolltreppen funktionieren dann nicht.

Ertönt Feueralarm, bleiben Rolltreppen stehen.
von Wolfgang Fuchs Kontakt Profil

Als im Einkaufszentrum NOC am verkaufsoffenen Sonntag der Feueralarm ertönt, beginnt das Sicherheitspersonal sofort mit dem Evakuieren. Die Besucher verlassen das Gebäude. Währenddessen ist die Vohenstraußerin Gabi Beer im Untergeschoss unterwegs. Mit dabei: ihr Vater, ein Rollstuhlfahrer. In einem Facebook-Kommentar schreibt sie später: "Keine Chance, mit Rollstuhl das Gebäude zu verlassen. Aufzüge darf man nicht benutzen, und ansonsten nur Treppen, allerdings ohne Rampen. Wie sollen wir die vielen Stufen hochkommen?" Letztlich hätten ihr Sohn und ein Freund den Vater "mit Mühe hochtragen müssen". Sie beklagt: "Wenn wirklich Feuer ausbricht, haben Rollstuhlfahrer und Kinderwagen keine Chance." Sie fordert Rampen an den Treppen.

Doch Rampen sehe der in Deutschland streng geregelte Brandschutz nicht vor, betont Alexander Grundler, Behindertenbeauftragter der Stadt, auf Nachfrage. Es sei klar vorgeschrieben, dass es für den Notfall einen Ort geben müsse, "wo nicht gehfähige Personen auf Hilfe warten können" und der eine ausreichend lange Zeit Schutz vor Feuer und Rauch bietet. Das NOC erfülle die Anforderungen in jeder Hinsicht. Es gebe im ganzen Haus Brandabschnitte, die sich im Notfall automatisch verriegeln.

Sicher im Treppenhaus

Die Fluchtwege seien immer offen und klar beschildert, betont auch NOC-Managerin Reinhild Holthaus. Philipp Kaufmann, Manager des City Center, beruhigt ebenfalls: "In Deutschland gelten hohe Sicherheitsstandards. Ein Haus muss die Brandschutzauflagen erfüllen, damit es überhaupt eröffnen darf." Das bestätigt Robert Kraus, stellvertretender Geschäftsleiter bei Wöhrl Weiden, und fügt hinzu: "Bei Alarm müssen Rollstuhlfahrer durch die Brandschutztüren nach draußen ins Treppenhaus." Dort seien sie "mindestens eineinhalb Stunden" in Sicherheit.

So lange müssen sie jedoch nicht warten, denn die Feuerwehr muss "innerhalb von zehn Minuten" vor Ort sein, sagt Stadtbrandrat Richard Schieder. Zum NOC brauche sie sogar nur sieben Minuten. Sobald die Einsatzkräfte beim Gebäude ankommen, gehen sie hinein und prüfen. Dabei müssen sie nicht lange suchen, denn "die Feuerwehr weiß, wo Alarm ausgelöst wurde".

Personal muss helfen

Nach Aussage von Gabi Beer hat das Sicherheitspersonal ihren Vater ins Treppenhaus verwiesen anstatt zu helfen. Dass Sicherheitskräfte die Hilfe verweigert haben, könne sie sich nicht vorstellen, betont Holthaus. "Das Personal muss Hilfsbedürftigen helfen. Wir würden nie jemanden im Stich lassen." Sie wolle dem Vorwurf jedoch auf jeden Fall nachgehen. Als oberste Priorität gelte stets: "Jeder muss sofort raus aus dem Gefahrenbereich."

Wie berichtet, musste das NOC am Sonntag um 14.45 Uhr für eine halbe Stunde evakuiert werden.Die Ursache für den Alarm war Qualm in einer Küche im Untergeschoss. Nach einer halben Stunde konnten die Besucher zurück ins Center. Das Räumen hatte weniger als zehn Minuten gedauert. Die Kunden verließen das NOC über die drei Hauptzugänge: im Erdgeschoss über den Macerata-Platz und die Mohrenstraße, im ersten Obergeschoss über die Brücke und das Parkhaus.

Kommentar:

Ruhe bewahren bei Feueralarm

Ertönt Feueralarm, will jeder möglichst zügig und ruhig das Gebäude verlassen, in dem er sich befindet. Einem Rollstuhlfahrer mit Familie war das am Sonntag im Einkaufszentrum NOC nicht möglich: Aufzüge und Rolltreppen durfte aus Sicherheitsgründen niemand mehr benutzen. Nur Treppen führten aus dem Untergeschoss nach oben.
Anstatt das Gebäude zügig zu verlassen, konnten die Betroffenen nur beobachten, wie andere das taten. Sie selbst sahen dazu keine Möglichkeit. Zwar hängen im NOC überall Hinweistafeln, die beschreiben, wie man sich im Notfall verhalten sollte. Den Betroffenen wird in diesem Moment die Muße gefehlt haben, diese zu studieren. Ganz ehrlich, geht es uns nicht allen so? Wer kennt schon den Fluchtplan im Büro, in dem er arbeitet? Wer kann beim Abflug wiederholen, was die Stewardess soeben erzählt hat. Wer liest die Sicherheitsvorschriften im Hotel, in dem er eincheckt?
Generell kann es nicht schaden, wenn sich bei Zeiten jeder einmal mit solchen Themen beschäftigt, um im Fall der Fälle weise handeln zu können – für sich und andere, die sich nicht helfen können. Das dauert nicht lange, kann jedoch irgendwann einmal wichtig werden, strengsten und ausgefeiltesten Sicherheitsvorkehrungen zum Trotz.

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Uwe Bruckner

Vor 10 Jahren ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland in Kraft getreten. Unter anderem ist hier auch der Begriff "Barrierefreiheit" eines der umzusetzenden Ziele, um die Teilhabe behinderter Menschen in der Gesellschaft zu ermöglichen.
Zum Vorfall im NOC finde ich die Aussage des stellvertretenden Geschäftsleiters bei Wöhrl Weiden interessant. "Ein Haus muss die Brandschutzauflagen erfüllen, damit es überhaupt eröffnen darf." Und er fügt hinzu: "Bei Alarm müssen Rollstuhlfahrer durch die Brandschutztüren nach draußen ins Treppenhaus." Dort seien sie "mindestens eineinhalb Stunden" in Sicherheit. Nachdem Wöhrl nicht im NOC ist stellt sich die Frage, ist dieser Sachverhalt auch dem Personal im NOC bekannt und wird er im Bedarfsfall auch so an die Betroffenen weitergegeben?

26.11.2019